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Das große Suchen hat begonnen

Was dem Verteidigungsminister Guttenberg im Moment vorgeworfen wird ist peinlich und (wenn es sich als wahr herausstellt) wirklich verwerflich: Er soll sich in seiner Doktorarbeit unter anderem bei CDU-Politikern, Wissenschaftlern, Juristen und Journalisten bedient haben – an sich nicht verwerflich, jedoch tat er dies alles, ohne anscheinend korrekt zitieren zu haben.
Verweise auf die jeweiligen Artikel sind entweder gar nicht oder unzureichend in den Fußnoten und im Literaturverzeichnis der Guttenberg-Dissertation zu finden.

Nun hat die Universität Bayreuth, bei der der CSU-Politiker seine 475 Seiten starke Doktorarbeit mit dem Titel „Verfassung und Verfassungsvertrag“ an der juristischen Fakultät 2006 einreichte, den Verteidigungsminister aufgefordert, binnen zwei Wochen zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen.
Die möglichen Konsequenzen reichen von der Aufforderung, die Doktorarbeit nachzubessern, bis hin zur Aberkennung des Doktortitels.

Nun ist interessant, dass sich im Netz eine Bewegung entwickelt hat, die die Dissertation Guttenbergs genau unter die Lupe nimmt. Auf der Seite „GuttenPlag Wiki“ sammeln freiwillige Rechercheure ununterbrochen dubiose Fundstellen aus der Doktorarbeit des Verteidigungsministers. Inzwischen sollen es bereits 76 sein – das wären 16 % der Seiten in der Dissertation. Ob es sich jedoch wirklich um Textstellen ohne eindeutige Quellenverzeichnisse handelt, ist bis jetzt ungeklärt.

Quellen:

http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/Plagiate
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,746251,00.html
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,745919,00.html

News crawling per „fast flip“

Der Nachrichtenservice des größten Suchmaschinenbetreibers soll zukünftig neben übersichtlicher Newssammlung auch Titelseiten-Stöbern per Tastendruck ermöglichen.

Am 14. September letzten Jahres startete der virtuelle Betaspielplatz Google Labs seinen „fast flip„-Testlauf und baute das Experiment wenig später in seine amerikanische Google News-Seite ein. Nutzer anderer Länder (bzw. IP-Adressen) müssen sich allerdings noch etwas gedulden, bis auch sie direkt auf der Newsseite in den Genuss ganzseitiger Titelvorschauen diverser Onlinemedien kommen (oder direkt per Google Labs stöbern). Über 90 englischsprachige Anbieter konnte Google überzeugen ihren Webcontent per „fast flip“ verlinken zu lassen, darunter BBC News, New York Times und Playboy. Letzterer allerdings zum Leidwesen einiger User, die überrascht feststellen mussten, dass ihre Kinderschutzsoftware mit dem neuen Feature noch nicht mithalten kann.

„fast flip“ bricht mit dem sterilen Minimalismus von GoogleNews und nutzt dennoch althergebrachte Features wie nutzergenerierte Themencluster oder Rankings der am häufigsten gesuchten Begriffe. Die Standardansicht präsentiert eine Vorauswahl verschiedener Titelscreenshots, basierend auf aktuellen Newstrends. Ein Klick auf ansprechende Artikel öffnet eine größere Vorschau (ohne Blockersoftware umrahmt von Werbung), erst der 3. Klick führt direkt zur Anbieterseite. Dies mag zwar vielen potentiellen Anbietern sauer aufstoßen (evtl. hat der Leser schon durch die recht generöse Vorschau genug erfahren und spart sich einen Besuch auf der „echten“ Homepage), immerhin werden Partner von Google an den Erlösen aus der geschalteten Werbung beteiligt.

In der „recommended“-Sektion verlässt sich Google nicht nur auf Algorithmen, sondern lässt User per Klick Empfehlungen aussprechen. Ähnlich wie bei social news sites wie reddit.com oder digg.com entscheiden Nutzer dann per Abstimmung über die Relevanz vorgeschlagener Beiträge. Das bei meinem Besuch allerdings „Vampire movies miss their ‚John Wayne‘ moment“ Rang 3 belegte sei mal dahin gestellt…

Expertise im Journalismus: verdecktes Lobbying?

Gern wird im Journalismus, egal ob nun in Print-, Onlinemedien, Fernsehen oder Radio, auf  „Expertenmeinungen“ zurückgegriffen. Entsprechend einer idealistischen Theorie soll dies der Qualitätssicherung dienen und unterschiedliche „ExpertInnen“ sollen unterschiedliche Aspekte eines Phänomens beleuchten, um zur Meinungsbildung und zum Wissenstransfer bzw. -austausch beizutragen.
In der Realität kann der Expertenstatus an sich aber auch zum Problem werden. Einerseits findet eine Hierarchisierung von Wissensformen statt, bei dem ein Individuum, das diesen Expertenstatus zugeschrieben bekommt, automatisch in eine höhere Position setzt: es bekommt „Vorschusslorbeeren“ in Form von Vertrauen, manchmal auch blindem, und Raum sich zu artikulieren. Dabei stellt sich die Frage, aufgrund welcher Kriterien eine Person diesen Expertenstatus zugewiesen bekommt und aufgrund welcher Kriterien solch ein Status vorenthalten bleibt und wer dies entscheidet.
Ein weiterer problematischer Aspekt: kein Individuum ist frei von Interessen. Auch „ExpertInnen“ nicht. Allein durch den Begriff wird aber schon Neutralität suggeriert, was die Infragestellung einer Expertenmeinung erschwert. Hierdurch kommt der Expertenrolle in unserer Gesellschaft eine besondere Bedeutung zu. Daneben können auch äußerliche (ökonomische) Interessens- bzw. Rollenkonflikte auftreten: Aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Organisation werden Sachverhalte im Interesse der jeweiligen Organisation dargestellt und Informationen ausgewählt. Dies machen sich sowohl NGOs, als auch Unternehmen, Wirtschaftsverbände und Think Tanks zunutze und stellen ihre jeweiligen „ExpertInnen“ auf, die ihre Interessen vertreten sollen.
Durch den Expertenstatus, der häufig dazu benutzt wird bestimmte Ansichten allein durch diesen Status, unabhängig von Inhalten, als „wahrer“ darzustellen als eine andere, macht sich eine Person unangreifbarer, sie besitzt also eine gewisse Macht. Zwar ist es theoretisch möglich sie öffentlich zu hinterfragen, allerdings nur, wenn man einen gleich hohen Expertenstatus innehat wie diese, was die wirksame Kritisierbarkeit deutlich eingrenzt. So kann ein gleichwertiger Diskurs nur auf Expertenebene geführt werden. Dies impliziert, dass vielen gesellschaftliche Gruppen bzw. Individuen keine gleichwertige Einflussmöglichkeit auf den öffentlichen Diskurs haben. Der Expertenstatus wird also vornehmlich zur Austragung von Interessenskonflikten, Erlangung von Macht und Verteidigung von Machtansprüchen benutzt. Dies ist allerdings nur möglich, wenn die Expertenrolle einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert genießt.

Auch die Massenmedien tragen ihren Teil dazu bei, wenn sie versuchen Expertise als „Objektivität“ zu verkaufen, und verdecktem Lobbying Raum geben, indem als „wissenschaftlicher Experte“ vorgestellt wird, wer vornehmlich Interessen bestimmter Organisationen vertritt.
Häufig werden diese Hintergründe nicht transparent gemacht, was zusätzlich für die RezipientInnen Probleme bereitet die Aussagen entsprechend einzuordnen. Wenn dann auch noch ein Ungleichgewicht erzeugt wird, indem vornehmlich „ExpertInnen“, die bestimmte Interessen bewerben, bevorzugt werden, führt das die eingangs genannte Vorstellung von Expertise als gegenseitige Aufklärung, Wissensvermittlung und Diskurs ad absurdum. Bestimmte Interessen werden als Expertenmeinungen dargestellt und damit als „Wahrheit“ neutralisiert. Andere Interessen werden vom Neutralitätsanspruch ausgegrenzt und sind damit weniger glaubwürdig.

Um zu veranschaulichen was dies bedeutet: Es ist sicherlich einleuchtend, dass ein von RWE beauftragter „Experte“ das Problem der Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken anders argumentativ aufbereiten und für eine anderen Umgang damit plädieren würde als eine Robin Wood-„Expertin“. Wenn beiden der gleiche Status in Form von Glaubwürdigkeit, Fairness und Redezeit eingeräumt wird, ist von Seiten der Medien Ausgewogenheit gewährleistet. Falls der RWE-Lobbyist als „Kernkraft-Experte“ vorgestellt wird, die Robin Wood-Lobbyistin aber als „Anti-AKW-Aktivistin“ wird ein gleichwertiger Diskurs von journalistischer Seite von vornherein ausgeschlossen. Dies kann auch erreicht werden, indem der RWE-„Experte“ viel häufiger mediale Auftritte bekommt als die Robin Wood-„Expertin“ und damit mehr Chancen hat für „seine“ Interessen zu werben und andere davon zu überzeugen. Diese verschiedenen Strategien können auch kombiniert auftreten, was ihre Wirkung noch verstärkt.
Dass dieses Problem nicht nur theoretisch auftreten kann, sondern sich tatsächlich in Teilen der Massenmedien, so oder ähnlich abspielt, sollen folgende Beispiele aus  Polit-Talkshows der ARD verdeutlichen:
Laut einer Analyse der mittlerweile eingestellten Sendung „Sabine Christiansen“ von der Initiative Lobby Control (1) fand eine überwiegend einseitige Einladung von „Experten“ [fast ausschließlich Männer] aus dem marktliberalen Spektrum statt. Sie wurden meist als „wissenschaftliche Experten“ für ein Thema vorgestellt und ihrer Universität bzw. ihrem Institut zugeordnet. Viele dieser eingeladenen „Experten“ standen u.a. in Verbindung mit der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (eine vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall geförderten neoliberalen Reforminitiative; Abk. INSM), ohne dass diese Hintergründe offengelegt wurden. Ein kritischer Wissenschaftler wurde hingegen als linker Ökonom vorgestellt und damit ideologisch verortet, ohne dass andere als „rechte“ oder „marktliberale Ökonomen“ vorgestellt wurden. Die Anzahl von Gästen aus Sozialverbänden oder zivilgesellschaftlichen Organisationen war verschwindend gering. Auch bei Sendungen, die soziale Themen zum Schwerpunkt hatten, kamen maßgeblich Arbeitnehmerinteressen zu Wort.
In der ARD-Talkshow „Anne Will“ ist ebenfalls ein gehäufter Anteil einseitiger Interessen zu beobachten, wie die taz am Beispiel der überproportionalen Beteiligung von INSM-BotschafterInnen aufzeigt. (2, 4) Brisant ist hierbei auch die enge Verbindung der Person Anne Will zur INSM, für die sie u.a. im Jahr 2002 einen Kongress moderierte. INSM-Botschafter sind anscheinend nicht nur in Polit-Talkshows gefragte Gesprächspartner, sondern werden bei ARD und SWR auch gern als „Experten“ zu bestimmten Themen interviewt.

Dass ausgerechnet die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten so offensichtlich einseitige Interessen bedienen verwundert, wenn man sich den § 8 (Programmgestaltung) des NDR-Staatsvertrages ansieht:
„Der NDR ist in seinem Programm zur Wahrheit verpflichtet. Er hat sicherzustellen, dass
1.die bedeutsamen politischen, weltanschaulichen und gesellschaftlichen Kräfte aus dem Sendegebiet im Programm angemessen zu Wort kommen können,
2.das Programm nicht einer Partei, einer Interessengemeinschaft, einem Bekenntnis oder einer Weltanschauung dient und
3. in seiner Berichterstattung die Auffassungen der wesentlich betroffenen Personen, Gruppen oder Stellen angemessen und fair berücksichtigt werden.
Wertende und analysierende Einzelbeiträge haben dem Gebot journalistischer Fairness und in ihrer Gesamtheit der Vielfalt der Meinungen zu entsprechen. Ziel aller Informationssendungen ist es, sachlich und umfassend zu unterrichten und damit zur Selbstständigen Urteilsbildung der Bürger und Bürgerinnen beizutragen.“ (3)
[Ähnliches gilt für die Programmgrundsätze des SWR]

Diese Entwicklung der Medien hin zu Werbeflächen einseitiger Meinungsmacher auf Kosten von Pluralität verschärft Probleme, die mit dem Expertenstatus ohnehin verbunden sind, wenn seitens der Medien nicht auf Ausgewogenheit der Interessen geachtet wird:
„Die Förderung von nahestehenden Experten und Wissenschaftlern als ?Botschafter? bestimmter Ideen und Interessen gehört zu den wichtigen Strategien, mit denen eine gezielte Beeinflussung der Öffentlichkeit betrieben wird. Diese Strategie setzt darauf, dass zum einen diese Experten qua ihrer Rolle als Wissenschaftler eine höhere Glaubwürdigkeit besitzen und zum anderen ihre Lobby-Funktion selten thematisiert wird. Deshalb gehört es zu den journalistischen Aufgaben, solche Verbindungen gegenüber der Öffentlichkeit transparent zu machen.“ (Zitat: Analyse Lobby Control (1), S. 14 f.)

Massenmedialer Journalismus muss seinen Beitrag dazu leisten, dass ZuschauerInnen beurteilen können welche Interessen in einer Sendung oder anderen Publikation vertreten werden und welche nicht und letztlich auch, dass Ausgewogenheit von Interessen gewährleistet wird. Schließlich sonnen sich (insbesondere die öffentlich-rechtlichen) Medien gern in der Rolle der pluralistischen Interessensvermittlung und Repräsentation vielfältiger gesellschaftlicher Kräfte – und ziehen daraus nicht einen unerheblichen Teil ihrer Legitimation.

(1) www.lobbycontrol.de

(2) www.taz.de

(3) hh.juris.de

(4) www.ruhrbarone.de

Kritiken im Netz: Amateurjournalismus oder Schund?

Während in der Vor-Internet-Zeit kritische Besprechungen von Büchern, Filmen oder Musik fast ausschließlich von Journalisten in den klassischen Printmedien, Radio und TV verbreitet werden konnten, können Kritiken heute einfach im Internet verbreitet werden ? entweder auf privaten Homepages und Blogs, oder direkt bei großen Onlinehändlern direkt neben (oder unter) dem besprochenen Werk.

Klar, viele dieser Kritiken erfüllen ihren Zweck maximal leidlich. Aber möglicherweise findet sich bei genauerem Hinschauen auch die eine oder andere qualitativ anspruchsvolle Besprechung darunter. In jedem Fall scheinen Kritiken eine überaus beliebte Form der Partizipation im Internet zu sein, sowohl was den produzierenden Teil der User angeht (man braucht sich nur die enormen Mengen an Beiträgen bei den einschlägigen Online-Shops anschauen), als auch was den nur lesenden Teil der Nutzer betrifft ? Kunden überfliegen wohl so gut wie immer die vorhandenden Erfahrungsberichte.

Gerade bei den anspruchsvollen Beiträgen kommt bei mir die Frage auf, ob es sich hierbei schon um eine Form des Journalismus handeln könnte. Denn wo liegt eigentlich die Grenze zwischen Amateur und Profi bei diesem kulturjournalistischen Kerngeschäft? Nur am Renommee des Veröffentlichungsorgans kann es ja wohl nicht hängen, oder etwa doch? Und was sind eigentlich die Kernanforderungen an einen guten Kritiker ? im Gegensatz zu einem amateurhaften ?Leseerfahrungsbericht??

Ich bin mir unsicher, wo so eine Abgrenzung gezogen werden könnte, wahrscheinlich ist eine 100%ige Trennung auch gar nicht möglich. Wenn das so ist, könnten die besseren Kunden?rezensionen? aber durchaus journalistische Kriterien erfüllen.