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Expertise im Journalismus: verdecktes Lobbying?

Gern wird im Journalismus, egal ob nun in Print-, Onlinemedien, Fernsehen oder Radio, auf  „Expertenmeinungen“ zurückgegriffen. Entsprechend einer idealistischen Theorie soll dies der Qualitätssicherung dienen und unterschiedliche „ExpertInnen“ sollen unterschiedliche Aspekte eines Phänomens beleuchten, um zur Meinungsbildung und zum Wissenstransfer bzw. -austausch beizutragen.
In der Realität kann der Expertenstatus an sich aber auch zum Problem werden. Einerseits findet eine Hierarchisierung von Wissensformen statt, bei dem ein Individuum, das diesen Expertenstatus zugeschrieben bekommt, automatisch in eine höhere Position setzt: es bekommt „Vorschusslorbeeren“ in Form von Vertrauen, manchmal auch blindem, und Raum sich zu artikulieren. Dabei stellt sich die Frage, aufgrund welcher Kriterien eine Person diesen Expertenstatus zugewiesen bekommt und aufgrund welcher Kriterien solch ein Status vorenthalten bleibt und wer dies entscheidet.
Ein weiterer problematischer Aspekt: kein Individuum ist frei von Interessen. Auch „ExpertInnen“ nicht. Allein durch den Begriff wird aber schon Neutralität suggeriert, was die Infragestellung einer Expertenmeinung erschwert. Hierdurch kommt der Expertenrolle in unserer Gesellschaft eine besondere Bedeutung zu. Daneben können auch äußerliche (ökonomische) Interessens- bzw. Rollenkonflikte auftreten: Aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Organisation werden Sachverhalte im Interesse der jeweiligen Organisation dargestellt und Informationen ausgewählt. Dies machen sich sowohl NGOs, als auch Unternehmen, Wirtschaftsverbände und Think Tanks zunutze und stellen ihre jeweiligen „ExpertInnen“ auf, die ihre Interessen vertreten sollen.
Durch den Expertenstatus, der häufig dazu benutzt wird bestimmte Ansichten allein durch diesen Status, unabhängig von Inhalten, als „wahrer“ darzustellen als eine andere, macht sich eine Person unangreifbarer, sie besitzt also eine gewisse Macht. Zwar ist es theoretisch möglich sie öffentlich zu hinterfragen, allerdings nur, wenn man einen gleich hohen Expertenstatus innehat wie diese, was die wirksame Kritisierbarkeit deutlich eingrenzt. So kann ein gleichwertiger Diskurs nur auf Expertenebene geführt werden. Dies impliziert, dass vielen gesellschaftliche Gruppen bzw. Individuen keine gleichwertige Einflussmöglichkeit auf den öffentlichen Diskurs haben. Der Expertenstatus wird also vornehmlich zur Austragung von Interessenskonflikten, Erlangung von Macht und Verteidigung von Machtansprüchen benutzt. Dies ist allerdings nur möglich, wenn die Expertenrolle einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert genießt.

Auch die Massenmedien tragen ihren Teil dazu bei, wenn sie versuchen Expertise als „Objektivität“ zu verkaufen, und verdecktem Lobbying Raum geben, indem als „wissenschaftlicher Experte“ vorgestellt wird, wer vornehmlich Interessen bestimmter Organisationen vertritt.
Häufig werden diese Hintergründe nicht transparent gemacht, was zusätzlich für die RezipientInnen Probleme bereitet die Aussagen entsprechend einzuordnen. Wenn dann auch noch ein Ungleichgewicht erzeugt wird, indem vornehmlich „ExpertInnen“, die bestimmte Interessen bewerben, bevorzugt werden, führt das die eingangs genannte Vorstellung von Expertise als gegenseitige Aufklärung, Wissensvermittlung und Diskurs ad absurdum. Bestimmte Interessen werden als Expertenmeinungen dargestellt und damit als „Wahrheit“ neutralisiert. Andere Interessen werden vom Neutralitätsanspruch ausgegrenzt und sind damit weniger glaubwürdig.

Um zu veranschaulichen was dies bedeutet: Es ist sicherlich einleuchtend, dass ein von RWE beauftragter „Experte“ das Problem der Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken anders argumentativ aufbereiten und für eine anderen Umgang damit plädieren würde als eine Robin Wood-„Expertin“. Wenn beiden der gleiche Status in Form von Glaubwürdigkeit, Fairness und Redezeit eingeräumt wird, ist von Seiten der Medien Ausgewogenheit gewährleistet. Falls der RWE-Lobbyist als „Kernkraft-Experte“ vorgestellt wird, die Robin Wood-Lobbyistin aber als „Anti-AKW-Aktivistin“ wird ein gleichwertiger Diskurs von journalistischer Seite von vornherein ausgeschlossen. Dies kann auch erreicht werden, indem der RWE-„Experte“ viel häufiger mediale Auftritte bekommt als die Robin Wood-„Expertin“ und damit mehr Chancen hat für „seine“ Interessen zu werben und andere davon zu überzeugen. Diese verschiedenen Strategien können auch kombiniert auftreten, was ihre Wirkung noch verstärkt.
Dass dieses Problem nicht nur theoretisch auftreten kann, sondern sich tatsächlich in Teilen der Massenmedien, so oder ähnlich abspielt, sollen folgende Beispiele aus  Polit-Talkshows der ARD verdeutlichen:
Laut einer Analyse der mittlerweile eingestellten Sendung „Sabine Christiansen“ von der Initiative Lobby Control (1) fand eine überwiegend einseitige Einladung von „Experten“ [fast ausschließlich Männer] aus dem marktliberalen Spektrum statt. Sie wurden meist als „wissenschaftliche Experten“ für ein Thema vorgestellt und ihrer Universität bzw. ihrem Institut zugeordnet. Viele dieser eingeladenen „Experten“ standen u.a. in Verbindung mit der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (eine vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall geförderten neoliberalen Reforminitiative; Abk. INSM), ohne dass diese Hintergründe offengelegt wurden. Ein kritischer Wissenschaftler wurde hingegen als linker Ökonom vorgestellt und damit ideologisch verortet, ohne dass andere als „rechte“ oder „marktliberale Ökonomen“ vorgestellt wurden. Die Anzahl von Gästen aus Sozialverbänden oder zivilgesellschaftlichen Organisationen war verschwindend gering. Auch bei Sendungen, die soziale Themen zum Schwerpunkt hatten, kamen maßgeblich Arbeitnehmerinteressen zu Wort.
In der ARD-Talkshow „Anne Will“ ist ebenfalls ein gehäufter Anteil einseitiger Interessen zu beobachten, wie die taz am Beispiel der überproportionalen Beteiligung von INSM-BotschafterInnen aufzeigt. (2, 4) Brisant ist hierbei auch die enge Verbindung der Person Anne Will zur INSM, für die sie u.a. im Jahr 2002 einen Kongress moderierte. INSM-Botschafter sind anscheinend nicht nur in Polit-Talkshows gefragte Gesprächspartner, sondern werden bei ARD und SWR auch gern als „Experten“ zu bestimmten Themen interviewt.

Dass ausgerechnet die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten so offensichtlich einseitige Interessen bedienen verwundert, wenn man sich den § 8 (Programmgestaltung) des NDR-Staatsvertrages ansieht:
„Der NDR ist in seinem Programm zur Wahrheit verpflichtet. Er hat sicherzustellen, dass
1.die bedeutsamen politischen, weltanschaulichen und gesellschaftlichen Kräfte aus dem Sendegebiet im Programm angemessen zu Wort kommen können,
2.das Programm nicht einer Partei, einer Interessengemeinschaft, einem Bekenntnis oder einer Weltanschauung dient und
3. in seiner Berichterstattung die Auffassungen der wesentlich betroffenen Personen, Gruppen oder Stellen angemessen und fair berücksichtigt werden.
Wertende und analysierende Einzelbeiträge haben dem Gebot journalistischer Fairness und in ihrer Gesamtheit der Vielfalt der Meinungen zu entsprechen. Ziel aller Informationssendungen ist es, sachlich und umfassend zu unterrichten und damit zur Selbstständigen Urteilsbildung der Bürger und Bürgerinnen beizutragen.“ (3)
[Ähnliches gilt für die Programmgrundsätze des SWR]

Diese Entwicklung der Medien hin zu Werbeflächen einseitiger Meinungsmacher auf Kosten von Pluralität verschärft Probleme, die mit dem Expertenstatus ohnehin verbunden sind, wenn seitens der Medien nicht auf Ausgewogenheit der Interessen geachtet wird:
„Die Förderung von nahestehenden Experten und Wissenschaftlern als ?Botschafter? bestimmter Ideen und Interessen gehört zu den wichtigen Strategien, mit denen eine gezielte Beeinflussung der Öffentlichkeit betrieben wird. Diese Strategie setzt darauf, dass zum einen diese Experten qua ihrer Rolle als Wissenschaftler eine höhere Glaubwürdigkeit besitzen und zum anderen ihre Lobby-Funktion selten thematisiert wird. Deshalb gehört es zu den journalistischen Aufgaben, solche Verbindungen gegenüber der Öffentlichkeit transparent zu machen.“ (Zitat: Analyse Lobby Control (1), S. 14 f.)

Massenmedialer Journalismus muss seinen Beitrag dazu leisten, dass ZuschauerInnen beurteilen können welche Interessen in einer Sendung oder anderen Publikation vertreten werden und welche nicht und letztlich auch, dass Ausgewogenheit von Interessen gewährleistet wird. Schließlich sonnen sich (insbesondere die öffentlich-rechtlichen) Medien gern in der Rolle der pluralistischen Interessensvermittlung und Repräsentation vielfältiger gesellschaftlicher Kräfte – und ziehen daraus nicht einen unerheblichen Teil ihrer Legitimation.

(1) www.lobbycontrol.de

(2) www.taz.de

(3) hh.juris.de

(4) www.ruhrbarone.de

Premiere-Übernahme durch Murdoch?

Mit der erneuten Beteiligung des Medienmoguls Rupert Murdoch an Premiere schreitet die Oligopolisierung der Medienlandschaft weiter voran. Nicht nur die Financial Times Deutschland und die Taz berichten, dass der Besitzer des drittgrößten transnationalen Medienkonzerns News Corporation diesmal nicht wie einst Minderheitengesellschafter, sondern mit fast 15 % der Anteile der größte Einzelaktionär des deutschen Pay-TV-Senders wurde. Murdoch begründet dies mit „enormen Wachstumschancen“ des deutschen Pay-TV-Marktes, wohl insbesondere in Bezug auf die zunehmende Digitalisierung des Fernsehens. Ein weiterer Vorteil dürfte das Mitspracherecht beim operativen Geschäft sein, was dem deutschen Kabelnetzbetreiber Unity Media weiterhin versagt bleibt. Auch der vorherige Anteilseigner, das Bankhaus Pictet, hatte bislang darauf verzichtet.

Durch den Kauf der Premiere-Anteile, nach Beteiligungen am britischen und italienischen Bezahlfernsehen, baut Murdoch seinen Einfluss auf den Pay-TV-Markt in Europa weiter aus, woraraufhin der Aktienkurs des Bezahl-Senders schlagartig in die Höhe schnellte. Branchenintern wird nun spekuliert, ob Murdoch plant Premiere auf lange Sicht komplett zu übernehmen, was aber von der News Corporation bislang bestritten wird.

Wichtig für Premiere sind weiterhin die Bundesliga-Rechte, die Leo Kirch heute vermarktet. Die Taz spekuliert schon mal, Rupert Murdoch könne sich da finanziell behilflich zeigen.

Zum weiterlesen:

Financial Times Deutschland

TAZ

Süddeutsche

Tagesspiegel

Presse schreibt bei Facebook ab

Ein User des Social Networks „Facebook“ erlaubte sich einen makaberen Scherz und veröffentlichte ein Profil in dem er sich als Bilawal Bhutto Zardari, den Sohn der ermordeten Benazir Bhutto und deren Nachfolger als Vorsitzender der Pakistanischen Volkspartei PPP, ausgab, inklusive persönlicher Vorlieben und politischer Ansichten. Neben diesem kursierten dort nach Angaben des Spiegel auch noch weitere gefälschte Profile des Sohnes der verstorbenen pakistanischen Oppositionsführerin.

Das ganze hätte wahrscheinlich kaum die Aufmerksamkeit von Spiegel, FAZ und Co. erregt, wenn das gefälschte Profil von vielen Medien nicht unverifiziert übernommen und zitiert worden wäre und sich so in Windeseile Ansichten des des 19-jährigen Oxford-Studenten verbreitet hätten, die laut PPP-Sprecherin Sherry Rehman gar nicht von ihm stammen und die bei dem Vater des Betroffenen, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Pakistanischen Volkspartei, sogar Komplottverdächtigungen gegenüber der pakistanische Regierung hervorriefen.

Nachdem bekannt wurde, dass es sich um gefälschte Angaben handelt ließ Facebook die Profile sperren und einige Nachrichtenportale entfernten die entsprechenden Artikel aus ihrem Online-Angebot. Das Motiv des Fälschers des Profils sei laut FAZ reine Schadenfreude gewesen. Er habe es witzig gefunden, dass ihm die Identität als Bilawal Bhutto Zardari tatsächlich abgekauft worden sei.

Dies wird wohl nicht der erste und einzige Fall gewesen sein, in dem JournalistInnen ungeprüft Informationen aus fragwürdigen Internetquellen übernehmen. Dies ist einerseits verwunderlich und erschreckend, da die Voraussetzung für ein Volontariat üblicherweise ein Hochschulabschluss ist und man bereits am Anfang eines Studiums erfährt, dass bei glaubhafter, seriöser Arbeit mehr als nur Wikipedia und Co. als Quelle herhalten muss. Andererseits ist es verständlich, dass durch immer größeren Zeitdruck unter dem die JournalistInnen heute stehen und gleichzeitig immer leichter zugänglicher Informationen via Internet, der Reiz stark ist, sich solcher Quellen, wohl in der Hoffnung, dass diesmal schon nichts schief gehen wird, zu bedienen. Der Schuss ist nun deutlich nach hinten losgegangen, ganz nach dem Refrain eines Klaus Lage-Songs „tausendmal berührt, tausendmal ist nix passiert…“.

Dieser Vorfall hat zwei Dinge gezeigt: Erstens, dass das Internet zwar praktisch ist, um schnell Informationen abzurufen, man sich aber nicht per se auf deren Korrektheit verlassen darf, gerade wenn es wie hier um gesellschaftlich und politisch brisante Themen geht. Zweitens sollten sich die Konsumierenden von Medien stärker bewusst machen, dass Journalismus nicht nur durch die Subjektivität der ensprechenden AutorInnen und die politischen Ausrichtung des jeweiligen Medienunternehmens, sondern auch aufgrund eventueller Adaption falscher Informationen aus unzuverlässigen Quellen stets kritisch hinterfragt werden muss.

Quellen:
www.faz.net
www.spiegel.net

Global Media Monitoring Project

Im Rahmen des ‚Global Media Monitoring Project‘ (GMMP) werden seit 1995 die Art der Präsentation und Repräsentation von Frauen und Männern bzw. bestimmter Geschlechter-Stereotypen der Nachrichteninhalte von Fernsehen, Radio und Zeitungen in über 70 Ländern weltweit untersucht.

Bisher liegen drei internationale und diverse nationale Studien vor und umfassen sowohl qualitiative, als auch quantitative Nachrichtenanalysen. Das GMMP ist ein Projekt der WACC (World Association for Christian Communication) in Zusammenarbeit mit dem International Women’s Tribune Centre und Isis International (Manila) unter dem Titel „Who makes the news?“ mit dem erklärten Anliegen faire Geschlechterdarstellung in den Medien solle ein gleichwertiges normatives Kriterium erstrebenswerter journalistischer Arbeit neben anderen wie Fairness, Aufrichtigkeit und Ausgewogenheit – eben die Bemühung um größtmögliche Objektivität – sein.

Dass hier Geschlechtergerechtigkeit und das Streben nach gleichwertiger öffentlicher Partizipation von Frauen als christliche Werte vereinnahmt werden, dürfte der einen oder dem anderen etwas bitter aufstoßen, wenn man bedenkt, dass es oftmals kirchliche Lobbygruppen sind und waren, die sich an Gender Roll-Backs versuchen oder an strikten Rollenklischees als Realitätsentwurf festhalten und es, häufig die GegnerInnen dieser Kirchen waren, die zu deren Demokratisierung den Anstoß lieferten.

Trotz der Kritik eine interessante und lesenswerte Angelegenheit.
Wer sich für das Thema interessiert, kann unter www.whomakesthenews.org mehr erfahren.