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Social Viewing

In Ermangelung eines eigenen Fernsehgeräts war ich aufgrund meiner Fußballaffinität in den letzten Wochen des Öfteren dazu gezwungen, die EM-Spiele ohne deutsche Beteiligung (welche ich mir  wiederum meist beim non-cross-linked „Public Viewing“ in Gesellschaft von „als Menschen erfassbaren“ Fans zu Gemüte führte) auf meinem Laptop zu verfolgen. Das klappt bei mir recht ruckelfrei, und für jedermann in zufriedenstellender Bilderqualität, legal und live in den Mediatheken von ARD bzw. ZDF, die ja auch die Fernsehübertragungsrechte an der Europameisterschaft halten.

Was man in den Mediatheken des Ersten und Zweiten Deutschen Fernsehens in genanntem Kontext geboten kriegt, geht allerdings über gestreamte Livebilder samt Audiokommentar (erlebnistechnisch wie eben im Fernsehen) hinaus. „Social Viewing“ nennt sich das und stellt ein Crossmedia-Angebot mit integrierter, digitaler, live-synchronisierter Kommunikation (dank Twitter) dar. Eine Zusammenfassung der vielfältigen Möglichkeiten, die dieses Angebot bietet findet ihr hier. Es urteile bitte jeder selbst, wie sinnvoll diese Funktionen sind. Ich finde: Nicht besonders.

Übrigens beschränkt sich das wohl doch noch in den Startlöchern befindende Social Viewing nicht nur auf Sportveranstaltungen, die Bandbreite des „gemeinsamen“ digitalen Film-und Fernsehkonsums reicht,  hier mal exemplarisch, von cineastischen Meisterwerken bis hin zum geistlosen englisch-amerikanischen „X-Factor„.

 

Nächsten Sonntag bitte Regen

Sicher, die Quoten sprechen für die beiden öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF, die sich bei der EM-Übertragung und Berichterstattung jeweils abwechseln und somit, zum Leidwesen der Gebührenzahler, konkurrenzlos sind. Keine Überraschung, EM ist EM.

Was die ARD mit klassischer Berichterstattung aus dem Stadion-Studio und einem jüngst zu Hochform auflaufenden, in jeder Hinsicht erfrischenden Experten Mehmet Scholl richtig macht, macht das Zweite Deutsche Fernsehen falsch. Gut, Deutschland und EM-Ausrichter Polen teilen sich die Osteeinsel Usedom, passt also irgendwie. Interessiert aber eigentlich auch keinen. Dafür ist es bemerkenswert, wie viel EM-Stimmung vom malerischen, Urlaubsgefühle-versprühendem Strand bis zum Rezipienten an den heimischen Fernseher transportiert wird. Nämlich keine.

Liegt daran, dass am Strand selbst Null Komma Null EM-Flair zu verzeichnen ist. Auch die sich in behaglichen Liegestühlen befindenden Rentner, die die überwältigende Mehrheit des Publikums ausmachen, tragen nicht gerade dazu bei. Die Hubschrauberaufnahmen vom Strand (auch dafür zahlen wir Gebühren!) verschlimmern den Eindruck nur, dass man ausgerechnet aus dem fußballerischen Nirvana über das zweitwichtigste Fußball-Turnier informiert wird. Was denkt sich das ZDF dabei?

Nicht nur an der Kulisse, auch über Katrin Müller-Hohenstein (Expertise) und Oliver Kahn (Entertainment) kann man streiten, gerade wenn man sich das gut harmonierende Experten-Trio Johannes Kerner, Jürgen Klopp und Urs Meyer ins Gedächtnis ruft, das noch von der letzten EM berichtete. Dazu gesellten sich in der ersten Sendung noch Tonprobleme.

Fazit: Eigentor des ZDF, das nicht bestraft wird.

Die Twitter-Gemeinde war fleißig am kritisieren, eine unterhaltsame Übersicht der gesendeten Tweets gibt es hier.

Kino und Co. KG

Sie vertreiben die Zeit bis der Film anfängt, sind layouttechnisch und optisch ansprechend und umfangreicher als ich es gedacht hätte. Und doch würde sich wohl kaum jemand eine greifen, wären sie nicht komplett kostenlos. Kinomagazine wie „Kino & Co.“. 

Ihr inhaltlicher Auftrag ist klar: Informieren über die Kinostarts des nächsten Monats. Auch Game-Releases werden in den mir vorliegenden Ausgaben 134 und 135 zwei bzw. vier Seiten eingeräumt. Jeweils drei Seiten gehen an recht typischen Hollywood-Star-Klatsch im Stile von Boulevardmagazinen verloren, es folgt jeweils ein einseitiges Interview (hier: Daniel Radcliffe und Sönke Wortmann). Das Gros des Inhalts dreht sich um Filme, je höher das Budget bzw. der zu erwartende box-office eines Films, desto größer der Artikel.

Die hierzu publizierten Artikel könnte man in die Textgattung Filmrezension einordnen, wären sie auch nur in irgendeiner Form kritisch. Unproblematisch, ohne die durch die Aufmachung geweckte Assoziation, man hätte es mit einem unvoreingenommen Artikel zu tun. Unproblematisch nur für geübte Mediennutzer. Gut für high-budget Produktionen mit Augenschmaus-Faktor und wenig Tiefgang, schlecht für kleinere Indie-Produktionen, die, wenn überhaupt aufgegriffen, natürlich auch gut wegkommen, aber viel unscheinbarer sind. Nicht eimal im Artikel zum CGI-Spektakel „Battleships“ (mit Rihanna in einer großen Rolle…) ist wie in der gesamten Ausgabe des Magazins auch nur der leiseste Anflug von Kritik, etwa an fehlender Originalität oder Leistung der Schauspieler, zu vermerken, obwohl der Film von Kritikern einschlägig zerrisen wird. Ein Beispiel. 

Fazit: Magazin beim nächsten Kinobesuch mitnehmen, kurz überfliegen was auch nur annähernd interessant für einen ist, daheim dann damit den Ofen beheizen und echte Kritiken lesen.

Der Präsident beim Facebook-Konkurrent

Schon bei seinem letzten Wahlkampf machte sich Barack Obama die Multimedialität des Internets zu Nutze. Jüngst konnten Internet-User jedoch eine Premiere feiern.

Präsident Obama stand seinen Gefolgsleuten per Video-Stream Rede und Antwort, und das live. Die Fragen an das Staatsoberhaupt wurden vorher von Google gesammelt. Eine Frau, deren Mann laut ihren Angaben zwar gut ausgebildet, aber arbeitslos sei, brachte Obama während des Interviews in Verlegenheit. Ein abgekartetes Spiel zwischen der US-Regierung und dem Suchmaschinen-Gigant war’s also nicht.

Abrufbar war die Live-Übertragung (Aufzeichnung) über das soziale Netzwerk Google+. Dem ernstesten Konkurrenten des Network-Riesen Facebook dürfte damit auch ein kleiner Schlag gegen Zuckerberg & Co. gelungen sein.

Frau Merkel, wann erweisen sie uns die Ehre?

Fast Drei Prozent – Auch wegen den Medien?

Die FDP befindet sich momentan in einem historischen Umfragetief. Die Liberalen müssen selbst um den Einzug in den Bundestag 2013 bangen. Parteipolitische Schuldzuweisungen gab es schon zur Genüge. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Joachim Günther sieht einen anderen Brandherd in der FDP-Krise – die Medien. Und fordert zum Boykott auf.

„Pressehetze ignorieren? Ich bin so frei!“ lautet die Überschrift des Briefes, der nicht nur in FDP-Kreisen umging, sondern auch beim großen Koalitionspartner. Darin prangert Günther die einseitig negative Berichterstattung gegenüber seiner Partei an.

Vom inhaltlich-politischen abgesehen: Kann es sich eine Partei mit Regierungsansprüchen leisten, die Medien, die überhaupt erst Öffentlichkeit aggregieren, zu boykottieren?

Deutschland. Mediengesellschaft.

Auf den ersten Blick eine Randnotiz. Eine bloße Formalie. Der wöchentlich erscheinende Spiegel hat ein eigenes Ressort Medien, und das sogar schon lange.

Die Medien stehen beim Spiegel also in einer Reihe mit Ressortklassikern wie Politik, Gesellschaft, Wirtschaft etc., die in so gut wie keinem Qualitätsblatt fehlen. Sicher, nicht nur im Spiegel wurden immer mal wieder medienrelevante Themen aufgegriffen. Dass das renommierte deutsche Leitmedium den Medien ein eigenes Ressort widmet, ist jedoch zumindest für den Medienwissenschaftler bemerkenswert und – meines Wissens – zwar kein Novum in der qualitativen Printmedienlandschaft, aber die Ausnahme.

Zunächst einmal bedeutet das, dass in jedem Spiegel einige wenige Themen aufgegriffen werden, die recht unmittelbar etwas mit Medien zu tun haben und diese oft sogar aus medienwissenschaftlicher Perspektive beleuchtet werden.

Bedeutet es weiterhin, dass die renommierte Spiegel-Redaktion in Medien offenbar eine große gesellschaftliche Bedeutung verortet. Man darf gespannt sein, ob weitere Zeitungen dem Beispiel folgen werden.

Die vierte Macht von wem?

Ein kurzes Essay, warum das Internet das demokratischste aller Massenmedien ist.

Medien – ihnen fällt die Verantwortung zu, die politischen Akteure zu kontrollieren. Indem sie das politische Geschehen bewerten, aufbereiten, kommentieren und vor allem den Massen zugänglich machen, wirken sie stabilisierend auf politische Systeme ein. Aber nicht nur auf demokratische.

Klar, gerade Twitter, Facebook und Co. haben indirekt maßgeblichen Anteil am arabischen Frühling. Revolutionäre können sich hier organisieren, ohne dabei ihre Identität dem diktatorischen Heimatland zu offenbaren. Am wichtigsten, sie können Öffentlichkeit schaffen und den Stein ins Rollen bringen ohne gleich ins Kreuzfeuer der Behörden zu gelangen. Aber das Internet ist im Vergleich zu anderen Mediengattungen eine Ausnahme. Staaten haben, ohne einen enormen Aufwand zu betreiben, nur sehr bedingte Einflussmöglichkeiten auf das heutzutage oft drahtlose Netz. Eine Regierungen kann in der Tat (fast) das gesamte Internet in seinem Staat lahmlegen. Einschlägigen Berichten zufolge war Ägyptens Ex-Machthaber Mubarak das beste Beispiel dafür. Im Falle des kompletten Abschaltens wird jedoch nicht nur die angestrebte Zensur Andersdenkender erreicht. Der diktatorische Staat würde sich (zugegebenermaßen überspitzt formuliert) selbst in die Steinzeit zurückbefördern, und das will er nicht. Auch das Internet in Ägypten funktionierte bald wieder. Und so muss die Regierung das fleißige geblogge, getwittere der Aufsässigen ertragen, oder aber ein ganzes Heer an Zensierenden beschäftigen, um das Internet auch nur einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Welche Autokratie, China ausgenommen, soll sich das leisten können?

Anders sieht es bei allen anderen relevanten Massenmedien aus. Der in diesem Zusammenhang wesentliche Unterschied zum Internet: Zeitungen, Fernsehen und Radiosender sind in hohem Maße auf Personen hin institutionalisiert. Die für die politische Willensbildung der Bevölkerung eines autokraten oder totalitären Staates entscheidenden dieser drei Massenmedien, sind in eben jenem Staat ansässig (BBC und Co. werden nicht verstanden, nur bedingt empfangen, nicht als vertrauenswürdig erachtet usw.). Ihre Sendetürme, ihre Zeitungsverlage, Redaktionen und Mitarbeiter sind einem Regime unterworfen, denn von diesem werden sie für Kritik hart und lautlos (man beachte den Teufelskreis) bestraft. Nicht nur vor dem arabischen Frühling in den beteiligten nordafrikanischen Ländern, auch heute in uns vergleichsweise nahe stehende Staaten wie Russland, hinter deren autoritären Nebel die Regierung verkrampft versucht, eine Demokratie durchscheinen zu lassen. Was ihnen früher, als es nur Zeitungen, Radio und Fernsehen gab, zumindest bei der eigenen Bevölkerung besser gelang als heute. Dann kam das Internet.