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Quo vadis, Filmkritik?

Filmmagazine, Zeitungen, Blogs und Nachrichtendienste kämpfe um die Gunst des Lesers
Filmmagazine, Zeitungen, Blogs und Nachrichtendienste kämpfe um die Gunst des Lesers

Seit die Bilder laufen lernten begleitet die Presse das, was die Menschen in den Kino zu sehen bekommen. Blickt man in die Geschichte der professionellen Filmkritik, müssen zwangsweise die Parallelen zu Theater- und Literaturkritik auffallen, die die Stoßrichtung seit den verstärkten dramaturgischen Entwicklungen im Film Anfang/Mitte der 1910er Jahre bestimmten. Spätestens seit Ende des zweiten Weltkriegs existiert eine mehr oder weniger freie Filmkritik, die mit der Bedeutung des Films als Kunst- und Kulturgut stetig wuchs.

Ein Pfeiler der deutschsprachigen Kritik ist zweifelsfrei der „Filmdienst“, erstmalig 1947 (als „Filmdienst der Jugend“, ab 1949 dann als „Filmdienst“) erschienen und bis heute von der katholischen Kirche finanziert. Wo am Anfang noch der theologische Einfluss in jeder Zeile zu erkennen war, verschaffte sich der „Filmdienst“, ganz ähnlich wie der „Evangelische Filmbeobachter“ (seit 1984 als „epd Film“ erschienen), journalistische Freiheit, die nur dem beruflichen Ethos verpflichtet war. Doch mit dem „Filmdienst“ scheint nun Schluss zu sein, die älteste Filmzeitschrift Deutschlands soll nach fast 70 Jahren eingestellt werden. Die Gründe für die Einstellung sind klar, haben doch fast alle gedruckten Publikationen mit ihnen zu kämpfen: sinkende Auflagezahlen und damit wegbrechende Einnahmen. Nach Zahlen von Spiegel Online lagen die verkauften Exemplare zuletzt (2015) bei 2.956 Stück.

Der Lauf der Dinge, will man meinen, ist doch der Zeitschriftenmarkt damals wie heute ein hart umkämpfter. Zeitschriften kommen, Zeitschriften gehen, mit den eingestellten Publikationen ließen sich Regale füllen. Doch warum ist das so? Die Frage lässt sich nicht einfach beantworten, ein pauschalisierter Verweis auf die Durchsetzung des Internets ist ungenügend, aber mit Sicherheit ein bedeutender Faktor. Seit der Film spätestens mit den großen Blockbustern der 70er Jahre mehr und mehr auf Event setzt, vollzog sich auch ein Wandel innerhalb der Kritik, beschleunigt durch das Internet.

Blogs, Onlineauftritte großer Tages– und Wochenzeitungen, YouTube oder filmspezifische Webangebote, die Auswahl an Informationsquellen ist heute so groß wie nie. Doch unter die Rezensenten mischen sich mehr und mehr themenfremde Berichterstatter. Bedenklich wird es dort, wo erwartete Reaktionen mit wirtschaftlichen Interessen der Verleih- und Produktionsgesellschaften Hand in Hand gehen. Produzent, Schauspieler und Regisseur Til Schweiger lässt seit fast zehn Jahren nur noch ausgewählte Kritiker vorab seine Filme sehen, zuletzt bei seinem Kassenflop „Tschiller: Off Duty“. Ist das noch Journalismus oder bereits Marketing? Die Grenzen sind oftmals nicht mehr klar. Bei zuletzt steigenden Besucher- und Umsatzzahlen in deutschen Kinos ist der wirtschaftliche Faktor in der Berichterstattung nicht zu unterschätzen. Publikationen wie das monatlich erscheinende Magazin „Kino & Co.“, welches kostenlos zur Mitnahme in diversen großen Kinoketten ausliegt, macht in seiner Art und Weise keinen Hehl daraus, andere Maßstäbe als die traditionelle Kritik an einen Film zu legen.

Wie also wird sich der Markt entwickeln? Keine einfache Frage, um die Antwort gäben viele Verlage viel. Wahrscheinlich wird er weiter an Diversität gewinnen, im positiven, wie im negativen Sinne. Ob die professionelle, journalistische Kritik aus der Ecke, in der sie sich auf dem freien Markt befindet, befreien kann, bleibt abzuwarten. Ob auf Papier, auf privaten Blogs oder als Videobeitrag auf YouTube, überall gibt es bereichernde Formate. Das Heil der Filmkritik scheint das Internet zu sein, die bisher nach außen getragenen Pläne sehen eine Fortführung vom „Filmdienst“ im Netz vor. Doch stellt sich Frage: Papier ist geduldig, ist es das Internet auch?