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„Komischer“ Comeback-Versuch

Egal ob Ingolf Lück in der Rolle des Herbert Görgens („Komm ich jetzt ins Fernsehen???“), Anke Engelke als Moderatorin von „Rickys Pop Sofa“ oder Bastian Pastewka alias Brisko Schneider mit dem berühmten Sex-TV: Die Wochenshow war in den 90er Jahren eine DER Comedy-Sendungen im deutschen Fernsehen. Die einst „witzigsten Nachrichten der Welt“ wagten nun ein Comeback. Geblieben ist nur einer – Ingolf Lück. Um ihn herum wurde mit Carolin Kebekus, Dave Davis, Matze Knop, Axel Stein und Johann König ein ambitioniertes Comedy-Team zusammengestellt, welches beim Anschauen der Sendung die hochgesteckten Erwartungen bei Weitem verfehlt. Flache Witze, vorausschaubare Pointen – quittiert wird das Drama auch durch die Fernsehzuschauer. Titelte die Website meedia.de nach den Quoten der Premierensendung noch: „Gutes Comeback für die Wochenshow“, hieß es eine Woche später: „Wochenshow stürzt ins Mittelmaß“.
Doch dass es für die Wochenshow schwer werden würde, war vorausschaubar – schließlich wollte man sich mit der beliebten „heute-Show“ messen, welche fast zeitgleich auf ZDF ausgestrahlt wird und ein ähnliches Sendungskonzept darstellt.
Dabei wird eine Entwicklung deutlich, welche erschreckende Ausmaße annimmt. Hat ein Konzept Erfolg, so bringt jeder Sender ähnliche  Formate auf den Markt. Seien es die Gerichts- und Talkshows zu Beginn unseres neuen Jahrtausends, Koch- und Heimwerkersendungen in den vergangenen Jahren oder derzeit die Comedysendungen  – jede Erfolgswelle wird von den Fernsehmachern „totgeritten“, bis es auch der Letzte nicht mehr sehen kann und will. Und sollte einem wirklich nichts mehr einfallen, gibt es immernoch den letzten Trumpf der Wiederauferstehung alter Erfolgsprogramme. Die Wochenshow 2.0 ist dafür wohl ein perfektes Beispiel.

http://meedia.de/fernsehen/die-wochenshow-stuerzt-ins-mittelmass/2011/05/28.html (07.07.2011)

Stell dir vor, es ist Krieg und keiner bekommt es mit…

Nachdem die Revolutionswelle Nordafrika und Teile des arabischen Raumes überrollte und auch unsere Nachrichten beherrschte, ist es nun erstaunlich ruhig geworden. Beispiel Libyen: Noch im Februar und März dieses Jahres wurde man tagtäglich, nahezu stündlich mit Neuigkeiten über den Revolutionsverlauf informiert. Mittlerweile hofft man selbst bei den Hauptnachrichtensendungen wie der Tagesschau oder der ZDF-heute Sendung immer häufiger vergebens auf Nachrichten vom tobenden Bürgerkrieg. Hatte man vor Kurzem noch das Gefühl, der Begriff „Gaddafi“ verfolge einen durch Hörfunk, Fernsehen und Printmedien, so dominieren nun die Begriffe „Atomwende“, „EHEC“ und „Griechenland-Krise“ die Schlagzeilen.

Dies stellt einen interessanten Ausgangspunkt für die Analyse einer Themenkarriere dar. Eine quantitative Analyse könnte dabei zeigen, inwiefern sich die Häufigkeit der Berichterstattung innerhalb der vergangenen Monate verändert hat. Desweiteren wäre ein Vergleich mit anderen Themen nicht nur interessant, sondern für die Analyse wahrscheinlich unabdingbar. So ließe sich anhand der einzelnen Ereignisse des Weltgeschehens beweisen, wodurch das Thema Libyen verdrängt wurde.

In den folgenden Tagen, Wochen und Monaten wird es nun weiterhin spannend sein zu beobachten, ob es in Anlehnung und Abwandlung an das Zitat des amerikanischen Dichters Carl Sandburg weiterhin heißt: „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner bekommt es mit!“

http://www.zdf.de/ZDFmediathek#/beitrag/video/1347738/ZDF-heute-Sendung-vom-28-Mai-2011

http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=7304664

Das „Märchen“ der Antilope

„Antilopen müssen immer gut aufpassen, weil fast alle Raubtiere sie fressen wollen. Je nach Größe der Antilopen sind auch die Feinde von unterschiedlicher Größe. Aber auch die Menschen sind manchmal Feinde…“, so lautet die Definition der Antilope aus einem Kinder-Tierlexikon.
Antilopen sind flink, reaktionsschnell und für ihre Feinde kaum zu erwischen. Es sei denn, sie werden von einer wilden Herde förmlich überrollt.

Genau dieses Szenario spielte sich am vergangenen Samstag in Frankfurt ab. Eintracht Frankfurt spielt im Abstiegskampf der Fußball-Bundesliga gegen den Mitkonkurrenten aus Köln vor ausverkauften Rängen. Ein Großteil der 51500 Zuschauer verarbeitet still trauernd die erlittenen Niederlage des hessischen Traditionsvereins. Eine kleine Meute „ungezähmter Raubtiere“ entschließt sich jedoch das Feld zu stürmen. Dass die Lage nicht eskaliert, ist wohl reine Glückssache, es gibt keine Verletzten und dennoch hatte man einen herben Verlust zu beklagen – eine weltweit einzigartige Kamera namens: „Antelope“.

Erläutert Entwickler Christian Schreiber die Besonderheiten seiner Kamera, so hört man in jedem Satz eine gewaltige Portion Stolz mitschwingen: „Wie zerplatzt eine Wasserbombe? Welchen Erschütterungen ist der Körper eines Boxers ausgesetzt? Das ist doch faszinierend. Unser Prototyp schaffte [eine] Ultra-Zeitlupe, wie sie nie zuvor zu sehen war. Und während die Kamera die Bilder wiedergab, nahm sie schon wieder neue auf. Erstmals haben wir sie – und ihre kleine Schwester, ebenfalls ein Unikat – unter Live-Bedingungen im Stadion getestet.“
Ein erster Härtetest mit letztlich fatalem Ende. „[…]Nun ist das 600.000 Euro-Gerät völlig kaputt und ihre kleine Schwester verschwunden“, beschreibt Schreiber seinen wahrgewordenen Alptraum.

Antilopen schaffen es in der Regel auf maximal 90km/h. Schreibers Modell ermöglichte die Aufnahme von bis zu 2600 Bildern pro Sekunde. Für die Flucht vor den Randalierern war die „Antelope“ jedoch nicht schnell genug. Tragisch, denn schließlich sollte die Kamera am kommenden Formel 1-Wochenende in Barcelona einem weiteren Testlauf vor der Massenproduktion unterzogen werden. Wahrlich ein Grauen, dass eine solche Weltneuheit dem Vandalismus zum Opfer gefallen ist. Für einen Platz in den Geschichtsbüchern sollte es für „Antelope“ jedoch auf jeden Fall reichen – als teuerste Einwegkamera der Welt.

http://www.11freunde.de/bundesligen/138737/antelope_gibt_lebenszeichen (10.05.2011)

http://www.sueddeutsche.de/leben/zerstoerte-spezialkamera-es-sind-traenen-geflossen-1.1095215 (09.05.2011)

http://www.kinder-tierlexikon.de/a/antilope.htm (10.05.2011)

Jugendliche müssen draußen bleiben

Was wurde nicht bereits alles diskutiert über das schlechte und bildungsarme Fernsehprogramm der privaten Sender. Die bösartigen Macher (insbesondere von RTL) sind nur auf Quote aus und jedes Mittel der Unterhaltung ist ihnen recht – so der Grundtenor der Kritiker.

Da lobe ich mir doch die öffentlich-rechtlichen Sender. Hier wird INFORMATION noch großgeschrieben. Schade nur, dass dabei für junge Menschen kein Platz ist. Der Ex-Vorsitzende der ARD, Peter Boudgoust, hatte angeregt, einen eigenen Jugendsender zu entwickeln, um auch dem Publikum im Alter von 14 bis 29 Jahren ein interessantes Fernsehprogramm zu bieten. Dieser Vorschlag wurde nun von der aktuellen Vorsitzenden Monika Piel abgewehrt. Auch einzelne Formate im Hauptprogramm würden ihrer Meinung nach keine Änderungen zur Folge haben.
Ihre logische Begründung: „Wenn Doktor Sommer künftig einmal pro Woche in der SZ zu Wort kommen würde, würde das auch keine jungen Abonnenten bringen.“
Ich sage: Recht hat sie! Nur hat Frau Piel anscheinend vergessen, in welcher Mediengattung sie sich befindet. Grund genug, meinen persönlichen „Lieblingssatz“ aus Schulzeiten anzuführen: „Du kannst nicht Äpfel mit Birnen vergleichen!“ Sechs, setzen.
Der Vergleich hinkt gewaltig und taugt keinesfalls als Begründung für das Verzichten auf jugendliche Inhalte. „Verständlicher“ ist eher das Argument des Programmdirektors Volker Herres: Die ARD habe einen hohen Informationsanteil und wolle ihr seriöses Image bewahren. Er selbst gelobt im gleichen Atemzug jedoch „Besserung“, schließlich sei das Fernsehen nicht nur ein journalistisches, sondern ebenso ein Unterhaltungsmedium. Bedeutet das mehr Unterhaltung in der ARD?

Fragt sich wohin das Ganze führen soll, denn schaut man sich beispielsweise das heutige Programm ab 14 Uhr genauer an, muss man feststellen: Die Formate „Roten Rosen“, „Sturm der Liebe“, „Verrückt nach Meer – Shoppingtour durch Singapur“, „Brisant“, „Verbotene Liebe“ und „Marienhof“ schreien geradezu nach Informationsvermittlung. Dazu die Übertragung des Fußball-Länderspiels Deutschland gegen Italien mit der anschließenden Talkrunde „Waldis EM-Club“ – bezüglich des Bildungsniveaus des ARD-Programmes könnte man meinen: „Geiz ist geil.“ Einzig die Tagesschau (inklusive Wetter- und Börsenbericht) und der tägliche 5-Minuten-Blockbuster „Wissen vor 8“ erfüllen das Kriterium „Informationsvermittlung“. Die Gameshow „Das Duell im Ersten“ lässt sich zudem noch mit Wohlwollen zwischen informativer und performativer Gattung einordnen. Das war es aber auch schon mit Bildungsfernsehen.

Natürlich lässt sich durch diese kleine Stichprobe kein repräsentatives Urteil bilden, da beispielsweise die „Dritten“ außer Acht gelassen werden. Ebenso soll dies nicht als pauschalisierende Programmkritik verstanden werden, da mir persönlich natürlich auch bestimmte Programminhalte (z. B. Sportberichterstattung) zusagen. Doch dass im „Ersten“ kein Platz für die Jugend ist, kann nicht mit den Argumenten  Piels und Herres‘ begründet werden.
Auch oder gerade junge Menschen sind interessiert an Wissensvermittlung im Fernsehen, doch ausgerechnet diese „Marktlücke“ will offensichtlich nicht einmal die ARD entdecken.

Und wie beschrieb bereits Kabarettist Dieter Hildebrandt das aktuelle TV-Dilemma: „Die ARD macht sich in jede Hose, die man ihr hinhält. Und RTL sendet, was drin ist.“

http://meedia.de/details-topstory/article/ard-gibt-junge-zuschauer-auf_100033120.html?tx_ttnews[backPid]=77&cHash=97b7c2858c59f0c9a618b402c777dbab

http://www.tvprogramm24.com/tv-sender/ard.html

http://www.turi2.de/2010/11/22/heute2-dumont-schmidt-holtz-women-s-health-10022044/

Lasst die Puppen tanzen

Klar, die Medialisierung schreitet unverkennbar voran. Klar auch, dass dabei so manches im Laufe der Zeit auf der Strecke bleibt. Niemand (außer vielleicht Günther Jauch) tippt heute noch auf einer Schreibmaschine; Schallplatten und Musikkassetten sind ein Fall für das Museum.
Und auch ein Unterhaltungsformat wie die gute alte Augsburger Puppenkiste mit legendären Produktionen wie „Urmel aus dem Eis“ oder „Jim Knopf“ ist fast komplett von der Bildfläche verschwunden. Puppentheater würden heute wohl höchstens noch Nostalgiker vor die Bildschirme locken.

Denkste.
In diesem Jahr feiert das „Puppentheater“ eine Art Revival – und zwar auf Deutschlands Comedybühnen. Als „Vater“ des Erfolgs kann man den Berliner Renè Marik bezeichnen, welcher spätestens (aber auch wirklich allerspätestens) seit seinem RTL-Auftritt im Januar den endgültigen Durchbruch schaffte. Mit seinen charismatischen Kultfiguren, wie dem mit einem närrischen Sprachfehler behafteten „Maulwurfn“ oder dem Kermit-ähnlichen Besserwisser „Herrn Günther Falkenhorst“, kreiert Marik eine neue/alte Art der Unterhaltung. Modernes Puppentheater – ein schöner Trend, der sich durchzusetzen scheint.

Schließlich steht mit Sascha Grammel bereits ein echter Newcomer in den Startlöchern. Sein Soloprogramm „Hetz‘ mich nicht!“, ein Comedy-Crossover aus Puppenspiel, Bauchreden und Zauberei, war so erfolgreich, dass auch sein Liveprogramm einen RTL-Sendeplatz am Samstagabend erhielt. Besonders die Schildkröte Josie, ein „lebender“ EC-Automat, taugt mit ihren charmanten, aber dennoch bissigen Kommentaren zum absoluten Publikumsliebling für Jung und Alt.

Eine Wende im Bereich der Comedy? Wohl eher nicht, denn dafür sind auch die typischen Stand-up Comedians wie Olaf Schubert, Atze Schröder oder Ingo Appelt qualitativ zu gut. Andere, wie Cindy aus Marzahn oder Mario Barth, wurden zudem von den Medien zu „Stars“ gemacht und sind nunmehr seit Jahren der Inbegriff für kommerziellen Erfolg. Nichtsdestotrotz sind die „Puppenspieler“ eine willkommene Abwechslung im Haifischbecken Comedy und eines haben sie wohl mit ihren einzigartigen Programmen dem Letztgenannten voraus: Sie nehmen sich selbst nicht so wichtig.

www.renemarik.de (06.02.2011)
www.saschagrammel.de (06.02.2011)

Bloggen unter Lebensgefahr

Man sitzt zuhause, informiert sich über das aktuelle Tagesgeschehen und verarbeitet die Informationen am Abend innerhalb eines Artikels, welchen man in seinem ganz persönlichem „Tagebuch“ frei einsehbar in die Welt hinaustransportiert. Für viele Deutsche ist „Bloggen“ mittlerweile etwas vollkommen Normales. Hier ein zynischer Kommentar bezüglich unseres „Überwachungsstaates“, dort ein kritischer Beitrag über die Regierung – die Wortwahl und Schärfe der Artikel ist in unserem Land nahezu frei wählbar. „Luxusartikel“ Meinungsfreiheit.

Dass dies nicht in allen Teilen der Erde so ist, zeigen Beispiele aus der ganzen Welt. Seit vielen Jahren befindet sich Mexiko in einem Drogenkrieg, der von der restlichen Welt kaum wahrgenommen wird. Kaum eine Nachrichtensendung oder Zeitung berichtet über die Vorfälle – aus Angst vor brutaler Vergeltung. Mittlerweile haben in den vergangenen vier Jahren mehr als 28000 Menschen  ihr Leben verloren; Grund genug also für die Journalisten zu schweigen. Umso erstaunlicher, dass ein Blogger aus dem Norden des Landes seit nunmehr fast einem Jahr schonungslos offen über die Vorfälle berichtet. Unter der Adresse  http://www.blogdelnarco.com/ finden die Leser Augenzeugenberichte, Fotos und Videos, welche einen zum Teil erschüttern. Dabei betont der Autor, stets die ungeschminkte Wahrheit ans Licht zu fördern: „…ich spreche mich weder für noch gegen irgendeine kriminelle Organisation aus. Auf blogdelnarco.com findet man einfach nur reine, wertfreie Informationen – so wie es eigentlich in der Tagespresse der Fall sein sollte.“

Dass diese Art der Informationsübertragung tödlich enden kann, ist spätestens seit dem Fall „Khalid Said“ bekannt. Der ägyptische Internetblogger veröffentlichte am 06. Juni vergangenen Jahres ein Video, in dem zu sehen ist, wie Polizisten nach einer Drogenrazzia die „Beute“ unter sich aufteilten. Said wollte die Korruption innerhalb seines Landes aufdecken und wurde daraufhin von zwei Polizisten in Zivil auf offener Straße bis in den Tod getreten. Was daraus folgte, sind die Aufstände in Ägypten, die wir heute in Funk und Fernsehen beobachten können.

Auch der mexikanische Blogger muss um sein Leben fürchten. Das Interview mit der NEON konnte man aus Sicherheitsgründen nur via E-Mail führen, seine Identität ist streng geheim.

Bleibt zu hoffen, dass nicht immer erst „jemand“ sterben muss, bis auch der Rest der Welt über Probleme auf diesem Planeten informiert wird.

Quellen: Adamek, Yvonne: „Jeder kann der Nächste sein“, NEON (Februar 2011) S. 30-37

http://www.blogdelnarco.com/ (03.02.2011)

http://www.welt.de/channels-extern/ipad_neu/thema_des_tages_ipad_neu/article12424115/Khalid-Said-Das-Gesicht-der-aegyptischen-Revolte.html (03.02.2011)

http://www.spiegel.de/flash/flash-25181.html (03.02.2011)

Die Kehrseite der Medaille

„Fußball ist unser Leben, der König Fußball regiert die Welt“
Was die deutsche Fußballnationalmannschaft bereits im Jahre 1974 lauthals verkündete, hat heute noch Bestand. Insgesamt verfolgten in der Saison 2009/10 mehr als 13 Millionen Menschen die Spiele live im Stadion, was einen sagenhaften Schnitt von über 42000 Zuschauern bedeutet. Und auch in der Medienpräsenz liegt „König Fußball“ ganz vorne: Keine Tageszeitung kommt heutzutage in ihrem Sportteil ohne Berichte der regionalen und überregionalen Fußballvereine aus. Wer erzielte im abgelaufenen Jahr die höchsten Einschaltquoten? Jauch, Gottschalk oder gar Lena Meyer-Landrut? Bei weitem nicht, die ersten neun Plätze werden allesamt von WM-Übertragungen belegt, dabei erreichte das Halbfinale zwischen Deutschland und Spanien mit 31,10 Millionen Zuschauern einen historischen Höchstwert (wohlgemerkt Public Viewing nicht mitgezählt).

Jünger, schneller, besser – die Abwandlung des olympischen Gedanken scheint vor allem auf den Fußball zuzutreffen. Um das Interesse des Fans zu wahren, produzieren die Medien fast tagtäglich neue Stars, welche eben noch schneller, noch besser und vor allem noch jünger sind als alle, die vor ihnen kamen. Das beste Beispiel liefert uns der aktuelle Schalker Bundesligaspieler Julian Draxler: Fünf Minuten im DFB-Pokal reichten dem gerade einmal 17-jährigen für den Aufstieg zum „Superstar“, denn seit seinem Tor gegen den 1. FC Nürnberg setzte ein regelrechter Hype um den jüngsten „Königsblauen“ aller Zeiten ein. „Jubel um Draxler – Jungstar verzaubert Schalke“, heißt es auf transfermarkt.de. Mit dem Artikel „So tickt Draxler wirklich“, will es die BILD-Zeitung wieder ganz genau wissen und selbst sein sonst eher mürrischer Trainer prophezeit: „Er ist ein Fußballer, der Karriere machen wird, ihm gehört die Zukunft“.

Ein Fall, der stark an das Jahr 1999 erinnert: Mönchengladbach empfängt 1860 München, für die Bundesliga ein relativ unbedeutendes Duell, für einen damals 18-jährigen dank eines Traumtores der Aufstieg zum deutschen Fußballstar und Hoffnungsträger: Sebastian Deisler. Erst sollte er seinen neuen Verein Hertha BSC Berlin vor dem Abstieg retten, dann zur Meisterschaft führen. Später ruhten alle Hoffnungen der Nationalmannschaft und des großen FC Bayern München auf seinen Schultern – ein medialer Druck an dem Deisler nach Verletzungen und Formschwankungen zerbrach, ja fast schon zerbrechen musste. Mit 27 Jahren beendete „Basti Fantasti“ seine Karriere aufgrund von Depressionen. Auch andere Spieler wie Jan Simak, Benjamin Lauth oder Lars Ricken wurden als Hoffnungsträger gefeiert und früh als Superstars „gehypt“, stießen aber immer wieder an ihre physischen und psychischen Grenzen.

Keinesfalls bedeuten diese Einzelfälle, dass Julian Draxlers Karriere einen ähnlichen Verlauf nehmen muss. Der Lenker des aktuellen Tabellenführers der Bundesliga Borussia Dortmund, Nuri Sahin, wurde ebenfalls früh als „Wunderkind“ bezeichnet und konnte die Erwartungen in seinen ersten Profijahren kaum erfüllen. Über den Umweg Niederlande (Feyenoord Rotterdam), fernab jeglicher deutscher Berichterstattung, reifte der jüngste Bundesligatorschütze aller Zeiten zum kompletten Mittelfeldspieler und spielt nun tatsächlich das, was die Leute von ihm bereits als 16-jähriger verlangten.

Wie sich Julian Draxler weiterentwickeln wird, kann niemand vorausahnen, doch zu wünschen bleibt, dass die Medienlandschaft in Deutschland aus den Fällen der Vergangenheit gelernt hat und vielleicht doch auf Menschlichkeit, statt auf Sensationslust setzt.

http://www.sport1.de/de/fussball/fussball_dfbpokal/artikel_342305.html (abgerufen am: 02.02.2011)

http://www.transfermarkt.de/de/jubel-um-draxler-jungstar-verzaubert-schalke/news/anzeigen_54483.html (abgerufen am: 02.02.2011)

http://www.stern.de/tv/aktuell/sebastian-deisler-bei-stern-tv-so-besiegte-ich-meine-depression-1513275.html (abgerufen am: 02.02.2011)

http://www.digitalfernsehen.de/TV-Quoten-2010-Fussball-Fussball-und-ein-bisschen-Lena.45350.0.html?&L=0&cHash=d2f3be40d0eea0cf7c9ead2a06dc0718 (abgerufen am: 02.02.2011)

Wer BEATET mehr?

Popstars, DSDS, X-Factor – die Musikcastingshows bringen Jahr für Jahr neue Musiktalente auf den Markt, doch was von ihnen bleibt, ist oftmals nicht mehr als eine erfolgreiche Debütsingle. Wenn überhaupt. Oder wie hießen die Top-Hits der „Superstars“ Tobias Regner, Thomas Godoj oder Daniel Schuhmacher? Oder von den „Popstars“-Bands Nu Pagadi oder Room 2012? Und wer verdammt nochmal ist Elisabeth Erl? Achso. Hat die zweite Staffel von DSDS gewonnen. Vielen Dank, Google!

Sicher, pauschalisieren darf man die anhaltende Erfolglosigkeit der Castingstars nicht. Die „No Angels“ machten den Anfang und die Produzenten des Popstars-Formats hoffen wohl noch heute auf ähnlichen Erfolg. Auch andere wie Monrose oder Mark Medlock platzierten immerhin mehrere Titel in Deutschlands Hitlisten. Und ja, ok, ich gebe zu: Hin und wieder gebe selbst ich nach dem (mindestens) zweiten Bier (zu viel) auch mal eine Soloperformance des Overground-Klassikers „Schick mir nen‘ Engel“ zum Besten.

Doch was es wirklich heißt, ein deutscher „Star“ zu sein, durfte man dieser Tage in Hamburg bewundern. Zwei absolute Ausnahmekünstler, Xavier Naidoo und Kool Savas, hatten zu einem ganz besonderen Ereignis geladen und gleich eine ganze Künstlerbataillon in die Hansestadt gelotst. Das „Konzept“ der Show ist einfach erklärt: Die Musiker drückten sich wortwörtlich „die Klinke in die Hand“ und gaben nach einem feat. mit dem vorangegangenen Künstler einen eigenen Solosong zum Besten, um danach gemeinsam mit einem neuen Artist den nächsten Song zu performen – geboren war der von Naidoo geprägte Begriff der „Künstlerkette“.

Während die „Söhne Mannheims“ mit „Iz on“ eröffneten, war es vor allem Xavier Naidoo, der im weiteren Verlauf dem Konzert den Stempel aufdrückte. Nach der Ballade „Bitte hör‘ nicht auf zu träumen“ holte er die wohl beste deutsche Stimme, Cassandra Steen, zu sich auf die Bühne, um mit ihr gemeinsam während des Duetts „Wann“, erstmals Gänsehaut-Stimmung zu erzeugen. Künstler für Künstler wurde der „Staffelstab“ übergeben und egal ob Steen & Adel Tawil („Stadt“), Adel Tawil & Azad („Prison Break Anthem“) oder Steen & Azad („Eines Tages“); längst vergessene, aber auch neue, eigens für die Show produzierte Songs (Naidoo & Kool Savas „Lied vom Leben“), brachten die O²-Arena zum Kochen.

Das Erstaunliche daran: Wohl jeder Besucher konnte die Ehrlichkeit der Musik spüren – nix mit Casting oder gepushten Songs, jeder Musiker verkörperte seine eigene Vita, seinen persönlichen Lebensweg, welchen man auch in den Liedern spürt. Welcher Castingstar kann uns dieses Gefühl vermitteln?

Identifikation ist das Stichwort.

Das Hamburger Publikum konnte sich vor allem mit einem identifizieren – na klar, Lokalmatador Jan Delay setzte dem Ganzen die Krone auf und supportete im Anschluss gleich einmal den HipHop-Newcomer des Jahres „Marteria“, welcher mit seinen Songs „Endboss“ und „Verstrahlt“ der Veranstaltung einen würdigen Rahmen verpasste.

Kürzlich wurde in unserem Blog darüber diskutiert, was wirklich noch europäisch an den MTV Europe Music Awards ist. Bei „Wir BEATEN mehr“ traten alle Musiker live auf und sangen trotz unterschiedlichster Herkunft durchgängig auf Deutsch. 15 Jahre deutsche HipHop- und Soulgeschichte komprimiert auf einen Abend, da konnte sich selbst die türkisch-stämmige Rap-Legende Kool Savas einen Seitenhieb nicht verkneifen: „Ich denke, Herr Sarrazin, wir haben heute einen wichtigen Teil zur Integration geleistet.“

Das Konzertjahr 2011 ist noch jung – also – wer BEATET mehr?

www.wirbeatenmehr.de