Heute ist (nicht) mein Tag – Ende des Live-Betriebs für 9Live

Ab sofort heißt es für 9Live nicht mehr „Heute ist mein Tag“ – der Livebetrieb des umstrittenen Quizsenders wird zum 31. Mai 2011 eingestellt. Heute Morgen teilte ProSiebenSat.1 mit, dass 9Live aufgrund stark sinkender Umsätze Gewinnspiel-Aktivitäten lediglich für externe Kunden weiterproduzieren wird.

Mit einem Minus von 34,3% betrugen die Umsätze von 9Live Anfang 2011 nur noch 9,2 Mio Euro. Da der Gesamtumsatz von ProSiebenSat1 im ersten Quartal um 3,7% auf 682,8 Mio Euro gestiegen ist, kann die Sendergruppe auf den Live-Betrieb von 9Live verzichten. Wie viele der 60 Stellen beim Sender dem Schnitt zum Opfer fallen werden, ist allerdings noch unklar. Ab Juni wird ProSiebenSat1 „bis auf weiteres“ fiktionale Programme auf dem Sender zeigen, der in diesem Jahr sein 10. Jubiläum gefeiert hätte. Ein ausgereifteres Programm gibt es noch nicht, der Name „9Live“ bleibt allerdings vorerst bestehen.

„9Live bietet als erster Sender Deutschlands seinen Zuschauern etwas völlig Neues: Fernsehen zum Mitmachen! Dabei bietet Ihnen 9Live alles, was modernes Fernsehen ausmacht: Unterhaltung, Spaß, Spannung, Service, Information, Spiel und tolle Gewinnchancen – und das live und rund um die Uhr.“
(Zitat 9Live Website)

Was als „Erfolgsmodell“ mit immensen Umsatzzahlen begann, endet 10 Jahre später als Verlustgeschäft. Der geringe Marktanteil (0,1%) ist allerdings nicht der einzige Grund für das 9Live-Aus. Schon lange wird heftig über Call-in-TV-Shows diskutiert, die ihre Einnahmen durch Telefonanrufe finanzieren und oftmals wegen unlauteren Methoden, Manipulations- und Abzockvorwürfen in der Diskussion stehen.
Ein legendäres Beispiel war der Mitschnitt von 9Live-Moderatorin Alida Kurras, die, im Glauben, ihr Mikrofon sei stummgeschaltet, Anweisungen an ihren Redakteur gab, den „Hot-Button“ (-der einen der Anrufer auswählt und live zuschaltet-) erst später zuschlagen zu lassen. Grund: Die Peaks (eingehende Anrufe) seien gerade so hoch. Die Zuschauer konnten dies live über den Sender mitverfolgen.
Durch die im Jahre 2009 erlassene Gewinnspielsatzung der Landesmedienanstalten zur Herstellung von Transparenz und Fairness wurden bereits mehrere Bußgelder gegen Call-In-Shows verhängt – die meisten erhielt 9Live.

Medienwissenschaftlich interessant ist/war das Konzept von 9Live allemal: Kommunikator-, Produkt- und Rezipientenforschung kann hier in einem hohen Ausmaße betrieben werden. Hier nur eine kleine Auswahl möglicher Forschungsfragen, die mit Hilfe von Befragungen und (teilnehmenden) Beobachtungen sehr interessante Ergebnisse liefern könnten:

Kommunikatorforschung: Welche Medienbotschaften werden von den 9Live-Moderatoren an die Rezipienten gesendet? Welche Methoden der Beeinflussung und Manipulation sind beobachtbar?

Rezipientenforschung: Anrufverhalten des Zuschauers: Wann und warum rufen Zuschauer an? Welche Wirkung rufen die Sendungen hervor? Wie hoch ist die Gefahr der Glücksspielsucht?

Produktforschung: Wie „funktioniert“ das Format „Call-In-Show“ bzw. warum ist/war es so erfolgreich?

Natürlich wäre auch die mediale Berichterstattung über den Sender an sich ein Forschungsdesign wert, denn ein Blick auf die Themenkarriere des umstrittenen Senders lohnt sich allemal.

 

Quellen:

http://kress.de/alle/detail/beitrag/109951-prosiebensat1-senkt-den-daumen-live-betrieb-bei-9live-wird-eingestellt.html

http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2011-05/20142469-roundup-2-prosiebensat1-auf-rekordkurs-9live-am-ende-016.htm

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2 Gedanken zu „Heute ist (nicht) mein Tag – Ende des Live-Betriebs für 9Live

  1. Ich bin sehr gespannt, ob jetzt wieder vermehrt Call-In-Shows auf anderen Sendern der ProsiebenSat1-Gruppe zu sehen sein werden. Vor zehn Jahren war die Inflation des Formats ja dermaßen groß, dass die Idee zu 9live aufkam.
    Man darf gespannt sein.

  2. „Fernsehen zum Mitmachen“
    NUN ja schön ausgedrückt, wenn man bedenkt dass die Zuschauer jetzt auch noch noch vor laufender Kamera abgezockt werden/ wurden. Ich bin der Meinung, dass die Einstellung dieses Senderformats schon viel früher von statten hätte gehen müssen.
    Es gäbe viele pädagogisch wertvollere Formate, die nicht nur auf Geldmacherei ausgelegt sind. Hierbei wären gruppenspezifische Formate, beispielsweise für Senioren, sicherlich sinnvoller.

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