Neue Dimension des Cyber-Mobbings

Das Phänomen nennt sich „www.isharegossip.com“, ist seit ca. einer Woche online und lässt mir die Haare zu Berge stehen. Sinn dieses Internetportals ist es, angeblich anonym und ohne Registrierung über bestimmte Mitschüler oder Lehrer (und generell über alle anderen Menschen, die man nicht ausstehen kann) herzuziehen.

Es dient dazu, Gerüchte zu verbreiten, Mitmenschen öffentlich in Kategorien einzuordnen („Größte Wiesbadener Schlampe?“, „Hässlichste Person der Schule?“) und andere Mitglieder mit Namen oder weiteren Daten zu versorgen, damit diese das Opfer in sozialen Netzwerken aufsuchen und somit der Debatte folgen können.

Damit man sich bzw. sein Umfeld auf der Seite finden kann, sind links verschiedene regionale Kategorien aufgelistet: Mit einem Baumdiagramm kann man nun sein Bundesland, seine Stadt und seine Schule auswählen. Sollte die eigene Schule noch nicht präsent sein, soll man sie schnell vorschlagen und anschließend sofort mitlästern.

Selbst im Schulunterricht haben wir das Thema „Cyber-Mobbing“ mehrfach behandelt – auch die schlimmeren Fälle, die u.A. Suizid zur Folge hatten wurden bei uns diskutiert. Und wenn einem so etwas nicht schon genug zu denken gibt, könnte man eigentlich meinen, dass die Leute wenigstens aus verschiedenen Internet-Skandalen gelernt hätten, dass jede noch so kleine Behauptung mittels technischer Aufzeichnungen zurückverfolgt werden kann. Dennoch scheint sich keiner der Beteiligten wirklich Sorgen darum zu machen. Denn die Betreiber der Seite selbst erzeugen eine scheinbare Sicherheit: „Wir haben nie IPs gespeichert und wir werden NIE IPs speichern. Deswegen haben wir auch nie an irgendjemanden IPs ausgehändigt. Solche Anfragen beantworten wir nicht weil wir keine IPs speichern egal ob ein Polizist, ein Lehrer/Direktor oder ein Anwalt anfragt. Ihr seid 100% anonym. WER ETWAS ANDERES BEHAUPTET IST EIN LÜGNER UND WILL EUCH ANGST MACHEN. Warum behaupten das Leute? Weil sie sich nicht anders zu helfen wissen. Auch wird diese Seite nicht gesperrt oder gelöscht, da Sie nach US-Recht zu 100% legal ist.“, heißt es gleich auf der Hauptseite. Direkt darunter stehen Link und Telefonnummer der Telefonseelsorge – ob das skrupelloser Zynismus oder ein schlechter Scherz ist, wird leider nicht klar.

Ein weiterer kritischer Punkt ist die Besetzung der Administratoren. Sind sie in „üblichen“ Foren doch dazu da, um eine gewisse Ordnung herzustellen und dafür zu sorgen, dass die User stets einen angemessenen Ton beibehalten, kann hier jeder Besucher seine Bewerbung abgeben – egal ob er selbst auf die Schule geht oder nicht. Gefährlich ist hierbei, dass er durch die Administratorenrechte u.A. Beiträge löschen oder verändern kann: Bewusst eingesetzt kann er verteidigende Äußerungen der Opfer oder ihrer Sympathisanten sowie  andere Elemente der freien Meinungsäußerung verhindern.

Neuerdings soll zudem auch eine Bild-Funktion eingeführt werden. Sie ermöglicht es den Besuchern dann, Fotos hochzuladen und sie zu kommentieren – an sich keine neue Praxis für Nutzer sozialer Netzwerke, als gezielte Mobbingerweiterung ist sie jedoch höchst alarmierend.

Bekannt wurde mir das Portal erst heute, da es in meiner ehemaligen Heimatstadt Wiesbaden einen heftigen Skandal ausgelöst hat: Eine Lehrerin wurde auf der Seite gezielt angegriffen und ihr Ruf massiv geschädigt. Die Polizei rät zur Anklage, deren Durchsetzung ist aber nach wie vor unsicher, da der Betreiber der Internetseite in Neuseeland sitzt. Eine weitere effektive Option stellt auch die „Missbrauch melden“-Funktion dar, hier kann allerdings nur entfernt werden, wer sein Opfer mit vollem Namen nennt.

Ob eine derart schockierende Seite noch länger präsent bleibt und ihr Netz demnächst vielleicht sogar bundesweit auswerfen kann, werden wir wohl noch sehen; bisher wurde sie „nur“ in NRW, Berlin, Hamburg, München, Frankfurt, Mainz und Wiesbaden getestet.

Dass Menschen lästern gehört in gewisser Weise wohl zum Alltag. Dass man gezielten Mobbing-Angriffen aber einen rechtlich geschützten Rahmen einräumt und sie durch Erweiterungen sogar noch fördert, finde ich skrupellos und absolut unmenschlich. Bleibt nur zu hoffen, dass man schnell einen Weg findet, solche Perversionen zu beenden.

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Ein Gedanke zu „Neue Dimension des Cyber-Mobbings

  1. Das ist unmöglich!
    Ich bin sehr überrascht darüber, dass sowas in Deutschland genehmigt wird und somit „legal“ ist.
    Bisher kannte ich die website nicht und bin schockiert über die Tatsache, dass dort komplette Namen à la „Max Mustermann“ hinterlassen werden können und als „Schulschlampe“ zur Wahl stehen.

    Außerdem gibt der Betreiber der Website folgenden Hinweis in der rechten Spalte:
    „An die Schüler von Bildungsfernenschichten: Bitte unterlasst die grausame Sprache ansonsten
    müssen wir die Gesamt- und Realschulen wieder entfernen …“

    Bildungsferne Schicht? Meiner Meinung nach ist die gesamte Website niveaulos und ich käme nie auf die Idee ein posting dort zu hinterlassen. Macht für mich eher den Anschein als gehörte der Betreiber selbst zu der, von ihm so genannten, „bildungsarmen Schicht“. Peinlich.

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