Rest-nominiert

Die Verleihung des Deutschen Fernsehpreises – ein Glamourereignis seit 1999. Bereits zum zwölften Mal sollte der von ARD, ZDF, RTL und SAT1 ins Leben gerufene Preis auch in diesem Jahr der deutschen Film- und Fernsehsociety einen Anlass bieten, sich selbst zu feiern.

Doch die Reform des Kategoriensystems verdarb die Champagnerlaune Anfang Oktober im Kölner Coloneum weitestgehend.

Während sich in den vergangenen Jahren die personalen Nominierungs-Kategorien hauptsächlich auf Leistungen im Bereich Fernsehfilm bezogen, wurde in diesem Jahr versucht, auch den innovativen Formaten Information, Dokumentation, Unterhaltung, Comedy und Dokutainment gerecht zu werden. Wieder ein Sieg der Quote über die Kultur?

Während am einen Ende neue Kategorien entstehen, müssen andere zurückstecken. Unter dem neuen „Werk- und Teamgedanken des Fernsehschaffens“, wie die Stifter des Preises es formulieren, verschwinden wichtige Kategorien für persönliche Leistungen in Regie, Buch und Kamera und auch ein Unterschied zwischen Haupt- und Nebenrolle in der Kategorie „Bester Schauspieler“ scheint überflüssig geworden zu sein.

Die Straffung von 21 auf nunmehr 18 Kategorien sorgte besonders bei den Schauspielern für Unmut. So sagte Jessica Schwarz, die in einem T-Shirt mit der Aufschrift „Rest-nominiert“ bei der Gala erschien, sehr treffend, dass gerade auch der Regisseur, der Schnitt und die Nebendarsteller das Herz eines Filmes seien.

Statements wie dieses und die Aktion des Bundesverbandes der Film- und Fernsehschauspieler (BFFS), dessen Vorstandsmitglied Hans-Werner Meyer Flyer und Buttons mit der Aufschrift „Wir sind preiswert“ an die Gäste verteilte, sorgten für negative Stimmung auf der glänzenden Veranstaltung.

Letztlich stellt sich die Frage, für wen ein solcher Preis eigentlich gemacht wird und wie man „Fernsehpreis“ definiert. Ist es kleinkariert, sich darüber aufzuregen, dass Drehbücher, Regie, Komposition, Kamera, Szenographie, Kostümbild und Schnitt scheinbar keine separate Würdigung mehr wert sind? Vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen sich bei einer solchen Preisverleihung nicht mehr nur auf den Fernsehfilm konzentrieren kann, wo doch Comedy und Dokutainment mittlerweile mehr und mehr die Fernsehlandschaft erobern. Und gehören nicht Information und Dokumentation genau so sehr zum Begriff Fernsehen, wie ein aufwändig produzierter ARD-Zweiteiler mit namhaften Schauspielern? Um sämtlichen Akteuren der Film- und Fernsehmaschinerie gerecht zu werden, müsste vermutlich die Verleihung des Deutschen Fernsehpreises ebenfalls zu einem Zweiteiler ausgeweitet werden.

Nicht gerade erstrebenswert – muss man doch bereits ein Publikumsvoting für die beste Daily-Soap bzw. Telenovela veranstalten, um den Zuschauer überhaupt irgendwie in die Privatparty der TV-Promis zu involvieren.

So gesehen ist die Idee der Stifter, die ganze Reform und die einhergehende Zeitstraffung als einen Schritt zum „Teamgedanken“ zu sehen, ja ganz nett und man mag sich denken „Jawoll“, wenn Comedian Annette Frier, selbst in diesem Jahr ausgezeichnet, noch in ihrer Dankesrede empfiehlt, dass „die beleidigten Ärsche“ sich endlich zusammenreißen mögen.

Alles gut und schön. Man muss sich schließlich nicht benehmen wie auf einem Kindergeburtstag.

Und dann kommt die Verleihung des Ehrenpreises der Stifter. Dieser geht an die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Da bedanken sich die größten deutschen Sender, weil die Jungs so viele Zuschauer vor den Fernseh-Bildschirm locken konnten.

An dieser Stelle darf man sich dann nochmal fragen, um was es beim Deutschen Fernsehpreis eigentlich geht.

Neues Kategoriensystem

1. Bester Fernsehfilm
2. Bester Mehrteiler
3. Beste Serie
4. Beste Comedy
5. Beste Unterhaltungssendung Show
6. Beste Unterhaltungssendung Doku / Dokutainment
7. Beste Informationssendung
8. Beste Dokumentation
9. Beste Reportage
10. Beste Sportsendung
11. Bester Schauspieler
12. Beste Schauspielerin
13. Besondere Leistung in der Fiktion
14. Besondere Leistung in der Unterhaltung
15. Besondere Leistung in der Information
16. Förderpreis
17. Publikumspreis
18. Ehrenpreis der Stifter

Quellen:

http://www.deutscherfernsehpreis.de/content/view/845/1/

www.drehbuchautoren.de

http://www.focus.de/kultur/kino_tv/focus-fernsehclub/der-deutsche-fernsehpreis-2010-beleidigte-aersche-im-smoking_aid_560347.html

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4 Gedanken zu „Rest-nominiert

  1. Ist schon irgendwie seltsam. Ich finde es zwar auch nicht richtig, dass gewisse Preisverleihungen ständig ihre Regeln und Kategorien ändern, aber dass Schauspieler, die sowieso sehr gut verdienen jetzt mit T-shirts mit ihrer negativen Meinung hausieren gehen ist irgendwie lächerlich. Ich würde es mehr respektieren, wenn diese Leute einfach nicht zu den Presiverleihungen hingehen würden und somit wenigstens zivilisiert Widerstand gegen Trends und Veränderungen bei solchen Veranstaltungen leisten.

  2. Ich finde es schon sehr seltsam, dass sie entschlossen haben, wichtige Kategorien wie Bester Schauspieler in einer Nebenrolle herauszunehmen. Was ich davon halten soll, dass man jetzt auch selbst abstimmen kann weiß ich nicht. Wo würden Filme landen wenn bei den Oscars selbst abgestimmt werden könnte? Haben dann Außenseiterfilme noch eine Chance? Auf jeden Fall eine etwas komische Gewichtung der Kategorien.

  3. Merkwürdig finde ich, dass die deutsche Nationalmannschaft einen Ehrenpreis erhalten hat. Auch wenn sie mit Sicherheit für hohe Einschaltquoten gesorgt haben. Das Fernsehen ist in diesem Fall nur eines von mehreren Übertragungsmedien, Fußball könnte man auch live sehen, im Radio hören, in der Zeitung nachlesen oder im Internet per livestream verfolgen. Wohingegen es für Filme eine eigene Bühne darstellt und von viel höherer Bedeutung ist.

  4. Der Knackpunkt ist, dass meiner Meinung nach die Fußballer keinerlei mediale Leistung erbracht haben, für die sie einen derartigen Preis verdient hätten. Ein Fußballspiel ist ja kein Spielfilm und halbwegs vernünftige Antworten auf die ewig gleichen Fragen von Journalisten zu formulieren, ist in deren Falle auch kein Kunststück.

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