Neue Dimensionen für interaktives Fernsehen?

Kennt noch jemand „Hugo, die Show“? Das besondere an der in den 90ern ausgestrahlten Sendung war ihre bis heute unerreichte Interaktivität – mit dem Telefon konnte jeweils einer der Zuschauer der trollhaften Spielfigur Hugo befehle erteilen und so Fallen ausweichen, über Hindernisse springen oder beim Hütchenspiel auf Gewinnjagd gehen. Abgesehen davon hat das Fernsehen überraschend wenig interaktive Inhalte zu bieten – neben der heute stark genutzten Goldgrube der Call-In-Quizshows waren es vor allem die sogenannten TeleDialog-Umfragen (TED), bei denen die Zuschauer aktiv das Programm beeinflussen und so z.B. bei „Wetten, dass..?“ den Gewinner der Sendung küren konnten. Wirkliche Interaktivität, die quasi die Möglichkeit des Vertauschens der Sender- und Empfängerrollen beinhaltet, gab es im Fernsehen bis dato noch nicht wirklich. Doch das könnte sich bald ändern.

In Amerika reift derzeit eine neue Idee heran, die die Möglichkeiten der Interaktion in bisher unermessliche Bereiche vorantreiben will. Verantwortlich dafür zeigt sich Will Wright (siehe Foto), der einigen vielleicht als der Macher der Computerspiele „Sim City“ oder „Die Sims“ bekannt sein dürfte. Letzteres erhebt bis heute den Anspruch auf das weltweit meistverkaufteste Computerspiel aller Zeiten. Alle Spiele, für die sich Wright verantwortlich zeigt und zu denen auch die relativ erfolgreiche Evolutions-Simulation „Spore“ gehört, zeichnen sich vor allem durch eine Eigenschaft aus: Der Spieler bekommt nie dagewesene Möglichkeiten, Dinge zu erschaffen und zu beeinflussen, seien es Menschen und Familien, ganze Städte oder eben kreative Alien-Figuren. Nun will Wright sein erfolgreiches Konzept auf das Fernsehen übertragen, und das Projekt trägt nicht unzutreffend den Namen „The Creation Project“.

In der für Al Gore’s Medienunternehmen „Current TV“ produzierten Show wird der Zuschauer zum Programmdirektor. Geplant ist, dass die Handlung komplett durch die Partizipation der Rezipienten erzeugt wird. Natürlich stößt das Medium TV hierbei schon aus technischen Gründen schnell an seine Grenzen, weswegen der eigentliche interaktive Part ins Internet verlagert wird. Dort können die Teilnehmer nach typischer Social-Media-Marnier Ideen für den Fortgang der Handlung enwickeln, diskutieren und vor Allem bewerten. Die Idee mit den meisten Stimmen wird dann von den Machern der Show umgesetzt. Unbegrenzte Möglichkeiten – so scheint es.

Das dahinterstehende Konzept ist jedenfalls nur dem ersten Anschein nach neu. Der Zuschauer bestimmt, was er in Zukunft konsumieren soll – es ist nicht besonders schwer, Parallelen zu Castingshows zu ziehen. „Amerika sucht den Super-Autor“, und falls das Modell erfolg hat, wird es wieder weltweit exportiert. Was das für die Qualität der Inhalte bedeutet ist beim aktuellen Informationsstand schwer zu sagen. Das zuständige Team sollte sich jedenfalls im klaren darüber sein, dass quasi per Schwarmintelligenz erzeugten Produkten immer ein bisschen der Hauch des Chaos anhaftet. Eine kontrollierende Instanz ist also notwendig, was den Faktor der Interaktivität wieder ein wenig relativiert.

Ein weiterer wichtiger Punkt diesbezüglich ist der Anklang, den das Projekt finden wird. Denn zunächst ist das Fernsehen ja ein Medium, dass vor Allem dafür beliebt ist, dass der Rezipient sich vollkommen passiv berieseln und eskapistisch unterhalten lassen kann. Nun soll er selbst zum Autor werden. Der motivierende Faktor hierbei dürfte vor Allem die Reputation sein, denn wer wäre nicht stolz drauf, seinen Freunden seine quasi eigene Episode einer TV-Serie vorführen zu können.

„Hugo, die Show“ wurde nach 7 Jahren wegen Quotenmangel wieder eingestellt. Vielleicht schafft Wright es ja, ein Stückchen mehr Interaktivität ins Fernsehen zu bringen.

(via mashable)

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