Google – Big Brother für Jedermann

Wir sind schon einiges gewohnt in unserem Internet-basierten Leben. Doch was jetzt auf uns zukommt übersteigt die kühnsten Fantasien von George Orwell.

Die neue Software `Googles` macht`s möglich. Noch in der Entwicklung, aber schon in den Starlöchern mit Hilfe von Google Nexus One.

Wir sind im Urlaub und machen fleißig Fotos. Da erkennt das Handy ein Gebäude oder eine Touristenattraktion und schickt umgehend die passenden Informationen und Werbung für umliegende Geschäfte. Alles ganz praktisch.

Ebenso wie Google Books, Google Maps, Google Earth, Google Latitude, Google Alerts, Google News, Google Chrome, Google Mail, Google Street View, Picasa, Goggle Maps Navigation, Google Health, usw.

Diese Dienste, teilweise noch in der Entwicklung, erleichtern uns die Suche nach dem passenden Urlaubsort, helfen unsere Bilder danach zu entwickeln und darüber eine Mail an Freunde zu schreiben.

Jetzt können wir aber auch mit Hilfe der Handykamera ganz neue Seiten an uns entdecken.

War man bis jetzt noch nicht im Stalking-Business, kann sich das nun ändern. Erkennt unser Handy `Nexus One` mit Hilfe der Kamera ein Gesicht, wird sofort das Internet nach dieser Person durchforstet. Es erscheinen alle vorhanden Daten: Bilder, E-Mails von Google-Mail, der gegenwärtige Standort mit Hilfe von Google Latitude, die Vorlieben von der Facebook-Seite, die letzte Meinungsäußerung von Twitter und vieles mehr.

Was die Besorgnis der Datenschützer angeht, so kann uns Vorstandschef Eric Schmidt ganz einfach erklären, wie wenig er diese Sorge teilt:

?Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht gar nicht erst tun.? Übersetzt soll es heißen, wenn Sie Google, in welcher Form auch immer, benutzen, sind Sie ihre Privatsphäre los. Leider gilt das auch für Menschen die es gar nicht nutzen, dank eben neuester Gesichtererkennung zum Beispiel, uvm.

Aber das ist ja nur ein Bruchstück der allumfassenden Macht von Google. Die Firma hat sich ja erst kürzlich mit der chinesischen Regierung angelegt. Und wer sich das trauen kann, hat seine Schäfchen im Trockenen. Der Börsenwert von zurzeit ca. 190 Milliarden Dollar spricht für sich.

Was die Datenschutzrichtlinien angeht, haben wir nichts zu melden. Der Firmensitz ist in den USA, deshalb gelten auch die dortigen Bestimmungen und nicht die der EU. Das bedeutet auch den `Patriot Act` nicht zu vergessen. Google ist also verpflichtet den US-Geheimdiensten jede verlangte Information über ihre Nutzer zu geben, ohne diese zu informieren. Vielleicht steht man also schon lange auf der Liste der Terror-Verdächtigen. Man wird mehr darüber erfahren, wenn man das nächste Mal versucht in die USA einzureisen.

Um diese Datensammelwut zu rechtfertigen reichen zwei simple Gründe:

  1. Um den Nutzern alle Fragen beantworten zu können, muss man auch alles vom Nutzer wissen.
  2. Der Nutzer möchte diese Dienste, weil sie so praktisch sind. Er verlangt also selbst danach.

Das hört sich zwar plausibel an, aber wenn dadurch die totale Bespitzelung jedes Bürgers durch jeden Bürger ermöglicht wird, dann geht die Kosten-Nutzen-Rechnung nicht mehr auf.

Der Traum einer jeden Diktatur geht in Erfüllung, weil nun nicht mehr von oben  überwacht werden muss, sondern die Bürger das gegenseitig tun und zwar weltweit. Und das ist nun mal zu befürchten, wenn die Menschen der Natur ihrer Neugier folgen. Die wird aber jetzt technisch Perfektioniert und zu neuen Sphären geleitet, wenn es schneller geht den Aufenthaltsort eines Menschen zu erfahren, als sich dessen Telefonnummer zu besorgen.

Aber auch die Mitarbeiter bei Google haben nichts zu lachen.

Die totale Verrechnung aller Daten (?Beurteilung, Beförderung, Gehaltskurve??)  wird zu Rate gezogen, wenn es um Neueinstellungen oder Kündigungen geht. ?Das hilft uns in die Köpfe von Leuten zu spähen, noch ehe sie selbst an eine Kündigung denken?, meint Personalchef Laszlo Bock im ?Wall Street Journal?.

Als kleiner Rundumblick in unsere Zukunft sei noch eine Passage angeführt:

?Google Maps auf dem Handy lotst zu den Kundenterminen, die im Google Kalender stehen. Bei Picasa Web Albums, dem Online-Bilderdienst des Suchgiganten, gehen die Fotos ein, die man in der Mittagspause mit dem Handy knipst ? natürlich mit Zeit- und Ortsdaten versehen. Und auf einem der Fotos hat die Gesichtererkennung von Picasa automatisch die Geliebte aus dem Büro identifiziert.

Bevor der Tag zu Ende ging, konnte Google auch noch speichern, dass unser Mann nach starken Beruhigungspillen, einem Sofortkredit und einer Gebärklinik sucht. Dass nicht seine Frau schwanger ist, hatte er in einer E-Mail an den besten Freund gestanden. Google Mail stellte eine Anzeige über Umstandsmoden dazu.?

Super, na dann viel Spaß mit der Zukunft Welt.

Big Brother, äh, your neighbour, is watching you.

Quelle:

Der Spiegel ? Nr. 2 / 11.01.20

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7 Gedanken zu „Google – Big Brother für Jedermann

  1. Eine sehr beunruhigende Entwicklung, die uns da bevorstehen könnte. Auch wenn ich begeisterte Nutzerin des Internets und Angeboten wie Facebook bin, so möchte ich natürlich nicht von Fremden mit Hilfe einer neuen Technologie gefunden werden, weil ich dort einen Account habe.
    Und wie der Vorstandschef das ganze dann rechtfertigt, ist in meinen Augen eine riesen Frechheit. Schließlich hat sich Google nur mithilfe seiner Nutzer weltweit etablieren können und das soll nun der Dank sein.

  2. Toller Artikel, gefällt mir sehr 🙂

    Also, was machen wir um uns vor der Totalüberwachung bestmöglich zu schützen? Kein googeln mehr?

    Da fällt mir ein, habt ihr schon mal ausprobiert einen Namen (z.B. euren eigenen) bei Google zu suchen? Das erste Suchergebnis ist 123people.de und allein die Betreffzeile („E-Mail-Adresse, Telefonnummer und mehr!“) macht mir Angst. Neben Links zu Profilen (Google, Facebook, Myspace und Co.) findet man auch Telefonbucheinträge, Amazonwunschzettel und YouTube-Videos. Alles schön übersichtlich geordnet.
    Menschliche Neugier in allen Ehren, aber ist das wirklich die Zukunft die wir haben wollen?

  3. Ich muss sagen, dass ich google schon immer mit größter Vorsicht behandelt habe, deswegen melde ich mich auch nicht für googlemail und derartiger Sachen an. Ich fands schon „bewundernswert“, wenn man an zwei verschiedenen Rechnern denselben Suchbegriff eingibt, dass zwei verschiedene Suchergebnisse bei rum kommen.

    Ich frag mich was bald noch kommt? Vielleicht können wir ja bald die Handycam von extern aktivieren und,wenn das Handy dann noch gut liegt, unseren Nachbaran mit ins Schlafzimmer folgen?!

    @annika 123people.de war mir durch meine Arbeit schon bekannt, ich fands damals recht hilfreich für die Datenbankpflege, aber erschreckend ist es auf jeden Fall.

  4. wir schwimmen zwischen einem hohen grad an mündigkeit, die das internet eröffnet und einer selbst verschuldeten unmündigkeit, die es dafür einfordert.

    ich kann mir vorstellen, dass die eine strategie, sich vor „big google“ zu schützen, google selbst gefährlich werden kann:
    wenn sie es mit ihrer überwachung so weit treiben, dass eine erhebliche anzahl von noch-usern den weg zurück ins real life suchen und sich in einer physischen buchhandlung eine analoge map mit haptischen geldscheinen unter nichtverwendung einer sammelpunktkarte kaufen wird. als werbegeschenk erhält man eine postkarte, auf der sich schon eine briefmarke aber kein personalisierter absender befindet. ein leeres hervorgehobenes feld dient dazu, freiwillig den namen der sponsernden buchhandlung einzutragen, auf deren homepage mitarbeiter nur mit vornamen und ohne eigenes foto gelistet sind.

  5. Ich habe den Spiegelartikel auch gelesen. Es wurden alles schön erklärt und auch dein Artikel gefällt mir. Aber ich frage glaube, dass der Spiegel leicht übertrieben hat. Ich bin ein großer Fan von Google und bin auch der Meinung, dass sie viel zur Globalisierung beigetragen haben und auch noch werden. Aber die Sache, dass mit Hilfe von Facebook eine Bild-Suchmaschine entwickelt wird, finde ich doch leicht übertrieben und Frage mich ob diese „Search Engine“ auch so toll funktionieren wird. Naja mal abwarten.

  6. ja, das finde ich auch! Der Vorstandschef hat da ja mal ABSOLUTEN Schwachsinn verzapft. Da wurde ich fast leicht aggressiv bei… mein gott!
    Deinen Artikel fand ich auch sehr interessant, es ist wirklich erschreckend und fast unglaublich, auf wieviel WISSEN über Menschen Google zugreifen kann. Das ist wirklich der gläserne Mensch… die könnten ja fast bessere Profile eines jeden erstellen, als man selbst von sich denkt.
    Wissen ist Macht, das darf man nie vergessen.

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