Zum Fall Jürgen Emig: Ist der hr wirklich das Opfer?

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Anfang Oktober diesen Jahres wurde Jürgen Emig, der frühere Sportchef des hessischen Rundfunks, wegen Untreue und Bestechlichkeit vom Landgericht Frankfurt zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und acht Monaten verurteilt. Emig legte Revision beim Bundesgerichtshof ein.

Der 63 jährige Jürgen Emig soll laut Urteil Produktionskostenzuschüsse von Sponsoren und Sportveranstaltungen erhalten haben, diese aber nicht vollständig an den hr weitergeleitet haben. Über die von seiner Frau gegründete Tarnfirma SMP soll er zwischen 2001 und 2003 mehr als 300.000 Euro kassiert haben. Emig behauptet allerdings, dass der Sender seine Aktivitäten zur Geldbeschaffung für die Produktion von Sportsendungen ausdrücklich gebilligt habe. Emig soll also über Jahre hr- Sportsendeplätze an Verbände und Vereine verkauft haben. Somit wirft dieser Prozess die Frage nach der journalistischen Unabhängigkeit auf.

Helmut Reitze, hr-Intendant, sagte aus, dass er Emig im Juli 2003 verboten habe, zusammen mit seiner Frau Atlanta Killinger Produktionsgelder zu besorgen, weil es da einen Interessenkonflikt gebe. Er habe die sogenannten Beistellungen zur Finanzierung von Sportsendungen bereits im Jahr 2004 abgeschafft. Durch den Prozess rückt auch die Gebührenfinanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in den Mittelpunkt. Der hr erklärt auf www.hr-online.de, dass seit 2005 Wirtschaftsprüfer jährlich alle Buchungsvorgänge des hr untersuchen. Außerdem seien die Führungskräfte erneut auf die Einhaltung der Richtlinien zur Trennung von Werbung und Programm hingewiesen worden.

Emig spricht von neuen Zeugen aus den Reihen des hr und wirft der Rundfunkanstalt vor, die frühere Praktik der Beistellung sei ?im Grunde Schleichwerbung? gewesen. Das erste Urteil des Frankfurter Landgerichts erklärt jedoch den hr als Opfer. Ob an Emigs Anschuldigungen etwas dran ist, wird das Revisionsverfahren zeigen.

Meiner Meinung nach geht es für den hr vor allem darum, seine Vertrauenswürdigkeit wiederherzustellen. Es stellt sich für mich in diesem Zusammenhang generell die Frage, ob die Methode, Sponsorengelder für TV- und Rundfunkproduktionen zu verwenden, bei einer öffentlich-rechtlichen Anstalt moralisch vertretbar ist. Schliesslich finanziert sich eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt durch staatliche Gelder, die über Gebühren eingezogen werden. Wer garantiert, dass Sponsoren über das Finanzieren von diversen Sendungen nicht Einfluss auf das Programm nehmen und damit das Prinzip der Öffentlich-rechtlichen ad absurdum geführt wird?

Quellen:

http://www.hr-online.de/website/derhr/home/presse_meldung_einzel.jsp?rubrik=4820&key=presse_lang_35401016

http://www.sueddeutsche.de/kultur/888/308830/text/

http://www.netzeitung.de/medien/1210818.html

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Ein Kommentar zu “Zum Fall Jürgen Emig: Ist der hr wirklich das Opfer?”

  1. kowa1301 sagt:

    Unglaublich! Die GEZ treibt Gebühren zur Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramms ein. Selbst vor Studenten, die über recht beschränkte Mittel für den Lebensunterhalt verfügen, macht die Zentrale nicht halt. Natürlich, die Idee der unabhängigen und kulturell ein bestimmtes Niveau besitzenden Sendungen ist wichtig und rechtfertig somit die Gebühren. Und trotzdem muss man dann so etwas lesen…
    Mir fehlen die Worte!

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