Virtual Reality: Der Therapeut meines Vertrauens

Stellen Sie sich vor Sie stehen auf dem höchsten Dach Ihrer Stadt. Vor Ihnen geht es hunderte Meter nach unten. Nur ein Schritt trennt Sie vor dem virtuellen Fall. Jedoch ist eines real: Ihre Angst.

Die Meisten kennen den Begriff „Virtual Reality“ aus der Gaming- und Unterhaltungsbranche. Doch wussten Sie, dass die überdimensionierten VR- Brillen sich auch dazu etabliert haben um Phobien zu behandeln? Der Therapeut der Neuzeit schafft dabei einen räumlichen Eindruck der physikalisch gar nicht existiert. Sensoren erfassen zeitgleich jede kleinste Bewegung des Kopfes und versetzten den Nutzer in eine künstliche Umgebung. Aus Virtualität wird Realität.

Eine Behandlung mit dieser neuartigen Methode könnte dabei wie folgt ablaufen: In einem ersten Schritt wird der zu behandelnde Patient, welcher beispielsweise an Höhenangst leidet, auf eine virtuelle Erhöhung gestellt. Er kann sich dabei an die geringe Höhe gewöhnen und sich mit der Situation vertraut machen. In der nächsten Sitzung wird er an eine neue Höhenstufe gewöhnt, beispielsweise an das Betreten eines Sprungturmes. Sitzung für Sitzung tastet man sich somit an neue Höhenebenen heran, bis die panische Stimme aus dem Off nach und nach verstummt.

Begleitet von einem Therapeuten setzen die Patienten sich also bewusst mit ihren Ängsten auseinander. Diese können von Höhenangst, über eine Spinnenphobie bis hin zur Platzangst reichen. Das Prinzip ist dabei jedoch immer dasselbe: Man versucht die Angst, die sich der Patient im Laufe der Jahre angelernt hat wieder zu „verlernen“. Dabei bekommt der Therapeut Einblick in das kognitive Verhalten des Patienten und schon nach wenigen Sitzungen kann eine Linderung der Phobie durch diese spezielle Konfrontationstherapie erreicht werden.

Auch die Hochschulambulanz für Psychotherapie der Universität Würzburg nutzt virtuelle Welten, um Phobien durch individuelles Training mit ihrem System Virtual-Reality Therapy Interface „Cybersession“ zu bewältigen. Neben der Höhenangst, der Tunnelphobie oder der Klaustrophobie besteht an der Hochschulambulanz die Möglichkeit seine Flugangst behandeln zu lassen. Nach einer Analyse dieser persönlichen Flugangst und einem therapeutischen Gespräch beginnt die Übung im Flugsimulator. Dabei lernt der Patient mit seiner Angst umzugehen und ausgemalte Horrorszenarien abzulegen.

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VR Flug im Bewegungssimulator

Andreas Mühlberger, ehemaliger Psychotherapeut und Professor der Universität Würzburg, der ebenfalls am Flugsimulator Projekt der Hochschulambulanz beteiligt war, äußert sich in „Psychotherapie im Dialog- Internet in Psychotherapie und Beratung“ (Henning Schauenburg, 2011) folgendermaßen: „Die Verfügbarkeit von VR- Systemen, insbesondere zur Angstbehandlung, wird in den nächsten Jahren deutlich zunehmen, sodass die VR Expositionsbehandlung sich voraussichtlich als effektive Routinebehandlung etablieren wird.“

Als Vorteil kommt hinzu, dass die virtuelle Therapie bei geringeren Kosten deutlich weniger Aufwand in Anspruch nimmt als eine Konfrontation mit den Phobien im realen Leben.

Bildquelle: http://www.psychologie.uni-wuerzburg.de/psy1/cs/phobien.html

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