Da wo #merkelstreichelt, ist man gern

Am 15. Juli 2015 fand der Bürgerdialog mit dem Kampagnentitel „Gut leben in Deutschland“ in Rostock statt. Zu Gast war eine Rostocker Schulklasse, die Merkel Fragen zur aktuellen Flüchtlingspolitik stellte. Dort kam es zu einem Zwischenfall als ein Mädchen namens Reem Sahwil, das mit ihrer Familie vor vier Jahren aus Palästina in den Libanon geflohen war und von da aus nach Deutschland, Frau Merkel ihre persönliche Geschichte erzählte. Dabei ging sie auf ihre Angst vor einer Abschiebung ein, da ihre Familie lediglich eine vorläufige Aufenthaltsgenehmigung bekommen hatte. Merkel zeigte Verständnis für die Situation des Mädchens, betonte aber auch dass Deutschland nicht alle Menschen aufnehmen könne. Als das Mädchen daraufhin zu weinen begann, streichelte Merkel es und versuchte es mit den Worten „Och, komm. Du hast das doch prima gemacht“ zu trösten. Diese Aussage und das Handeln der Kanzlerin sorgten unter dem Hashtag #merkelstreichelt online für einen Shitstorm im Internet, in dem vor allem auf Merkels herzloses Verhalten hingewiesen wurde. Zugleich wurde aber auch eine neue Flüchtlingsdebatte ausgelöst.

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Ist eine solche Reaktion gerechtfertigt?

Zunächst muss gesagt werden, dass das Video, das vom NDR ausgestrahlt wurde und auf YouTube zu sehen ist, eine Länge von 5:30 Minuten hatte. Es zeigte folglich nicht das ganze Gespräch, das bei dem Bürgerdialog stattfand, sondern nur einen Ausschnitt. Durch diese „Manipulation“ wirkte es so, als sei Merkel gefühlskalt und als wäre ihr das Schicksal des Mädchens gleichgültig. In dem langen Video dagegen (90 Minuten) ging es darüber hinaus darum, dass das Asylbewerberverfahren eine lange Zeit in Anspruch nimmt und Frau Merkel bemühte sich zu erklären, warum dies so sei und ging darauf ein, dass dieses Verfahren in Zukunft beschleunigt werden soll.

Durch die Kurzversion wurde im Vergleich zu der Langversion des Videos der Eindruck der Situation verschärft und zugespitzt. Es muss jedoch auch gesagt werden, dass die Formulierung Merkels als etwas ungünstig gewählt beurteilt werden kann. Merkel hat, wenn auch etwas ungeschickt, richtig gehandelt, indem sie dem Mädchen keine Versprechungen gemacht hat, die sie möglicherweise nicht einhalten kann. Hätte sie das getan, hätte sie sich über alle rechtstaatlichen Prinzipien hinweggesetzt, wozu sie überhaupt nicht in der Lage ist. Sie wählte deshalb einen Mittelweg und versuchte, die Problematik der Flüchtlingsdebatte so gut es geht zu erläutern.

Hierbei sind also vor allem diejenigen Medien zu kritisieren, die die Geschichte unnötig aufgebauscht haben und lediglich auf die Kurzversion des Videos verwiesen haben anstatt eine umfassende Recherche vorzunehmen.

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