Radio La Colifata – „Radio des liebenswerten Verrückten“

„ Samstags machen sie hier ihr Radio.

Und das Erstaunlichste ist: Die Welt hört zu.“ [1]

Sie-  das sind Patienten der größten Nervenheilanstalt Argentiniens, der Borda in Buenos Aires. In diesen über 170 Jahre alten maroden Mauern fehlt es an Vielem, nur nicht an Kreativität und Menschen, die etwas bewegen wollen. So war es im Jahr 1991 der damalige Psychologiestudent Alfredo Olivera, der anstatt selbst bei einem Radiosender von seiner Arbeit und dem Alltag in einer Psychiatrie zu erzählen, einfach die Patienten zum Interview mitnahm und berichten ließ. Nach großen Interesse der Hörer etablierte er die Radiostation „Radio La Colifata“, die weltweit erste Radiostation, die von psychisch kranken Menschen betrieben wurde[2].

Jeden Samstag von 14:30 bis 19:30 Uhr [3] moderieren, erzählen, dichten, zitieren oder musizieren seit mittlerweile mehr als 20 Jahren die Patienten des Hospitals, die gemeinsam mit Alfredo und seinen Mitarbeitern selbst Themen zusammenstellen und ausarbeiten. Die Radiostation, die zur nichtstaatlichen Bürgerinitiative „ La Colifata, Salud Mental y Comunicación“ gehört, macht es sich zur Aufgabe, Wissen über psychische Krankheiten zu vermehren, soziale Kränkung psychisch kranker Menschen zu vermindern und stattdessen durch Integration in das soziale Leben mehr Toleranz zu schaffen. [4]

Die Erfolge und das Erreichen dieser geforderten Toleranz zeigt sich darin, dass LT22 Radio La Colifata bis heute immer noch aus dem Hospital Borda in Buenos Aires sendet und man auf der Internetseite www.lacolifata.org einzelne Sendungen als Stream hören kann, die Facebook Seite des Radios heute  130 573 Fans hat und das Projekt und ihre Initiatoren schon viele nationale und auch internationale Preise gewonnen haben.  Außerdem stehen Radio Colifata und der Musiker Manu Chao in enger Zusammenarbeit –er steuerte die Titelmusik zur Radiosendung bei und besucht die Station immer wieder. Ein Film, der die Patienten von der Borda Klinik begleitend und beobachtend über zehn Jahre lang gedreht wurde, zeigt zum Ende des Films sogar ein Konzert von Manu Chao, an dem er gemeinsam mit einigen psychisch kranken Menschen musiziert. [5]

Genau das traut sich bei Weitem nicht jeder! Und zeigt uns, wie sehr Medien zur sozialen Integration beitragen. In diesem Falle tun sie allerdings noch einiges mehr:

Sie bieten Menschen ein Sprachrohr, um ihre eigenen Gefühle und Erfahrungen preiszugeben, oder, um mit Musik, Dichtkunst oder Humor eben ihre Krankheit zu überlisten und der Realität für wenige Stunden der Woche zu entfliehen. Das Wichtigste ist allerdings, dass die Welt zuhört und sie ernst genommen werden. Das Publikum nimmt sie als würdevolle Menschen wahr, so wie sie es auch sind und verdient haben behandelt zu werden, allerdings leider noch nicht immer angesehen werden.

Da das Radio La Colifata immer mehr Nachahmer (zum Beispiel in Costa Rica und Italien) findet, besteht eine Chance, diese positiven Ziele mit Hilfe des Mediums Radio weiterhin zu verfolgen und zu verbreiten.

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