Frisst der Fußball seine Kinder?

In Europa regiert König Fußball. Keine andere Sportart bewegt in Europa und insbesondere in Deutschland derart die Massen wie es der Fußball tut. Was früher schlicht der Sport der Arbeiterklasse war, ist heute Woche für Woche ein mediales Großereignis wie es auf dem alten Kontinent seinesgleichen sucht. Hunderte Kameras observieren jede Bewegung der Protagonisten, moderne Gladiatoren, die Popstars ihres eigenen Mikrokosmos, Vorbilder der Jugend und Zündstoff ewigwährender Stammtischdiskussionen.

Vor fast genau zwei Jahren jedoch wurde zumindest der deutschen Öffentlichkeit schlagartig bewusst, dass es sich bei diesen Halbgöttern in Stollenschuhen möglicherweise auch nur um Menschen handeln könnte. Leider musste sich dazu erst der damalige Nationaltorhüter Robert Enke das Leben nehmen, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf diese Thematik zu lenken. Plötzlich hatten selbst die Helmuts vom Stammtisch alle schon immer gewusst was für einen unglaublichen Druck Menschen aushalten müssen, bei denen jeder noch so kleine Fehltritt auf und neben dem Platz von Millionen sensationsgeiernder Bundestrainern in der Luft zerrissen wird. Robert Enke nützte diese kollektive Erleuchtung leider nichts mehr. Viel mehr wurde selbst aus diesem medialen Schockmoment nicht viel mehr als ein vielstimmig gemurmeltes und von diversen Boulevardmedien laut herausgebrülltes „Man müsste hier…“, und  „War ja klar das sowas irgendwann passiert!“, dessen Widerhall jedoch nach wenigen Wochen wieder verstummte. Fußball ist Tagesgeschäft.

Gestern nun, Samstag, pünktlich zum Anpfiff des 13. Saisonspieltags der Fußballbundesliga, wurde erneut Salz in die eigentlich verheilt geglaubte Wunde Fußball-Deutschlands gestreut. Das Opfer diesmal war DFB-Schiedsrichter Babak Rafati, der seinen Suizidversuch allerdings glücklicherweise überlebt hat. Und wieder muss man sich fragen, was einen Menschen, von dem eigentlich erwartet wird dass er ein privilgiertes Leben führt, zu solch einem Schritt bewegt haben mag. Fliegende Bierbecher und abertausende Hasstiraden im Stadionrund? Mobbingseiten auf Facebook? Oder vielleicht die „Auszeichnung“ zum schlechtesten Schiedsrichter der Saison, die Rafati dreimal in den letzten vier Jahren entgegennehmen musste? Vielleicht hatte der Referee private Probleme, möglicherweise werden sich alle diese Fragen sogar nach Rafatis Genesung definitiv klären lassen, aber eins steht fest: Beim Fußball ist der Schiedsrichter immer der Dumme. Wo Spieler die Sportnation in Anhänger und Missgönner teilen können und sich dementsprechend bei allem Gegenwind zumindest meistens der eigenen Rückendeckung gewiss sein dürfen, fällt dem Schiedsrichter die „Fan“-Kategorie völlig unter den Tisch. Was übrig bleibt sind nach jedem Spiel abertausende aufgebrachte Besserwisser die den Referee regelmäßig als einzig Schuldigen für das Versagen des eigenen Teams ausfindig machen und die Fernsehbilder bieten diesem populistischen Verbalbeschuss im Falle einer tatsächlichen Fehlentscheidung der Schiedsrichter, noch die bestmögliche Schützenhilfe. Kameras verzeihen keine menschlichen Schwächen.

Dabei wäre es theoretisch möglich den Schiedsrichtern einen Teil dieser Last von den Schultern zu nehmen. Stichwort: Chip im Ball. Aber nein, glaubt man den meinungsstarken Fußballkonservativen der Republik und in den Reihen der FIFA, so würden unstrittige, also perfekte Entscheidungen den Sport aller Leidenschaft berauben. Fußball lebt von Fehlern, von Emotionen und Diskussionen, soweit so gut. Wenn diese Leidenschaft allerdings wieder ein Menschenleben fordert wäre es vielleicht einmal mehr an der Zeit für ein Nachdenken, wenn schon der Begriff „Umdenken“ für diesen Umstand als zu tiefgreifend empfunden werden muss. Es ist wieder an der Zeit für eine Reflexion über Leistungsdruck, Hass, Anfeindungen und „Schlechtester Schiedsrichter der Saison“-Votings. Zumindest bis zum nächsten Anpfiff.

 

_____________________________________________________________

http://www.kicker.de/news/fussball/bundesliga/startseite/560887/artikel_rafati-nach-suizidversuch-ausser-lebensgefahr.html

http://www.stern.de/sport/fussball/selbstmordversuch-von-babak-rafati-ein-schiedsrichter-unter-dauerdruck-1753259.html?1=2

http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,798846,00.html

http://www.sportschau.de/sp/fussball/news201111/19/koeln_mainz_abgesagt.jsp

print

2 Gedanken zu „Frisst der Fußball seine Kinder?

  1. Der Chip im Ball würde an der Gesamtsituation nichts ändern. Dieser gibt dem Schiedsrichter nur die Möglichkeit, sich über eine Torentscheidung zu vergewissern. Aber was ist mit den anderen Entscheidungen, die er zu tätigen hat? Foulentscheidungen, ewige Diskussion über Abseits. Ein Schiedsrichter macht und wird immer Fehler machen, was natürlich menschlich ist. Dennoch wird er immer ein Thema zur Diskussion darstellen und immer auch in der Kritik stehen. Er hat da keine Wahl. Wir können ihm ja durch einen Videobeweis nicht alle Entscheidungen abnehmen. Wo stünden wir dann? Dann wäre der Sport kaputt: er lebt von Emotionen, Diskussionen und Kritik, so ist es nun einmal. Wenn wir uns alle Szenen nochmals anschauen würden, wär das Spiel nach einem Tag noch nicht zu Ende. In Hinblick auf die Situation des Schiedsrichters wird sich also meiner Meinung nach wenig ändern. Natürlich gibt es Mobbingseiten über die Schiedsrichter. Diese haben nichts im Internet bzw. in der Öffentlichkeit zu suchen und müssen schnellstmöglich ausfindig gemacht und aus dem Verkehr gezogen werden. Auch die Abstimmung zum schlechtesten Schiedsrichter des Jahres ist völlig daneben.
    Dennoch: Der Leistungsdruck, den es nicht nur im Fussball, sondern auch unter uns allen gibt, wird immer bestehen bleiben.

Kommentare sind geschlossen.