Die zauberhafte Amelie und ihr treuer Weggefährte Rüssel in der Toilettenanlage von Sanifair

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Ein süßes Mädchen, mit langem braunen Haar und blauen Augen, hüpft fröhlich mit ihrem Stofftier Rüssel durch eine Toilettenanlage von Sanifair, im Hintergrund läuft leise, sanfte Klaviermusik. Bei der Musik und dem Namen des Mädchen, nämlich Amelie, muss man sofort an die 2001 erschienene Komödie „Die fabelhafte Welt der Amélie“ denken, wobei der Originaltitel des Films wörtlich übersetzt „Das märchenhafte Schicksal der Amélie Poulain“ bedeuten würde und das märchenhafte sich in diesem Imagefilm wunderbar widerspiegelt.
Sie spricht so kindlich und beeindruckt, dass man meint eine 8-jährige entdeckt gerade eine neue Welt voller Zauber und Magie. Aussehen tut sie jedoch älter, sie müsste etwa 12 Jahre alt sein. Mit Rüssel in der Hand erkundet Sie die Toiletten. Zum Glück kann die kleine Amelie am Eingang mit Papas Kreditkarte bezahlen! „Und was jetzt passiert, ist reine Magie“, sagt Amelie und betätigt die Toilettenspülung.
Die nächsten zweieinhalb Minuten sieht man nun dieses eigentlich niedliche Mädchen ganz begeistert die Autobahnraststättentoilette erkunden und wartet darauf, dass vielleicht noch ein paar Regenbögen, Feenstaub oder Einhörner auftauchen.
Auch wenn die Sanifair-Toilettenanlagen meist geputzt und recht sauber sind, einen märchenhaften Ort stellt man sich dennoch anders vor.

 

Seit Sanifair im Juli diesen Imagefilm veröffentlicht hat ist dieser in der Werbewelt in aller Munde. Eine Parodie jagt die Nächste.
Die wohl am weitesten verbreitete Parodie nennt sich „Speechless Sanifair“, hier wurde Amelies zauberhaft kindliche Stimme durch toiletten-typischere Geräusche ausgetauscht:

Selbst Sat.1 veröffentlichte eine Parodie des Spots, bei der der Reporter ganz begeistert ein einladendes „Rastplatzklo“ entdeckt:

 

Der Spot der Kölner Agentur Pie Five hat einen richtigen Shitstorm losgetreten. Ein Sprecher der Agentur sagte stolz: „Die Anforderungen für den Sanifair-Imagefilm waren extrem hoch. Gott sei Dank half uns hier eine ganz bezaubernde 10-jährige Darstellerin aus der Patsche“ Dazu ergänzen die Werbetexter noch: „Amelie transportiert unsere Inhalte so charmant, dass man in Zukunft die Marke Sanifair mit ganz anderen Augen sieht.“
Ihr Job: „Die Marke emotional aufladen, das System erklären und Businesspartner gewinnen.“ – Natürlich ist es keine leichte Aufgabe einen ansprechenden Werbespot für eine Autobahnraststättentoilette zu produzieren, der zugleich noch emotional und unterhaltsam sein soll, doch nun sagt selbst eine Sprecherin von Sanifair, dass sie bei der Emotionalisierung vielleicht „etwas über das Ziel hinaus geschossen sind“. Stimmt, auch wenn Emotionen bei Markenbildung wichtig sind, sollte man sich wohl vorher genauer überlegen, wie viel Emotionen die Menschen mit Toiletten verbinden möchten.

„Wozu also ein Scheißhaus-Werbefilm? Will Sanifair damit vielleicht ein Tabu brechen? Falls ja, ist dieser Versuch grandios gescheitert“, wird auf taz.de über den Sanifair-Imagefilm geurteiltn-tv bezeichnet ihn als „Realsatire“ mit dem Kommentar „Bitte bepinkeln Sie sich nicht vor Lachen.“ Und auch die Bild schreibt über den misslungenen Spot.

Dennoch ist der Werbespot unterhaltsam und amüsant, wodurch er sich schnell in der Werbewelt verbreitet hat und in Erinnerung bleiben wird. Gänzlich falsch ist es also nicht gelaufen, auch wenn er nicht die breite Öffentlichkeit erreicht hat und nicht unbedingt die gewollte Reaktion hervorgerufen hat.

Mit Sanifair ist das „Toilettenerlebnis“ voller Emotionen – ein wenig viral ist der Spot trotzdem geworden, jedoch wohl eher auf ungewollte Weise.

 

 

weitere Quellen:

http://meedia.de/2015/07/20/peinlicher-imagefilm-sanifair-inszeniert-autobahnklos-als-kinderwunderland/ – Die Aussagen und Statements der Agentur zum Imagefilm sind leider nicht mehr auf der Seite der Agentur selbst zu finden.

http://www.haz.de/Nachrichten/Medien/Netzwelt/Fuer-einen-Werbespot-fuer-seinen-Toiletten-erntet-Sanifair-Spott-im-Netz

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Ein Schlag ins Gesicht? Nicht für Martina!

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                      „Was passiert, wenn du einen Jungen einem Mädchen gegenüberstellst und ihn bittest, es zu ohrfeigen?“

Darf man Mädchen schlagen oder nicht?

„Slap Her!“ – Der Spot wirbt gegen häusliche Gewalt gegenüber Frauen

Die herzerweichende Antwort auf diese eher ungewöhnliche Frage geben Pietro, Fulvio, Domenico und Co. Seit Anfangs des Jahres rührt der drei-minütige Werbespot „Slap Her!“ die Nutzer sämtlicher sozialen Netzwerke weltweit. Mithilfe des Experiments mit vermeintlich versteckter Kamera spricht die italienische Nachrichten-Website „fanpage.it“ ein immer noch heikles Thema an: Häusliche Gewalt, speziell gegenüber Frauen. Insbesondere im eher patriarchisch ausgerichteten Südstaat stellt heimische Brutalität ein großes Problem für Private und Staat dar. Das negative Ideal des männlichen Machos setzt sich bis heute leider in vielen südländischen Familien durch –  und dies muss sich ändern.

Die Message der Website ist klar: Gewalt, ebenso wie Pazifismus, sind Charaktereigenschaften, die bereits in Kindertagen geprägt werden. Deshalb haben die Macher von „Slap Her!“ genau diese Zielgruppe in den Mittelpunkt der Kampagne gestellt: Kinder. Die Protagonisten des Videos sind zwischen sieben und elf Jahre alt, ein Alter der Verspieltheit und Sorglosigkeit. Nacheinander werden die freundlich aufgeschlossenen Jungs durch persönliche Fragen vorgestellt: Aussagen wie „Ich will Feuerwehrmann werden, um Leute zu retten!“ und „Ich werde Pizzaiolo, weil ich Pizzas liebe!“ machen die Kids sympatisch und sollen ein gezieltes Beziehungsempfinden beim Zuschauer wecken.

Dann kommt Martina ins Spiel: blond, schlank, große Augen – Ein Bild eines Mädchens. Die Jungs mögen sie auf Anhieb, schüchterne Verliebtheit macht sich breit. Den Aufforderungen, Martina zu streicheln und ihr eine Grimasse zu schneiden, folgen Domenico und die anderen gerne. Auf einmal der Schock: Der Sprecher fordert sie auf, das unbekannte Mädchen zu ohrfeigen. Auf den Gesichtern der Italiener spiegeln sich Verwirrung und Unsicherheit. Meint der Mann das ernst? Darf ich mich dieser älteren Autoritätsperson widersetzen? Nach kurzem Zögern ist die Reaktion jedoch eindeutig: Allesamt verweigern die Aufgabe. Wieso? „Mädchen soll man nicht schlagen, nicht einmal mit einer Blume!“, „Ich bin gegen Gewalt“ – oder, am wohl ausdrucksstärksten:

„Wieso? Weil ich ein Mann bin!“ 

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Ganz gezielt wirft der Spot mit der naiven Weltsicht aus Kinderaugen die Frage auf, ab wann diese Einstellung kippt und welche Umstände dazu führen, dass genau solche Jungs in Erwachsenentagen möglicherweise zu Gewalttaten bereit werden. Auf Facebook wurde das Video des Regisseurs Luca Iavarone seit der Veröffentlichung im Dezember bereits über 40 Millionen Mal geklickt, 7 Millionen Plays waren es nach nur drei Tagen bei Youtube. Doch obwohl die Resonanz beim Publikum größtenteils positiv ist, gibt es Stimmen, die den Viral-Hit im Netz arg anprangern:

Martina würde nur auf ihre Äußerlichkeit reduziert, außer ihrem Namen erfahre der Zuschauer nichts über das Mädchen, welches noch dazu das Klischee-Bild einer „perfekten“ Frau wiedergibt. Auch ihr freier Wille würde nicht respektiert, die Jungs dürfen ihren Körper ohne jegliche Zustimmung ihrerseits anfassen, dies schüre – kontraproduktiv zur eigentlichen Message des Spots – noch das Macho-Empfinden der Männer, die sich alles erlauben können. Ebenfalls der letzte Grund gegen die Verletzung des Mädchens löst bei einigen Online-Usern heftige Reaktionen aus: Ist es diese Definition eines „Mannes“, welche insbesondere Kindern vermittelt werden soll? Macht die Entscheidung für oder gegen Gewalt den Unterschied zwischen einem „richtigen Kerl“und einem… ja was denn eigentlich? Sollte diese Einstellung nicht für jeden als selbstverständlich empfunden werden, egal welchen Geschlechts? Als letzter kritischer Gedanke wird der „Missbrauch“ von Kindern für Werbezwecke formuliert: Natürlich löst der unschuldige Blick eines Kindes beim Zuschauer eine Woge der Empathie aus, dies sei jedoch ein abzulehnender Marketing-Trick, welcher weder die eigentliche Aussage des Spots zum Ausdruck bringe, noch Rücksicht auf die Menschenwürde nehme.

Gewiss, bei genauerer Analyse des Videos findet man ohne weiteres Aspekte, welche sich für Kritik regelrecht anbieten. Ob es jedoch wirklich gerechtfertigt ist, eine Sache schlecht zu reden, die eigentlich für ein positives Umdenken in der Gesellschaft wirbt und sich eben gewisser Strategien bedient, die sich bereits in der Vergangenheit beim Publikum als wirkungsvoll bewährt haben, ist jedoch fraglich. Ob und wann gezielte Manipulation sich als empfehlenswert herausstellt liegt wohl im Auge des Betrachters. Wie heißt es so schön: Der Zweck heiligt bekanntlicherweise die Mittel…

Quellen:

http://www.stern.de/familie/beziehung/italienische-video-kampagne-slap-her-kinder-gegen-gewalt-an-frauen-2164192.html

http://www.spiegel.de/video/kampagne-gegen-gewalt-slap-her-video-von-fanpage-in-italien-video-1546770.html

http://rebeccahains.com/2015/01/06/slap-her-fanpage-it-video-objectifies-girls-exploits-boys-and-trivializes-domestic-violence/

 

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