Polen verabschiedet umstrittenes Mediengesetz

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Ein Kampf um die Meinungsvielfalt in den öffentlich-rechtlichen Medien und die Zukunft der kommerziellen Medien

Seit der Parlamentswahl im Oktober 2015 verfügt die  nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (“PiS”) über die absolute Mehrheit im Warschauer Parlament und verabschiedet seitdem im Eiltempo eine Reihe umstrittener Gesetze, die den polnischen Staat reformieren sollen.

Die neue nationalkonservative Regierung Polens: Ministerpräsidentin Beata Szydlo,  PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski und sein Vize Ryszard Terlecki    © dpa

Mitte Dezember wurde zunächst das alte Verfassungsgericht als Hüterin der Demokratie entmachtet. Die Arbeit der Verfassungshüter wird damit neu geregelt und erheblich erschwert. Die Regierung bestimmte bereits fünf neue Verfassungsrichter und löste damit eine Welle der Kritik von Opposition,  Medien und ausländischen Politikern aus.

Zum Jahreswechsel wurde im Eilverfahren ein neues Mediengesetz verabschiedet, dass die Säuberung der öffentlich-rechtlichen Medien und des Beamtenapparats erleichtern soll. So wird es der rechtskonservativen Regierung nun möglich sein, Direktoren der öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Radiosender zu berufen, die Zahl der Kontrollratsmitglieder der Stationen zu begrenzen und die Mandate der derzeitigen Amtsträger zu beenden.

Außenminister Waszczykowski: „Wir wollen lediglich unseren Staat von einigen Krankheiten heilen, damit er wieder genesen kann.” © REUTERS

„Wir wollen lediglich unseren Staat von einigen Krankheiten heilen, damit er wieder genesen kann“,  sagte Polens Außenminister Witold Waszczykowski der “Bild“-Zeitung. Bei den Medien sei unter der Vorgänger-Regierung ein bestimmtes linkes Politik-Konzept verfolgt worden. „Als müsse sich die Welt nach marxistischem Vorbild automatisch in nur eine Richtung bewegen – zu einem neuen Mix von Kulturen und Rassen, eine Welt aus Radfahrern und Vegetariern, die nur noch auf erneuerbare Energie setzen und gegen jede Form der Religion kämpfen.” Das habe mit traditionellen polnischen Werten nichts zu tun, so Waszcykowski.

Kurz nach Verabschiedung des Gesetzes folgte eine Rücktrittswelle im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Die Direktoren von vier Programmen des öffentlich-rechtlichen Fernsehsender TVP reichten ihren Rücktritt ein. Damit wollten sie offenbar ihrer Entlassung zuvorkommen, die sie durch das neue Mediengesetz befürchteten.

Nicht nur internationale Journalisten- und Medienorganisationen hatten das Gesetz scharf kritisiert. Auch EU-Kommissar Günther Oettinger sieht in Polens neuem Mediengesetz Gefahren für die Pressefreiheit.

Günther Oettinger: „Ein Intendant darf nicht ohne Angabe von Gründen entlassen werden. Das wäre Willkür.“ © dpa

Eine EU-Kommission beschäftigt sich am 13.Januar bei ihrer 1. Sitzung im neuen Jahr über die Lage in Polen. Sie sieht durch die Eingriffsmöglichkeiten der Regierung die Unabhängigkeit der Medien bedroht. Die geplante Beratung ist die Vorstufe zu einem  Prüfverfahren, das die Einhaltung der Rechtsstaatlichkeit durch die Mitgliedstaaten überwachen soll.

„Es spricht viel dafür, dass wir jetzt den Rechtsstaatsmechanismus aktivieren und Warschau unter Aufsicht stellen“, sagte der für Medienpolitik zuständige EU-Kommissar Günther Oettinger der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.

Der Rechtsstaatsmechanismus der EU wurde 2014 eingeführt und sieht einen verstärkten Dialog mit einem Mitgliedsland vor, wenn die EU-Kommission Verletzungen der Rechtsstaatlichkeit befürchtet. Wenn das Mitglied nicht auf Änderungswünsche der Kommission reagiert, droht ein Verfahren wegen des Verstoßes gegen europäische Grundwerte. Bei „schwerwiegender und anhaltender Verletzung“ der im EU-Vertrag verankerten Werte kann in letzter Konsequenz das Stimmrecht des Landes bei Ministerräten und EU-Gipfeln entzogen werden. Weil diese Sanktion so hart ist, kam sie bislang nicht zum Einsatz. Diplomaten sprechen von einer „Atombombe“.

Tagesschau vom 03.01.2016 20:15 Uhr: EU Kommission droht Polen wegen Mediengesetz mit Aufsicht

 

Quellen:

http://www.tagesschau.de/thema/mediengesetz/

http://www.welt.de/politik/article150505395/Parlament-verabschiedet-umstrittenes-Mediengesetz.html

http://www.tagesspiegel.de/politik/polen-das-mediengesetz-und-die-eu-polens-aussenminister-gegen-welt-aus-radfahrern-und-vegetariern/12784944.html

http://www.tagesspiegel.de/politik/protest-gegen-mediengesetz-ruecktrittswelle-im-polnischen-rundfunk/12783122.html

http://www.welt.de/politik/ausland/article150570603/Ist-Polen-fuer-euch-nur-Lieferant-billiger-Arbeiter.html

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Dokumentation „The Thread“ – Eine Online-Community auf der Jagd nach den Attentätern des Boston Marathon

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Als am 15. April 2013 auf der Zielgeraden des Boston-Marathons zwei Sprengsätze explodierten, kamen dabei drei Menschen ums Leben und 264 weitere wurden verletzt.

Is this the Boston Bomber?Die Dokumentation von Greg Barker („Manhunt“) rekonstruiert die Suche nach den Attentätern des Boston Marathon innerhalb der Online-Plattform „Reddit“ und thematisiert dabei auch den Konflikt zwischen traditionellen und neuen Medien. Stellt „Crowdsourcing“ eine Gefahr für den investigativen Journalismus dar?

Das Interesse an diesem Event war groß. Neben zahlreichen Reportern, die live berichteten, fotografierten und filmten vor allem tausende Zuschauer und Teilnehmer mit ihren Smartphones das Geschehen rund um den Boston Marathon. Damit gehört das Attentat zu den, am besten dokumentierten Terroranschlägen unserer Zeit.

Die Suche nach den Bombenlegern hielt die gesamten USA in Atem und entfachte natürlich einen erbitterten Kampf der Medien um die Nachrichtenhoheit. Ob Kabelsender, Online-Dienste oder Networks- alle versuchten sich als beste Informationsquelle zu profilieren. Überraschenderweise sorgte vor allem die Social-News-Plattform „Reddit“ für Furore. Deren Community teilte direkt nach dem Attentat zahlreiche Bild-und Videoaufnahmen miteinander und kommunizierte in unzähligen „Subreddits“ (Unterforen) über das Ereignis.

Reddit AnalyseIm Thread „FindBostonBombers“ kam es in den darauffolgenden Tagen zu einer perfiden Suche nach den möglichen Attentätern. Bild- und Videomaterial wurde gesichtet, analysiert und diskutiert. Wilde Spekulationen und Anschuldigungen führten schlussendlich dazu, dass mehrere Unschuldige in den Fokus der Medien und der Polizei gerieten.

Am 19. April 2013 schaffte es die Polizei schlussendlich die offiziellen Täter Tamerlan und Dschochar Zarnajew zu stellen. Im heftigen Schusswechsel wurde  Tamerlan Z. dabei tödlich verwundet. Sein Bruder Dschochar Z. konnte flüchten, wurde aber noch am selben Tag von einem Sondereinsatzkommando festgenommen. Die Amateuraufnahmen seiner spektakulären Verhaftung, die mitten in der Gemeinde Watertown, vor den Augen zahlreicher Anwohner stattfand, verbreiteten sich ebenfalls rasant in den sozialen Medien. –>DRAMATIC VIDEO: Intense Gunfight Between Police and Bombing Suspect

„The Thread“ zeigt, wie sich die Medienlandschaft durch Fortschritte in der Technologie und der weit verbreiteten Nutzung von Social Media verwandelt hat. Berichte aus erster Hand und Nachrichten mit einer beispiellosen Geschwindigkeit zu sammeln und zu publizieren ist schon lange nicht mehr, ein Privileg das nur professionellen Journalisten zuteilwird. Die klassischen Rollen des Produzenten und des Konsumenten verschwimmen immer mehr. Wie der Fall „Reddit“ und sein „FindBostonBombers“-Thread zeigt, ist die Eigendynamik solcher Dialoge im Web 2.0 kaum zu steuern. Durch die schneeballartige Verbreitung in Communities und dem Verlinken in Foren oder Blogs wird die Verbreitung von Gerüchten im Netz erleichtert. Weblogs dienen dem Meinungsaustausch und verhelfen durch die Anonymität des Internets zu einer neuen Qualität des Gerüchtestreuens. Aufgrund der Tatsache, dass jeder User zugleich Rezipient und Autor sein kann und Aussagen sowohl wahr als auch falsch sein können, kann der Inhalt ungeprüft auf Relevanz und Wahrhaftigkeit im Netz veröffentlicht werden.

Die 60-minütige Dokumentation glänzt besonders durch die zahlreichen Interviews mit Journalisten und Bossen der globalen Mediengiganten, wie auch den Social Media-Nutzern, die sich auf die Jagd nach den Boston-Marathon-Bombern gemacht haben.

Die Dokumentation ist u.A. auf Netflix & iTunes verfügbar.


Quellen:

„The Thread“, Courtesy of Greg Barker and Content Television

http://insider.foxnews.com/2013/04/20/dramatic-video-neighbor-captures-intense-police-gunfight-bombing-suspect-dzhokhar

http://www.dailymail.co.uk/news/article-3035378/It-beast-Moderator-Reddit-s-Boston-Bombers-thread-tells-millions-users-descended-subreddit-days-attack-identified-wrong-suspect.html

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Homosexuellen Magazin in Uganda trotz gesellschaftlicher Ablehnung

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Uganda, Kampala: Seit dem letzten Monat wird das Hochglanzmagazin „Bombastic“ kostenlos an Homosexuelle verteilt. In der Gesellschaft, insbesondere in der Politik, wird Homosexualität verurteilt und ist illegal. Homosexualität gilt als abnormal.

Trotzdem gehen die Aktivisten mit „Bombastic“ an die Öffentlichkeit und setzen sich für Toleranz ein. Zudem setzt sich ebenfalls der Internetradio-Sender „Kuchu“ für die Akzeptanz von Homosexuellen ein. „‚Bombastic‘ und Kuchu-Radio sind die ersten Medien für Homosexuelle in Schwarzafrika“, berichtet der Aktivist Dennis Wamala. Die Nachfrage der Medien steigt, online wurde die Ausgabe über 30.000 mal heruntergeladen. Doch das Unterfangen ist gefährlich, die Gesellschaft ist gegen Homosexualität und rechtlich ist die Verbreitung dieser Inhalte verboten, bis zu sieben Jahren Gefängnis drohen den Aktivisten.

Hieraus läßt sich erkennen, dass nicht nur die Sexualität in Uganda, sondern auch die Pressefreiheit in Uganda stark eingeschränkt ist. 2014 belegte Uganda Platz 110 von 180 auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen. Journalisten wurden sogar angegriffen und verletzt. Pressefreiheit ist ein wichtiges Thema, die Rangliste zeigt die Problematik in zahlreichen Ländern.  Es sollte sich stärker für Pressefreiheit und Meinungsfreiheit eingesetzt werden, auch wenn die politische Lage schwierig ist. „Bombastic“ und „Kuchu-Radio“ sind einen schwierigen und gefährlichen Schritt gegangen, sie setzen sich nicht nur für Homosexualität ein, sondern auch für Meinungs- und Pressefreiheit. Ein mutiger Schritt, der gewürdigt werden sollte.

Quellenangaben:

1) Wikipedia: Homosexualität in Uganda: http://de.wikipedia.org/wiki/Homosexualit%C3%A4t_in_Uganda

2) derStandart.at: APA, 23.01.2015: „Magazin für Homosexuellenrechte: Uganda goes „Bombastic“ „

3) www.neues-Deutschland.de : dpa/nd, 23.01.2015: „Regenbogen über Uganda

4) Spiegelonline: Henry Wasswa& Carola Frentzen, dpa, 23.01.2015: „Homosexuellen.Magazin in Uganda

5) Online Ausgabe „Bombastic“:  http://www.coc.nl/wp-content/uploads/2014/12/OEGANDA-Bombastic-Magazine-december-2014.pdf

6) wazaonline: 5.04.2013: „What makes Ugandan gay activist Dennis Wamala move

7) Reporter ohne Grenzen: Quelle 7.1. Uganda,   Quelle 7.2. Rangliste und  Quelle 7.3. Weltkarte Pressefreiheit

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Grausames Attentat erschüttert Frankreich

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11:30 Uhr, Mittwoch, 07. Januar 2015: Drei bewaffnete, schwarz gekleidete Männer stürmen die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo in Paris und beginnen wahllos um sich zu schießen. Bei diesem Massaker kommen 12 Menschen ums Leben. Darunter der Chefredakteur „Charlie“ Stéphane Charbonnier sowie die bekannten Karikaturisten Cabu und Wolinski.
Auch zwei Polizisten befinden sich unter den Opfern.

Eine schreckliche Tat, die Frankreich in Atmen hält.

Doch was sind die Hintergründe dieses grausamen Attentats?
Das 1992 erschienene Satire-Blatt steht schon lange unter besonderer polizeilicher Beobachtung.
Es ist durch seine Radikalität und Islamismuskritik berühmt geworden, so druckte Charlie Hebdo als eine von wenigen Zeitschriften im Jahre 2006 die Mohammed- Karikaturen aus der dänischen Jyllands Posten ab. Die darauf folgende Klage des Französischen Islamrats (CFCM), war nicht erfolgreich und die Redaktion erreichte einen Freispruch.
So glimpflich wie in diesem Fall kam die Redaktion im November 2011 nach Veröffentlichung einer Sonderausgabe mit Namen Sharia Hebdo nicht davon. Diese Ausgabe wurde als Reaktion auf den Wahlerfolg der islamischen Ennahda- Partei in Tunesien veröffentlicht.
Es kam zu einem Brandanschlag auf das gerade neu bezogene Redaktionsgebäude, welches bei dieser Tat schwer beschädigt wurde. Auch die Internetseite des Blattes wurde angegriffen: Hacker ersetzten die eigentliche Website durch ein Mekka Bild und Koranverse. Trotzdem ließ sich die Redaktion nie davon abbringen, weiterhin Mohammed- Karikaturen zu veröffentlichen oder Islamismuskritik zu üben.

Der heutige Anschlag in Paris ist für die Menschen Frankreichs wie ein Schlag ins Gesicht, ein Schock, der wohl so schnell nicht überwunden werden kann. Gerade für die Journalisten im Land stellt dieses Attentat einen Warnhinweis und Einschüchterungsversuch dar und wirft wiederum die Frage auf, ob die Arbeit in den Redaktionen in Zukunft problemlos weiterlaufen kann und ob die Presse- und Meinungsfreiheit wirklich zu Genüge gewahrt werden können.
„Allah Akbar!“(Allah ist groß) hört man die Attentäter auf Amateurvideos vom Anschlag in Paris rufen, es wird auch dieses Mal von islamistischem Hintergrund der Täter ausgegangen.
Präsident Hollande spricht von „außergewöhnlicher Barberei“ und auch im Internet bekundeten bereits zehntausende Menschen unter #Jesuischarlie („Ich bin Charlie“) ihr Mitgefühl und ihre Solidarität.

„Kritik am Islam muss so banal werden wie Kritik an Juden oder Katholiken“ sagte der nun verstorbene Chefredakteur Chabonnier einmal.

Dieses Ziel sollte weiterhin von den Journalisten in Frankreich angestrebt werden, um die Grundrechte der Presse- und Meinungsfreiheit zu verteidigen. Die Regierung hat die Aufgabe die Arbeit der Journalisten zu schützen und zu unterstützen, um so etwas Schreckliches wie den Tod von 12 Menschen, die bloß mit Worten und Bildern agierten, zu verhindern.

 

Quellen:

1) „Je suis Charlie“: Weltweite Solidarität mit Satiremagazin (2015). Online verfügbar unter http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/4633124/Je-suis-Charlie_Weltweite-Solidaritaet-mit-Satiremagazin, zuletzt aktualisiert am 07.01.2015, zuletzt geprüft am 07.01.2015.

2) Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH: Frankreich in Schockstarre: Mitten ins Herz. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH. Online verfügbar unter http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/terroranschlag-in-paris-ein-schwarzer-tag-13358003-p2.html, zuletzt geprüft am 07.01.2015.
3) ONLINE, SPIEGEL; Hamburg; Germany (2015): Terrorangriff auf Satiremagazin: Warum „Charlie Hebdo“? – SPIEGEL ONLINE. Online verfügbar unter http://www.spiegel.de/politik/ausland/charlie-hebdo-satiremagazin-mit-skandal-tradition-a-1011723.html#ref=plista, zuletzt aktualisiert am 07.01.2015, zuletzt geprüft am 07.01.2015.
4) Rüttenauer, Andreas (2015): Kommentar Anschlag auf „Charlie Hebdo“: Angriff auf die Pressefreiheit – taz.de. Online verfügbar unter http://www.taz.de/Kommentar-Anschlag-auf-Charlie-Hebdo/!152416/, zuletzt aktualisiert am 07.01.2015, zuletzt geprüft am 07.01.2015.

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Kommentieren nur hier, bitte!

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Seit einiger Zeit sieht man immer mehr Nachrichtenportale im Internet die Kommentarfunktionen unter ihren Artikeln entweder einschränken oder vollends auf die sozialen Netzwerke auslagern. Das jüngste Beispiel, das mir schmerzlich bewusst gemacht hat, wie sehr der Nachrichtenkonsument von dem gelesenen Portal abhängig ist, ist der Fall der Süddeutschen Zeitung. Dort findet man seit kurzem zumeist nicht mehr das interne Kommentarfeld, sondern nur noch einen Verweis auf den rivva-Debattenmonitor, der entsprechende Reaktionen auf Facebook, Twitter und co. zusammensucht.

Das geht allerdings nur etwa 48 Stunden lang, dann wird der Zugriff gesperrt – nicht, dass dadurch ein großer Verlust entsteht. Die Mehrheit der gefunden Ergebnisse sind Tweets zum Artikel, mit dem exakt gleichen Wortlaut wie der Original-Link der Twitterseite von der Süddeutschen. Keine den Artikel erweiternden, den Sachgehalt hinterfragende, die Subjektivität anprangernde Kommentare mehr, die den Autor widerlegen, herausfordern, teilweise – wie bspw. im Fall der Ukraine-Krise – sogar eine Gegenöffentlichkeit präsentieren; eine gesamte Debattenkultur auf 160 Zeichen zusammengepresst. Zudem sind auch ältere Kommentare nicht mehr einsehbar, wahrscheinlich sogar gelöscht und größtenteils unwiederbringlich verloren.

Soziale Netzwerke als ausgelagerte Diskussionsplattformen

Sicher mag man jetzt entgegenhalten, dass am Ende eines Artikels stets ein schönes, blaues F thront, mit der Überschrift »Diskussion mit SZ-Lesern«. Und tatsächlich führt einen der Link auf eine Facebook-Seite, wo einen die vermissten Kommentare wiederbegegnen. Auch rivva findet Kommentare, wenn man Glück hat – auf Facebook. Und doch ist es so, als hätte man den Römischen Senat auf den Marktplatz nebenan verlagert. Galt schon früher die Formel, dass nur einer aus fünf Kommentaren den Artikel maßgeblich erweitert, so kann es auf Facebook, wo eine größere Anzahl an Lesern und Schreibern »on the fly« eine kurze, weitgehend sinnentleerte Reaktion à la »Wer’s glaubt …« (hier gefunden) von sich gibt, nur schlimmer werden; sinnvoll argumentierte, neutrale Postings gehen in einer Welle aus Polemik und Kurzreaktionen unter.

»Raucherecken« für Kommentierende

Die dritte Neuerung indes wäre eigentlich positiv zu sehen: Diskussionen sind nur noch zu bestimmten Artikeln möglich und es wird explizit darauf hingewiesen, dass diese Debatten sorgfältiger moderiert werden als es bis dato der Fall war. Konzentrierte, anspruchsvolle Kommentare zu komplexen und wichtigen Themen, ohne das internetübergreifende »Trolling« dazwischen. Doch leider obliegt die Auswahl der zu kommentierenden Artikel nicht den Lesern selbst, sondern der Redaktion. Und gerade bei den Artikeln, bei denen man es sich am meisten erhofft, Gegendarstellungen lesen und verfassen zu dürfen, ist dieses Feature nicht vorhanden.

Diskutieren darf man zur Zeit also über die Residenzpflicht von Migranten oder unter welchen Umständen man Angehörige verklagen darf, sollte oder müsste – nicht aber über empfindliche Themen wie den NSU-Skandal, das Verhalten des BND im Hinblick auf die NSA oder die wirtschaftlichen Chancen der USA im Vergleich zu Europa. Kurz: Überall dort, wo die Meinungs- und Deutungshoheit der Redaktion oder die Ausrichtung des Blatts in Frage gestellt werden könnten, hat der Leser stillschweigend das Geschriebene hinzunehmen auf Facebook zu schreiben, denn dort kann man es ja nicht verhindern, will man die Aufmerksamkeit der Leser durch geteilte, gelikete und kommentierte Artikel nicht verlieren.

Eine andere Sicht auf die Dinge präsentiert die Redaktion selbst: Anscheinend wird hier der Leserdialog nicht eingeschränkt, zensiert oder ausgelagert; sondern »neu gedacht«! Die Leser auf Abstand halten oder in sichere Spielplätze abschieben gilt also als eine Revolution des Leserdialogs? Sicher nicht.

Alles schlecht?

Dennoch haben die Verantwortlichen vielleicht nicht ganz unrecht: Der Debattenmonitor kumuliert Ansichten und Kommentare aus einem Großteil des sozialen Netzes und kann so dem interessierten Leser nicht nur einen Ausschnitt geben, wie registrierte SZ-Leser, die nebenbei Hobbykommentatoren sind, die Dinge sehen, sondern eröffnet ihm ein großes Panorama an Meinungen; aus verschiedenen Schichten, Gruppierungen etc., kurz von jedem, der im Dschungel seiner Facebook-Timeline einen Post der SZ gesehen und sich die halbe Minute Zeit für einen Kommentar genommen hat. Vielleicht kein Mehr an Wissen, aber ein Mehr an Bewusstsein der politisch-kulturellen Grundeinstellung der Meisten.

Dass man nebenbei die Zeit, die früher zum Moderieren, Kürzen und Entfernen von polemischen, rassistischen, sexistischen usw. Kommentaren aufgewendet wurde, nun für mehr Qualitätsjournalismus (oder mehr Gewinn) verwenden kann, tröstet aber nicht über den Verlust von Gegendarstellungen hinweg. Denn wer heute die SZ online liest, kriegt nur eine Realität geboten, wo früher vielleicht schon ein paar Zeilen darunter alles ins Schwanken geriet.

Emoticons statt Meinung

Was bleibt, ist ein fader Beigeschmack. Nicht nur, weil ich persönlich als Leser aus der SZ nicht mehr den gleichen Wert ziehen kann wie noch vor drei, vier Monaten; sondern auch, weil sich hier ein Trend abzeichnet, den ich nicht unterstützen mag. Das Internet hat der Medienlandschaft die Möglichkeit der direkten Interaktion mit dem Leser geschenkt und doch geht man zurück zu einer Zeit, in dem nur wenige Rentner vormittags einen handgeschriebenen Leserbrief in den Postkasten warfen. Das muss nicht sein. Das darf nicht sein. Dieses Verhalten widerspricht nicht nur den Prinzipien des Web 2.0, es widerspricht streng genommen – durch die feste Hierarchisierung von Information – dem modernen Verständnis von Demokratie selbst.

Sicher kann man der SZ nicht vorwerfen, demokratische Prinzipien zu unterminieren – viel wahrscheinlicher ist, dass die Moderation der Debatten schlicht zu viel wertvolle Arbeitszeit verschlungen hat. Aber es ist nur zweitrangig, aus welchen Gründen sich eine Entwicklung abzeichnet, viel bedeutsamer sind ihre Folgen. Ein jüngeres Beispiel dafür ist die Kommentarfunktion der BILD. Dort darf man seit neuestem nicht nur kommentieren, sondern auch über die vorwiegende Emotion der Leser abstimmen. Also in Zukunft keine Meinungen, Anregungen, Korrekturen mehr; sondern ein hübscher Smiley unter jedem Artikel?

Was bleibt, ist ein fader Beigeschmack.

 

weiterführender Artikel auf »Der Freitag«

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Mittelfinger vs Hakenkreuz?

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Im Februar 2010 sorgte das Titelbild des Magazins Focus für Aufsehen. Auf dem Cover des Nachrichtenmagazins war das Griechische Wahrzeichen, die Aphrodite von Milos, mit ausgestrecktem Mittelfinger zu sehen. Darunter stand der Slogan: „Betrüger in der Euro-Familie“ Hintergrund war das Dilemma der griechischen Wirtschafts- und Finanzpolitik. Während die einen die kritische Berichterstattung über Griechenland im Zeichen der Pressefreiheit als völlig legitim ansehen, kritisieren andere die Berichterstattung als Beleidigung und Verunglimpfung der Griechen.

In Griechenland selbst war man natürlich empört und kündigte rechtliche Konsequenzen an. Am vergangenen Mittwoch sollte es zu einem Prozess gegen die Verantwortlichen vom Focus kommen. Die Anklage der Staatsanwaltschaft Athens lautet unter anderem „Verunglimpfung der Symbole des griechischen Staates, Verleumdung und üble Nachrede“ Für neuen Uhr waren diverse Autoren der Zeitschrift Focus , sowie Herausgeber Helmut Markwort und der freie Reisejournalist Klaus Bötig vorgeladen. Laut Bötig dauerte es bis 14.00 Uhr bis das Gericht trotz Streiks einen Protokollführer auftreiben konnte. Die Beklagten ließen sich von Anwälten vertreten und waren selbst nicht vor Ort. Ein Urteil wurde nicht gefällt. Das Gericht stellte lediglich fest, dass gar nicht alle Beklagten eine Vorladung bekommen hätten. Der Burda-Verlag bestätigte dies auf Anfrage. Das Gericht hat den Prozess nun auf den 19. August vertagt. Trotzdem ist die Sache noch lange nicht erledigt. Die Gemüter sind erhitzt, griechische Blogger fordern den Boykott deutscher Waren und die griechische Presse hat längst zurückgeschlagen. Die Zeitung „Eleftheros Typos“ druckte eine Fotomontage der Göttin Viktoria auf der Berliner Siegessäule, die ein Hakenkreuz in der Hand hält. Die Bildunterschrift lautet: „Es reicht mit der Verleumdung des Landes durch die Deutschen.“

Ob diese Reaktion angemessen ist, wage ich anzuzweifeln. Für die das kritische Focus-Titelbild gab es einen konkreten Anlass. Auch wenn die kritische Abbildung ein griechisches Wahrzeichen zeigt, sind keine politischen oder historisch behafteten Symbole zu sehen. Natürlich ist es im Rahmen der Pressefreiheit legitim, aber ein Nazi-Vergleich ist meiner Meinung nach nicht angebracht. Ich bin kein großer Fan des „Nachrichtenmagazins Focus“, sehe aber die Berichterstattung zu Griechenland als gerechtfertigt an. Sollten die Griechischen Wirtschaftsführer wirklich betrogen haben, um den Euro zu bekommen, sollte das auch öffentlich diskutiert werden dürfen. Schade ist allerdings, dass das Titelbild die „Griechen“ über einen Kamm schert, denn das Volk ist an den Fehlern der Wirtschaftselite unschuldig und das wird durch das Titelbild des Magazins nicht deutlich.

 

Quellen:

http://www.bild.de/politik/wirtschaft/focus/empoert-ueber-focus-titel-11587480.bild.html (abgerufen am 01.Juli, 13.30 Uhr)

http://www.sueddeutsche.de/medien/athen-focus-autor-soll-vor-gericht-aphrodites-mittelfinger-1.1087776 (abgerufen am 01.Juli, 13.00 Uhr)

http://www.sueddeutsche.de/medien/vor-gericht-focus-vs-griechenland-volkes-finger-1.1114114 (abgerufen am 01.Juli, 13.00 Uhr)

 

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Reporter ohne Grenzen Jahresbilanz 2008

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Heute hat die NGO Reporter ohne Grenzen in Berlin ihren Jahresbericht für 2008 vorgestellt. Insgesamt weisen die Zahlen eine leichte Verbesserung gegenüber dem Vorjahr auf.

Während laut RoG 2007 mindestens 86 Journalisten und 20 Medienmitarbeiter umkamen, seien es 2008 nur 60 Journalisten und ein Medienmitarbeiter gewesen. Auch die Zahl der festgenommenen Journalisten soll sich von fast 900 auf knapp 600 verringert haben. Genauso wie sich Entführungen fast um die Hälfte, von 67 auf 29, verringert haben sollen.

Veränderungen habe es auch hinsichtlich der Rangliste der für Journalisten gefährlichsten Länder gegeben. Erwartungsgemäß und trotz sich entstpannender Sicherheitslage liegt laut dem Jahresbericht der Irak wieder auf dem ersten Platz. Pakistan dagegen rückte um einen Platz nach vorne. Auf Platz drei stehen die Philippinen, während letztes Jahr Somalia noch auf Platz zwei und Pakistan auf Platz drei stand.

Insgesamt konstatiert Reporter ohne Grenzen, dass sich die Repression gegenüber Journalisten traditioneller Medien zwar verringert habe, dafür aber „konzentrieren viele Regierungen ihre repressiven Maßnahmen stärker auf das Internet“. Insbesondere Blogger gerieten verstärkt ins Visier, jüngstes Beispiel ist hier wohl der Fall des im Iran inhaftierten Bloggers Hossein Derakhshan aka „Blogfather“.

Die ausführliche Version der Jahresbilanz stellt RoG als PDF zum Download.

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Reporter ohne Grenzen veröffentlicht Jahresbilanz 2007

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Am heutigen Dienstag (02.01.2008) hat die Menschenrechtsorganisation „Reporter ohne Grenzen“ ihre Bilanz des vergangenen Jahres vorgelegt. Dem Bericht zufolge sind im vergangenen Jahr weltweit 86 Journalisten und 20 Medienmitarbeiter getötet sowie 887 verhaftet worden, außerdem zählte die Organisation über 1 500 Fälle in denen Journalisten körperlich angegriffen oder bedroht wurden.

Diese Zahlen unterscheiden sich damit kaum von denen des Jahres 2006, damals zählte die Organisation 85 getötete Journalisten und 32 Medienmitarbeiter, 871 Festnahmen und 1 472 tätliche Angriffe bzw. Drohungen.

Am gefährlichsten leben Journalisten dem Bericht zufolge im Irak, wo alleine 47 Journalisten umkamen und der damit weit vor anderen Ländern wie Somalia (8), Pakistan (6) und Sri Lanka (3) liegt. Spitzenreiter hinsichtlich der Festnahmen sind Pakistan (195), Kuba (55) und das islamische Regime im Iran (54) .

Gleichzeitig verzeichnete „Reporter ohne Grenzen“ eine Zunahme der Zensurbemühungen im Internet. So seien allein in China im Vorfeld des 17. Kongress der Kommunistischen Partei 2500 Internetseiten durch staatliche Stellen blockiert worden. Gleichzeitig würde verstärkt gegen unliebsame Internetaktivisten vorgegangen, als jüngstes Beispiel hierfür kann der saudische Blogger Fouah al-Farhan gelten, der laut New York Times seit dem 10. Dezember in Saudi-Arabien inhaftiert ist.

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