Werther-Effekt und soziale Bewährtheit

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Vor etwa einem Jahr wurde der deutsche Film „Goethe!“ veröffentlicht. Er war unter den Top 10 der erfolgreichsten deutschen Filme im Jahr 2010 und erzählt die Geschichte von Johann Wolfgang von Goethe, der sich in Charlotte Buff verliebt. Charlotte erwidert seine Liebe zwar, muss jedoch einen anderen, Johann Christian Kestner, heiraten. Den Schmerz darüber verarbeitet Goethe in seinem Werk „Die Leiden des jungen Werthers“, welches er dann an Charlotte schickt. Diese veröffentlicht das Werk ohne sein Wissen. Kurz darauf ist sein Roman bereits zum Bestseller geworden.
Den Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ hat Goethe nicht nur im Film, sondern auch im realen Leben geschrieben. Inhalt ist die Lebensgeschichte Werthers, der sich in die damals bereits verlobte Charlotte Buff verliebt. Charlotte empfindet das Gleiche, heiratet jedoch ihren Verlobten und möchte Werther schliesslich nicht mehr wiedersehen. Aus Verzweiflung und Trauer erschiesst sich Werther kurz darauf.

Kurz nachdem „Die Leiden des jungen Werthers“ 1774 veröffentlicht wurde, kam es plötzlich zu zahlreichen Nachahmungen: viele unglücklich verliebte Männer entschieden sich für den Freitod, genauso wie Werther in Goethes Roman. Heute wird dieses Phänomen deshalb als Werther-Effekt bezeichnet.
Doch Goethes Roman ist nicht das einzige Beispiel für Suizide, die mehrere weitere Suizide nach sich zogen. Als sich Robert Enke im November 2009 vor einen Zug warf, stieg die Zahl der Suizide in den darauf folgenden Monaten stark an. Auch nach dem Selbstmord von Marylin Monroe kam es zu zahlreichen Nachahmungen.
Prominente haben eine wichtige Vorbildfunktion und viele, vor allem Jugendliche, orientieren sich an deren Verhalten. Begehen die Prominenten Suizid, glauben die Jugendlichen, dass dieses Verhalten auf irgendeine Weise „richtig“ sein muss und imitieren es. Robert Cialdini zufolge wird dieses Prinzip der sozialen Bewährtheit umso stärker aktiviert, wenn die Personen sich mit dem Suizidenten sehr gut identifizieren können, ihm also ähnlich sind.

Über den Werther-Effekt wird in der Medienwirkungsforschung stark diskutiert. In den Medien wird immer sehr viel über Suizide, besonders von Prominenten, berichtet. Das lenkt die Aufmerksamkeit der Rezipienten auf die „Möglichkeit“ einen Suizid zu begehen.  Tatsächlich nimmt die Medienwirkungsforschung an, dass es zwischen der Medienberichterstattung über einen Selbstmord und der Erhöhung der Suizidrate einen Zusammenhang gibt.
Dies verdeutlicht, dass die Medien darauf achten sollten, wie sie über einen Suizid berichten. Oft neigen die Medien dazu, die Suizide als besonders tragisch und/oder spektakulär zu beschreiben. Das ist einerseits verständlich, denn die Rezipienten bevorzugen „Sensations-Nachrichten“ und so verkaufen sich die Medien besser. Doch andererseits verstärken diese Arten von Berichterstattungen den Nachahmungseffekt, weil die Suizidenten so zum Teil als „Helden“ dargestellt werden und Anerkennung für ihre Tat bekommen. Die Berichterstattung sollte also eher neutral bleiben, auch wenn das für die Medien bedeutet, dass ihre Nachrichten nicht ganz so „spannend“ sind und sie deshalb vielleicht nicht ganz soviele Rezipienten erreichen. Zumindest könnte so aber verhindert werden, dass es wieder zu einer Suizidwelle wie den oben beschriebenen kommt.

Quellen:
Robert Cialdini: „Die Psychologie des Überzeugens“
http://www.klassiker-der-weltliteratur.de/die_leiden_des_jungen_werther.htm
http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/werther.html
http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/32718
http://www.wdr.de/tv/quarks/sendungsbeitraege/2008/0923/003_pubertaet.jsp

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„Hofberichterstattung“ über zu Guttenberg

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„Hofberichterstattung“ über zu Guttenberg

Wie uns allen bekannt ist, hat die Ära zu Guttenberg mit der Plagiatsaffäre des ehemaligen Verteidigungsministers ein erniedrigendes Ende in aller Öffentlichkeit gefunden. Diese führte zum Rücktritt von allen politischen Ämtern und der Aberkennung seines Doktortitels.
Und das, obwohl die Medien Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg eine wesentlich rosigere Zukunft prophezeit hatten.
Innerhalb kürzester Zeit konnte er die Herzen Deutschlands für sich gewinnen und stieg zu einem der beliebtesten Politiker auf. Im vergangenen Jahr wurde er sogar als möglicher Kanzlerkandidat und Nachfolger Merkels gehandelt.
Doch fragt man sich, wie es überhaupt zu so einem schnellen Wachstum an Popularität kommen konnte. Die Berichterstattung vieler Medien hat sicherlich einen großen Beitrag dazu geleistet.
So wurde beispielsweise ein Besuch zu Guttenbergs in Afghanistan im Dezember 2010 mit außergewöhnlich großem medialen Interesse verfolgt. Das Besondere und auch Ungewöhnliche an diesem Truppenbesuch war, dass er seine Frau, Stephanie Anna Charlotte Freifrau von und zu Guttenberg, mit nach Afghanistan nahm. Dies geschah noch nie zuvor und Stephanie zu Guttenberg wurde damit die erste deutsche Ministergattin, die ihren Ehemann in ein Krisengebiet mit Beteiligung deutschen Militärs begleitete. Auf Seiten der Opposition wurde der Besuch des Ehepaars scharf kritisiert und man warf ihnen gezielte mediale Inszenierung vor. In der Bevölkerung hingegen stieß der Besuch auf große Zustimmung. Obwohl dieser Besuch auch von Medien eher kritisiert als befürwortet wurde, ist er ein Beispiel für die enorme Präsenz zu Guttenbergs in den Medien während seiner gesamten Laufbahn als Minister.
Fakt ist, dass zu Guttenberg von einem enormen medialen Interesse profitieren konnte und damit auch seine politische Laufbahn einen großen Schub bekam.
Fraglich ist nach wie vor jedoch, was genau den schnieken, jungen Adligen so populär machte und noch bis heute macht. Womöglich hängt es mit den in Deutschland fehlenden „Royals“ zusammen. Man beneidet England für William und Kate, Schweden für Victoria und Daniel und Holland für Willem-Alexander und Máxima. Darüber hinaus hat der deutsche Adel bislang eher für Peinlichkeiten gesorgt, insbesondere mit seinem Adoptiv-Adel um Frédéric von Anhalt und Marcus von Anhalt, der mit der Faszination anderer europäischer Königshäuser nichts gemeinsam hat. Doch auch der „echte“ deutsche Adel steht kaum besser da, wenn man an das Oberhaupt des Hauses Hannover, Prinz Ernst August denkt. Dieser hat in der Vergangenheit für zahlreiche Negativ-Schlagzeilen gesorgt, indem er zum Beispiel einen Fotographen mit einem Regenschirm attackierte oder er während der Expo 2000 an den türkischen Pavillon urinierte und dabei abgelichtet wurde.
Bei solch einem Adel ist es nur verständlich, dass sich das deutsche Volk förmlich auf den anfänglich so tugendhaft scheinenden Karl Theodor zu Guttenberg stürzt und auch die Medien Loblieder auf ihn singen.
Dennoch wäre es wünschenswert, wenn die Medien ihrer Aufgabe, generell wertneutral und in einem objektiv kritischen Rahmen zu berichten, nachkommen würden.

Quellen:
http://www.abendblatt.de/politik/article1726502/Gruene-empoert-ueber-Guttenberg-und-Hofberichterstatter-Kerner.html
http://www.spiegelblog.net/faz-uber-spiegel-online-unterwurfiges-sturmgeschutz.html

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Nazis in Games vs. Violence in Movies

geschrieben von in Allgemeines, Medien und Politik, Medienkritik, Medienwandel2 Kommentare »

Heutzutage befinden wir uns in einer Überfülle an neuen technischen Spielereien. Man hat das Gefühl, dass quasi jede Woche entweder ein noch besseres Smartphone, Notebook, Fernseher, etc. auf den Markt kommt. Die Auswahl an „Technik-Spielzeug“ ist heute so überwältigend, dass der normale Laie kaum noch mitkommt.

Ganz vorne dabei sind Videospiele. Schon lange sind Videospiele viel mehr als bloßer Kinderkram. Einige sprechen sogar schon von einer neuen Kunstart (ähnlich der Filmkunst). Videospiele sind zu interaktiven Filmen geworden. Seit einigen Jahren schon ist die Produktion eines Spiels mindestens so kostspielig wie die Produktion eines Hollywood Kinofilms…allerdings stimmt somit oft auch der Profit. Die Videospielindustrie hat einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Unterhaltungselektronik, sowie auf die Entwicklung der Gesellschaft und Kultur.

Zumeist ist dieser Einfluss jedoch erst dann spürbar, wenn er negativ auffällt. Erst kürzlich erschien in Deutschland das Spiel „Call of Duty: Black Ops“, welches sich mit dem Titel rühmen darf, die meisten Einnahmen am Tage seiner Veröffentlichung gemacht zu haben als jedes Spiel vor ihm. Doch kaum wurde das Spiel veröffentlicht hagelte es Kritik. Das Spiel versetzt den Spieler in die Haut eines Black Ops Soldaten während des Kalten Krieges, der während des Spielverlaufs nicht nur auf ein Attentat auf Fidel Castro angesetzt wird, sondern im weiteren Verlauf auch gegen andere reale politische Figuren. Darüber hinaus besitzt das Spiel eine sehr grafische Darstellung von Gewalt, was bei dem technischen Fortschritt von heutzutage schon nichts besonderes mehr ist. Doch vorbei sind die Zeiten, wie in den 80ern als jedes Kind dasselbe Super Mario Bros. Spiel spielte wie seine Freunde.

Genau wie Filme werden viele Videospiele in Deutschland geschnitten. Eine geschnittene Version eines Spiels enthält daraufhin weniger Blut, weniger Gewaltdarstellungen etc.

Am 24.11.2010 wurde die ungeschnittene österreichische Version, die zunächst legal in Deutschland verkauft werden durfte, „blitzindiziert“. Kurzerhand ist nun nur noch der private Besitz und Gebrauch des ungeschnittenen Spiels legal. Doch warum? Bei genauerem Hinsehen darauf, was in dem Spiel eigentlich geschnitten wurde, entdeckt man, dass (natürlich) die Gewalteffekte reduziert wurden, aber auch NS-Symbolik (eine Mission versetzt den Spieler in das Jahr 1945). Die NS-Symbole wurden allesamt entweder gelöscht oder durch Eiserne Kreuze ersetzt. Abgesehen davon, dass ein genau solcher „Ersatz“ dazu führt, dass immer mehr Jugendliche denken das Eiserne Kreuz ein komplettes Produkt der Nazis ist (sogar unsere Bundeswehr macht Gebrauch von Eisernen Kreuzen), sind jedoch sämtliche Szenen die ein Attentat auf Fidel Castro oder andere politische Figuren darstellen, noch komplett im Spiel vorhanden.

Es ist natürlich klar warum die BPjM NS-Symbolik nicht in einem Spiel zeigen will. Allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass Spiele genau wie Filme erst ab einem bestimmten Alter erworben werden können (bei Spielen USK; bei Filmen FSK).  Wenn die BPjM davon ausgeht, dass ein solches Spiel ab 18 ist, und somit auch ihre Spieler, dann müssen diese „Erwachsenen“ doch wissen womit sie es zu tun haben. Ist es wirklich ein besserer Schritt die Jugend (obwohl das Spiel ab 18 ist) von Deutschlands NS Vergangenheit auf so eine Weise abzuschneiden und noch schlimmer diese durch ein anderes heute benutztes Symbol zu ersetzten? Es ist fast als würde das kollektive Gedächtnis Deutschlands mit aller Macht versuchen jede Erinnerung an den 2. Weltkrieg und die Nazis zu verdrängen…sogar in den Medien.

Filme werden natürlich ebenfalls von der BPjM geprüft, allerdings mit einer ganz anderen Vorgehensweise. NS-Symbolik wird in 2.Weltkriegs Filmen überhaupt nicht weggeschnitten oder ähnliches. Abgesehen von der Tatsache, dass wir Deutschen anscheinend sowieso Weltmeister darin sind, Filme vom 2. Weltkrieg aus der Sicht der Nazis zu produzieren. Nicht nur mit der NS-Symbolik geht die BPjM freizügiger in Filmen um, sondern auch mit Gewaltdarstellungen. Es ist bemerkenswert, dass fast jedes USK 18 Spiel in Deutschland geschnitten wird aber fast jeder Hollywood Splatter Horror Film (z.B. Saw 1-7, Hostel 1-2,etc.) komplett ungekürzt im Kino erscheint. Nicht zu vergessen die Horror Filme die geradewegs auf DVD/Blu-Ray rauskommen und noch gewalttätigere Szenen aufweisen. Vielleicht sollte man sogar noch erwähnen, dass die BPjM Filme, die seit und von den 80ern in Deutschland wegen ihrer expliziten Gewaltdarstellung indiziert wurden, wieder vom Index (Indizierungsliste) streicht (z.B. „Predator“, welcher nun als ab 16 eingestuft wurde). Weil wir uns mehr und mehr an immer härtere Gewaltdarstellungen gewöhnen? Weil der DVD und Blu-Ray Markt dann besser läuft? Wer weiß? Die Vorgehensweisen der Prüfstellen bleiben teils sehr rätselhaft. Besonders wenn man betrachtet, wie hart bei Spielen und wie „lasch“ bei Filmen vorgegangen wird.

Quellen:

http://www.schnittberichte.com/news.php?ID=2395

http://www.schnittberichte.com/schnittbericht.php?ID=875064

http://www.schnittberichte.com/news.php?ID=2053

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Mücken, Elefanten und tote Kaninchen

geschrieben von in Allgemeines, Fernsehen, Medienkritik, Medienwandel, QualitätKommentare deaktiviert für Mücken, Elefanten und tote Kaninchen

RTL Explosiv ist der Fürsprecher des Osterhasen. Oder hatte akkute Not, eine explosive Meldung zu finden. Und deswegen bohrt man jetzt an der Moral von Kochsendungen, schließlich ist nicht mal die Nahrungszubereitung unfehlbar. Zumindest wenn man sie, wie Frau Sarah Wiener, zusammen mit Kindern im Alter von ca. 10 Jahren an gemeinsam machen möchte.
Am 6.4. startet auf Arte deren Sendung „Sarah Wiener und die Küchenkinder“, wo die Profiköchin den Kleinen gesunde Ernährung und richtiges Kochen näher bringt. Zu nah für Explosiv. Denn in einer Folge geht es um die Zubereitung von Schlachtkaninchen. Man solle sich Mühe geben, damit die Kaninchen nicht umsonst gestorben sind, sagt Sarah. Und dann zeigt doch, oh Skandal, wie 4 halbstarke Freiwillige nach Frankreich fuhren, um sich anzugucken, wie aus Hoppelhase toter Hase wird. Mit artgerechtem Schlachten und Häuten und so. Wer möchte, kann selbst versuchen, das Kaninchen zu zerteilen. Pfui! Das kann man doch nicht tun, das würde Kinder verstören und schädigen, pflichtet Explosiv auf der Straße dazu Befragten bei.
Sarah Wiener erklärt zwar, dass es lehrreich sei, sich damit auseinander zu setzen, woher sein Essen käme und dass nicht alles so selbstverständlich auf dem Teller lande, aber das gildet nicht. Lieber nichts wissen, Hamburger wachsen ja auch bei McDonalds.

Ich fasse mir ernsthaft an den Kopf. Zwar bin ich nun auch nicht direkt mit Hausschlachtungen aufgewachsen, aber wo 12-Jährige im Internet an Enthauptungsvideos rankommen und RTL selbst Känguruhoden serviert, scheint mir so eine Kritik an einem normalen Teil der Nahrungskette des omnivoren Menschen geradezu lächerlich. Also sind alle Kinder, die in anderen Gesellschaftsformen (Nomaden etc.) oder auf dem Land aufwuchsen, psychisch gestört vor lauter Blutgemetzel am Tier. (Ja, ich weiß, je nach Methode ist da nicht mal viel Blut.) Danke RTL, hoffentlich nehmen die Politiker Wieners Kindersendung gleich mit auf die Liste der Amoklauf-initiierenden Medien. Da wünscht man sich ja Bigbrother-Psychologen zurück.

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