Der freie Autor. Oder: Warum er nicht gelesen wird.

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Noch nie schien die Zeit für alle Kreativen günstiger zu sein als heute, insbesondere für Autoren und solche, die sich so nennen wollen. Denn das Internet lässt Gedrucktes immer mehr obsolet werden, Massenproduktionen etwaige Druckkosten minimieren, digitale Lesegeräte, eReader, das Buch in der Hand ersetzen. Und wo man sich als Autor früher noch durch Lektorat, Korrektorat schlagen musste, sein Werk unerfindlich vielen Verlagen mit ihren eigentümlichen Vorsitzenden und kritischen Managern vorlegen musste, man auch nach der zehnten Absage, die nicht selten unbegründet blieb, nicht aufgeben durfte, bis man endlich in die Hände eines mit jesuanischer Güte gesegneten Verlegers kam, der schon die Zeichen am Himmel für den neuen Propheten der Nationalliteratur sehen konnte – so reichen heute einige Klicks und man wird begrüßt in der Welt des schreibenden Volks.

Plattformen gibt es mittlerweile zahlreiche, zum Beispiel der deutsche Service „BoD“ (Books on demand), der für eine geringe Gebühr nicht nur eine ISBN für das geliebte Werk liefert (Denn diese ist für eine Repräsentation im klassischen Buchhandel quasi unabdingbar, da nur so die Werke in das „Verzeichnis lieferbarer Bücher“ eingepflegt werden), sondern gleich einen internen Editor für die Covergestaltung und entsprechende Vertriebskanäle bereitstellt. Das Buch wird digital den Kindle-Produkten von Amazon, sowie der digitalen Konkurrenz seitens der alteingesessenen Buchhändler (z.B. Tolino)zur Verfügung gestellt; möchte der Leser hingegen sein Buch in Händen halten, so wird es nach Bedarf gedruckt und innerhalb von zwei Wochen an den Käufer ausgeliefert. Weder eine inhaltliche, noch formale Überprüfung oder Korrektur ist erforderlich, kann aber für das entsprechende Kleingeld modular dazu gebucht werden.

Zwar sträuben sich die Buchhandlungen in den deutschen Innenstädten noch, diese Werke in ihr Sortiment aufzunehmen – dennoch scheint der Siegeszug des sogenannten „self-publishing“ beschlossen zu sein. Seit neuestem wird sogar eine Kooperation mit den öffentlichen Bibliotheken angestrebt. Und es ist verständlich: Da der Service keine (katalogorientierte) Selektion und kein aufwendiges Lektorat unterhält, wird jedes Werk gedruckt, gleich wie viele Rechtschreibfehler, inhaltliche Ungenauigkeit oder sprachliche Unverschämtheit darin enthalten ist. Da der Service am Autor verdient, auch wenn sonst nichts verkauft wird (durch monatliche und einmalige Kosten), und keinerlei Werbung stellt, ist die Autorenmarge frei wählbar und wird einfach dem reinen Druckpreis als Mehrkosten für den Käufer aufgeschlagen. Der Autor wird Unternehmer, kümmert sich um Layout und Cover, Format, Papierfarbe, Marketing und Verbreitung.

Es darf zwar als erwiesen gelten, dass große Verlage noch lange keine Qualität garantieren (Das prominente Beispiel „Shades of Grey“, das auf einer Fanfiction zu Twilight basiert, erschien hierzulande im Goldmann Verlag!), aber gerade in der Verschmelzung des Self Publishings mit dem traditionellen Buchmarkt erfährt man (insbesondere auf dem eBook-Markt) eine deutliche Absenkung der Qualität. Dort findet man fragwürdige „Kinderbücher“ und „Horrorgeschichten“ zum Centpreis, voller Fehler und Ungereimtheiten, die im langen Verlauf dem eBook-Markt wieder in den Rücken fallen könnten. Denn auch 99 Cent sind zu viel für ein Werk, das man zehn Minuten später genervt von seinem Gerät löscht.

Das immer populärer werdende Self Publishing deckt ein Bedürfnis der Gesellschaft, sich auszudrücken. Wo in großen Verlagen mehr und mehr nicht nach der literarischen Qualität gefragt wird, sondern den Verkaufserwartungen, ermöglicht die eigene Veröffentlichung die Chance auf einen kleinen Teil am großen Markt und weckt bei vielen die Hoffnung, im großen Haufen an Veröffentlichungen endlich etwas von großem literarischen Wert zu erspähen. Doch dieser neue, freie Autor schafft sich in gleicher Geschwindigkeit wieder ab, wie er sich erschafft. Wenn Independent und „ohne Verlag“ zum Synonym für schlechte Belletristik geworden sind, dann spielt das nur den Verlagen in die Hände, die immerhin noch ohne Rechtschreibfehler Aufgewärmtes servieren.

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