Günter Wallraff ist kein Journalist, er ist eine Legende. Ich selbst hatte natürlich schon viel von ihm und seinen Geschichten gehört, direkten Kontakt hatte ich aber bisher nicht. Das sollte sich aber ändern, als ich in den Kellern der Unibibliothek nach einem Buch suchte und dabei zufällig auf mehrere Werke Wallraffs stieß. Ich entschied mich für „Der Aufmacher – Der Mann, der bei Bild Hans Esser war“, las noch an Ort und Stelle die ersten 55 Seiten und lieh es schließlich aus.
“[…] man muss sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren, muss täuschen und sich verstellen, um die Wahrheit herauszufinden.”
Günter Wallraff im Vorwort zu Ganz unten, 1985
Günter Wallraff, geboren 1942, arbeitet nach dem Prinzip des ‚investigativen Journalismus‘ und ist bekannt für seine Reportagen, in denen er sich verkleidet und in Rollen schlüpft um so über zumeist sozialkritische Themen zu ‚ermitteln‘, die er anschließend in Büchern (Bestsellern) veröffentlicht. Er war u.a. Arbeiter in einem Stahlwerk, Obdachloser, Student auf Zimmersuche, türkischer Gastarbeiter und zuletzt afrikanischer Einwanderer.
In „Der Aufmacher“ schlüpft er 1977 in die Rolle des fiktiven ‚Hans Esser‘ und arbeitet über drei Monate lang für die BILD-Zeitung Hannover. Dabei zeigt er anhand von Hintergrundberichten zu Artikeln, die er in der Zeit geschrieben hat, sehr deutlich, wie die BILD aus Ereignissen Geschichten und aus der Wahrheit Lügen macht. Er zeigt auch welchen Einfluss die Politik auf die Zeitung hat und wie unterschiedlich die mehr oder weniger begünstigten Politiker behandelt werden.
Esser ist bemüht gute Artikel zu schreiben, muss aber immer die Änderungen des Chefredakteurs hinnehmen, damit seine Artikel überhaupt gedruckt werden. „Was ich geschrieben habe, bleibt nur in Rudimenten erhalten, in den Bruchstücken, die man auch hätte erfinden können.“, schreibt er.
“Es ist unmöglich, in der BILD-Zeitung eine Satire zu schreiben. Man kann eine Geschichte noch so überspitzen, überdrehen, verzerren, verblödeln, veralbern, im Umfeld dieser Zeitung wird alles ernst genommen.“
Günter Wallraff in Der Aufmacher
Die BILD will beim Leser Gefühle, Emotionen wecken, vor allem Angst und Vorurteile. Kein Nachdenken, und bloß nichts Sozialkritisches. Dafür aber Lügen über Lügen. Auch offensichtliche, wie das angebliche ‚schlechte Wetter auf Mallorca‘, über das die deutschen Urlauber „stocksauer und enttäuscht“ gewesen wären – und das es nicht gab. Wie kann eine Zeitung eine so augenscheinliche Lüge verbreiten? Wallraff, bzw. Esser weiß die Antwort: „Ganz einfach: BILD-Leser sind für sie keine ernstzunehmenden Menschen. Entweder glauben sie eher an eigene Sinnestäuschung als daran, dass BILD lügt. Oder sie wissen, fühlen, ahnen, daß BILD lügt, und können doch nicht von BILD lassen. Sie sind abhängig, süchtig.“
Hans Esser begleitet die ständige Angst davor erkannt zu werden und aufzufliegen. Je länger er bei der BILD ist, desto mehr leidet auch sein Kritikbewusstsein. Günter Wallraff schafft die Distanz zu Hans Esser, spielt dessen Rolle perfekt, wenn auch manchmal mit Schwierigkeiten. Seine satirischen Kommentare in den Artikeln fallen in der BILD-Zeitung nicht auf, nicht mal den ‚Betroffenen‘ wie etwa dem ehemaligen Bundesgrenzschutz-Chef Paul Kühne. „Und so heißt nachher die BILD-Geschichte: Sein letztes Kommando: drei Jagdhunde / BILD Hannover besuchte Bundesgrenzschutzgeneral a. D. Kühne. Er rettete unsere Heide. Wir lachen so sehr über diese Satire, daß ich plötzlich Angst bekomme. Was, wenn Kühne sich beschwert? Der befürchtete Anruf kommt auch, aber – Kühne ist mein Freund! ‚Große Klasse der Bericht, [...] Das müssen wir unbedingt wiederholen.‘“ (Zitat aus dem Buch).
“Mit dem Anzeigenteil verdient der Unternehmer Geld, der allgemeine Teil kostet ihn Geld. (…) Die Folge ist, dass das Erwerbsinteresse des Zeitungsverlegers notwendig zur Sensationspresse als der rentabelsten Form der Zeitungsunternehmung führt.“
Ernst Posse, 1917
„Der Aufmacher“ ist das erste Buch aus Wallraffs BILD-Triologie. Es liest sich sehr gut und wirkt authentisch. Die gängigen Praktiken in der Redaktion, das vom Konkurrenzdenken zerrüttete Verhältnis unter den Mitarbeitern und die Hintergründe zu Essers Artikeln werden gut beleuchtet und verschaffen so ein kritisches Bild von Deutschlands auflagenstärkster Tageszeitung, das immernoch aktuell ist.
Quellen:
“Der Aufmacher – Der Mann, der bei Bild Hans Esser war” von Günter Wallraff
Wikipedia zu G. Wallraff