DAS SMARTPHONE WIRD 5 JAHRE ALT – HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!
Die Spiegel-Titelstory nennt das Smartphone zu seinem 5-jährigen Jubiläum sogar eine Weltrevolution und erzählt den Revolutionsweg aus einer Perspektive, aus der sich vor allem Veränderungen erahnen lassen, die uns individuell in unterschiedlichem Ausmaße treffen könnten:
„Das Smartphone hat die Politik verändert, die Wirtschaft, die Gesellschaft und ihre kompletten Kommunikationsstrukturen. Es wäre also überraschend, wenn es den Benutzer selbst nicht verändern würde.“
Die Vorstellung, dass sich Forschungseinrichtungen damit beschäftigen, die Sinne des Menschen durch implantierbare Technik zu erweitern oder dadurch sogar neue Sinne zu schaffen und dabei noch Begriffe wie Cyborg verwenden, könnte nicht nur Auszug aus einem Science-Fiction-Drehbuch sein: so ungefähr lautet das Selbstverständnis der selbsternannten Cyborgs und deren wissenschaftliche Zielsetzung. Interessanterweise lässt sich dieser neue Mensch in seiner Forschung von Natur und Tierwelt inspirieren. Diskutiert werden technische Ansätze, die ermöglichen sollen, dass neue Fähigkeiten angeeignet werden können, die über die normal menschlichen Sinne hinausgehen.
Der amerikanische Cyborg Tim Cannon, der sich einen eleganten Magneten unter die Fingerkuppe hat implantieren lassen, beschreibt den Aufstieg der Cyborgs als unabdingbar. Nachvollziehbarer wird derartiges Zukunftsdenken vor allem dann, wenn uns der Weg, den wir bereits eingeschlagen haben, in ein – vorsichtig ausgedrückt - technikfreundliches Kommunikationszeitalter zu führen scheint. Tim Cannons Formulierung klingt da schon etwas dramatischer und liest sich vielleicht etwas stirnrunzelnd:
“Du wirst es tun, oder du wirst zurückbleiben. Du hast keine Wahl. Es wird seltsam und ungemütlich und angsteinflößend werden. Aber entweder machst du mit, oder du könntest bald als veraltet gelten.”
Dem längeren Beitrag Cyborg America auf www.theverge.com, der sich mit der ungewohnten Welt der Biohacker oder Cyborgs beschäftigt, lässt sich noch ein Satz entnehmen, der den Wandel hin zu einer neuen Technik versucht deutlich zu machen:
„Gone are Microsoft’s windows into the digital world, replaced by a union of man and machine: the iPhone or Android.“
Auch wenn wir als „union of man and machine“ für manche nur schwer vorstellbar sind: schon längst geben wir ein ähnliches Bild ab. Längst haben wir uns für diesen Weg entschieden. Vor allem dann, wenn 2007 122,3 Mio. Smartphones weltweit verkauft wurden. Wenn sich 2012, nur 5 Jahre nach dem Geburtstag einer vermeintlichen Weltrevolution, sich die Zahl solcher Revolutionsgeräte auf 686 Mio. erhöht hat. Wenn täglich doppelt so viele Smartphones verkauft wie Babies geboren werden. Wenn schon heute insgesamt jeder dritte Bundesbürger und sogar jeder zweite der unter 30-Jährigen, ein Smartphone benutzen. Wenn auch schon anhaltende Diskussionen von Soziologen, Kommunikationswissenschaftlern, Technikexperten oder Psychologen längst damit begonnen haben, ähnliche Zukunftsbilder zu zeichnen: zu sehen sind Zwitterwesen aus Mensch und Maschine, Cyborgs, die durch eine im wahrsten Wortsinn unter die Haut gehende implantierbare Technik, sog. subkutane LED-Displays, neue Kommunikationsmöglichkeiten erahnen lassen. Und wenn technische Geräte bereits ein nur schwer durchschaubares Potential entwickelt haben, das nicht nur unsere Kommunikations- und Interaktionsfähigkeiten und -Gewohnheiten zu verändern droht.
In Interviews mit Psychologen wie George Pennington wird der technische Siegeszug aus einer deutlich kritischeren Sichtweise betrachtet: das 5-jährige Geburtstagskind sei etwas wie das Sklavenhalsband des 21. Jahrhunderts schreibt er. Es drohe geistige Bequemlichkeit und ließe uns nicht mehr in Ruhe. Eine neuartige Form technischer Abhängigkeit entstünde. Die Dimension der Kontrolle wird aber gleichzeitig kontrastiert mit einer anderen Dimension: Freiheit. Der Artikel verweist auf den Arabischen Frühling. Sowohl bei dessen Organisation als auch bei der Kommunikation innerhalb der Widerstandsbewegungen spielten die Revolutionsgeräte eine entscheidende Rolle. Im weiteren Verlauf des Spiegelbeitrags wird dessen Spannungsverhältnis beider Dimensionen auf den Punkt gebracht:
„Somit ist das Smartphone eine Art Symbol von Reform-, Revolutionsbewegungen und moderner Sklaverei gleichermaßen. Einerseits Freiheit und anderseits totale Kontrolle.“
Vor dem gesamten Hintergrund könnte der neuen mobilen Technologie eine zentrale Schlüsselrolle zugeschrieben werden, wenn wir uns nachhaltig mit derartig kollektiven Kommunikationsprozessen beschäftigen wollen. Neben globalen und kollektiven Welten werden beim Lesen auch immer wieder Auswirkungen auf den Einzelnen beschrieben und wie dieser in Beziehung zu seiner persönlichen kleinen Maschine steht, „die in der Lage ist ein gesamtes Weltwissen zu kanalisieren.“ Zu jeder Zeit und an vielen Orten kann dieses sog. Weltwissen auch abgerufen werden. Egal, ob Freunde, die abendfüllende Überlegungen anstellen, um Filmtitel, Songtexte oder auch vergangene historische Ereignisse zu rekonstruieren oder ob Studierende sich in einer Klausur den Kopf über Begriffe oder Fakten zerbrechen. Nicht nur das mobile Internet hält da viele Antworten bereit sondern auch die eigene Musikbibliothek oder Bildersammlung. Verständlicherweise wird vor allem hier betont, dass die Macht der Sklaverei nicht vom Gerät selbst ausgehe sondern im Ermessen des jeweiligen Nutzers zu finden sei. Nicht das Gerät würde uns versklaven sondern man versklave sich höchst selbst durch die Bereitschaft zu bedingungsloser Erreichbarkeit.
WAS IST AUFKLÄRUNG?
Wir würden uns also höchstselbst versklaven: Selbstverschuldung sozusagen.Vielleicht bis hin zur selbstverschuldeten Unmündigkeit. Ganz neu klingt das nicht. Auch wenn es Ende des 18. Jahrhunderts zwar noch keine Smartphones gab, könnte sich Immanuel Kants Einleitung zu seinem Aufsatz Was ist Aufklärung? als eine alt überlieferte Smartphone-Kritik lesen, wenn er schreibt:
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“
Die fremde Leitung wird bei Kant vielleicht weniger von technischen Geräten als mehr von Bevormundung oder menschlichen Lastern wie Faulheit oder Feigheit verkörpert: „es ist bequem, unmündig zu sein“ – dennoch: anhaltende sozial- und medienwissenschaftliche Diskussionen und Kritiker beschreiben, inwiefern genau solche oder zumindest ähnliche Begriffe oder die eingangs erwähnte Gefahr der geistigen Bequemlichkeit einen immer größer werdenden Stellenwert erlangen werden. Einer ähnlichen, an Intensität zunehmenden Diskussion zufolge, hat sich das Internet und dessen mobile Nutzung zu einem fast schon elementaren Dreh- und Angelpunkt unseres Kommunikations-, und Interaktionsverhaltens entwickelt. Ein Medium also, das es geschafft hat, innerhalb nur einer Generation, nicht nur unsere gewohnten Kommunikations- und Interaktionsstrukturen stark zu verändern sondern sich ebenso auf unsere Sprachgewohnheiten auszubreiten droht.
Aber zum Verteufeln reicht das Ganze eigentlich noch nicht. Dazu muss man erst wissen, wen es zu verteufeln gilt, denn ein gewisser Grad an Technik ist schon längst zu einem zentralen Baustein unserer Kommunikation geworden. Sowohl der Spiegelbeitrag, die Cyborgs, Psychologen und Soziologen als auch viele andere Wissenschaftler sind sich darüber bewusst. Gefährlich wird es dann, wenn soziologische Auffassungen bereits so weit gehen und beschreiben, inwiefern das Smartphone bereits wichtige psychologische und soziologische Veränderungen herbeigebracht hat. Solchen Meinungen zufolge schreiben wir lieber, als zu sprechen. Es gäbe weniger echte Unterhaltungen. Statt direkt miteinander zu sprechen, wird mehr schriftlich kommuniziert. Ein Wandel, der es ermögliche menschlichen Kontakt zu reduzieren und sich zum Teil vor sozialen Situationen zu verstecken. Könnte das auch Faulheit und Feigheit geschuldet sein? Eine Art Luxus der Unmündigkeit, den wir uns mit wachsender Begeisterung aneignen wollen? Die US-Soziologin und Technologieexpertin Sherry Turkle vertritt die Ansicht, dass diese neue Technik eine Vision einer Welt fördert, in der jeder nur noch Einzelkämpfer sei:
„Ich allein entscheide, wem oder was ich wann Aufmerksamkeit schenke. Mobile Internetwelt untergräbt Gemeinsinn. Wir verlieren die Fähigkeit allein mit uns selbst zu sein.“
Wenn man sich derartige Auffassungen mal auf der Zunge zergehen lässt, dann werden Auswirkungen auf unsere Sprachgewohnheiten nicht ausbleiben. Der Spiegelartikel lässt auch einen kleinen Einblick in eine neue Welt der Sprache zu: „Man kommuniziere sich in Sprachlosigkeit. SMS, kurze Nachrichten zerlegen Dialoge in kleineste Bestandteile, die oft kein Ganzes mehr ergeben.“ Wir würden uns durch unsere ständige Benutzung selbst daran hindern mit unserem Umfeld persönlich zu kommunizieren. Unterstützende Kommunikationsmerkmale wie Gestik, Mimik und Körpersprache blieben auf der Strecke. Nicht nur Missverständnisse und kommunikative Veränderungen finden in einer solch partikularen Kommunikation genug Raum sondern für soziale Bindungsstörungen ist auch noch genug Platz.
Wenn Sprache als ein konstitutives Merkmal der Medien betrachtet wird, wenn verschiedene medienwissenschaftliche Fragestellungen oft auf sprachwissenschaftlichen Theorien gründen und wenn dann das Internet in Hosentaschenformat innerhalb weniger Jahre zum Teil tiefgreifende Veränderungen in unseren Sprachgewohnheiten verursacht, sollten die Wechselwirkungen zwischen unserer Sprache und den Medien gründlicher beleuchtet werden als je zuvor. Vielleicht auch dahingehend, inwiefern sich unsere wachsende Kommunikationsgeschwindigkeit auf mediale Kommunikationsmerkmale ausübt. Dass wenn sich unsere Kommunikation zunehmend beschleunigt, Auswirkungen auf deren Inhalte, Qualitäten, Gewohnheiten, Formen und Regeln nicht ausbleiben werden solange wir es verlernen zu entschleunigen oder unsere Probleme von einer Technik lösen zu lassen, die es schafft, uns vor Probleme zu stellen, die wir vorher nicht hatten.
Der Spiegelbeitrag schließt mit einem eher ethisch-moralischem Denkanstoß, der eine ganz andere Dimension einer vermeintlichen Weltrevolution erblicken lässt.
“Der Kampf der vier ist nicht einfach nur ein Ringen von Konzernen um die Spitze, wie es in jeder Branche vom Softdrink bis zum Maschinenbau üblich ist. Es geht vielmehr darum, was das Internet mit unserer Kultur und unseren Köpfen macht, welche Ideale in Zukunft gelten – und welche Ideologien.”
http://www.theverge.com/2012/8/8/3177438/cyborg-america-biohackers-grinders-body-hackers
http://www.zeit.de/digital/internet/2012-08/cyborg-neil-harbisson-biohacking-campus-party/komplettansicht
http://www.berliner-zeitung.de/berlin/interview–manche-denken–dann-geht-die-welt-unter-,10809148,11043270.html
http://meedia.de/internet/mobiles-netz-und-web-tv-boomen/2012/08/20.html
DER SPIEGEL Heft 27/2012. Titelstory: Sei doch mal still! – Anleitung zu einer digitalen Diät