Die Interviewautorisierung durch den Interviewten, wie sie in der deutschen Presse praktiziert wird hat in den letzten zehn Jahren immer wieder für Aufschreie in der Medienwelt gesorgt. Man erinnere sich an das Interview mit Olaf-Scholz, das die taz mit geschwärzten Antworten abdruckte. Oder an das Interview mit Wolfgang Thierse, das 2007 in der Leipziger Volkszeitung erschien und in dem Thierse einen Seitenhieb auf Helmut Kohl landete, den er später damit entschuldigte, er habe das Interview nicht freigegeben.
Doch an der Situation, dass Interviews nicht gegeben werden, wenn vorher nicht ein Freigabeverfahren ausgehandelt wird, scheint sich durch die öffentliche Aufmerksamkeit, die diese Fälle erregten, nicht viel geändert zu haben. Im vergangenen Juli strahlte das Medienmagazin Zapp einen Beitrag zu dieser Problematik aus, in dem Journalisten und Medienwissenschaftler gleichermaßen auf die ausufernden Autorisierungsansprüche der Politiker und insbesondere der Prominenten aus dem Showgeschäft hinwiesen. ?Gesagt ist gesagt und eigentlich müsste das veröffentlicht werden und der Leser muss ja auch den Eindruck haben, das was er dann schwarz auf weiß vor sich sieht, so war das. Das ist eine Illusion?, betont darin auch Dieter Wonka von der Leipziger Volkszeitung, der 2007 das Interview mit Wolfgang Thierse führte. Von einem ?Autorisierungswahn? ist die Rede.
Doch es gibt auch gegenläufige Stimmen: Viele Journalisten seien nicht in der Lage ein gutes Interview zu führen, sie bauten nachträglich die Dramaturgie um und motzten ihre Fragen auf, kommentiert Michael Haller, Medienwissenschaftler an der Universität Leipzig, im Medienmagazin Message (Ausgabe 1/2008) die Beschwerden der Journalisten. Es sei verständlich, dass der autorisierende Gesprächspartner seinerseits eingreift und umformuliert. ?Nicht die (?) Autorisierungsregel ist das Problem, sondern das unter deutschen Journalisten verbreitete Rollenselbstverständnis ? und oft auch das fehlende handwerkliche Know-how.?
Zu beachten gilt es an dieser Stelle, dass die Freigabe-Praxis keineswegs überall so standardisiert ist, wie in Deutschland. ?Die hierzulande üblichen ?Autorisierungsmarathons? irritieren vor allem Korrespondenten englischsprachiger Printmedien in Deutschland?, schreibt Swantje Waterstraat, Autorin des Buches ?Die Autorisierung politischer Presseinterviews?, in der gleichen Ausgabe der Message. Bemerkenswert ist, dass der Begriff Autorisierung, womit ja eigentlich die Freigabe bestimmter Interviewpassagen gemeint ist, unter deutschen Journalisten synonym zu ?Zensur? gebraucht wird, sofern es Interviews betrifft.
Die Notwendigkeit einer nachträglichen Autorisierung sieht im Zuge der Diskussion mittlerweile nicht einmal mehr der deutsche Presserat. In Richlinie 2.4 des Pressekodex hieß es früher: ?Ein Interview ist auf jeden Fall journalistisch korrekt, wenn es vom Interviewten oder dessen Beauftragten autorisiert wurde.? Dieser Passus wurde zum 1. Januar 2007 geändert und lautet nun: ?Ein Wortlautinterview ist auf jeden Fall journalistisch korrekt, wenn es das Gesagte richtig wiedergibt.?