Wer dachte die Artikel einer Zeitung werden debattiert, hat die Werbung unterschätzt

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Der Andrang an Meinungen um die Redaktionsleiterin von Christ & Welt Christiane Florin ist groß seit der ersten Ausgabe der Wochenzeitung in diesem Jahr. Doch seit der dritten ist er gewaltig.

Es ist nicht immer leicht als Journalist – und als einer, der über Glaubensfragen debattiert, schon gar nicht. Darüber können die Mitarbeiter der Zeit-Beilage wohl ein Lied singen.
Vor wenigen Wochen bekam die Redaktion eine Anzeigenbuchung von „Kirche in Not“, ein katholisches Hilfswerk, das international gegen die Verfolgung von Christen vorgeht. In ihrer ersten Ausgabe diesen Jahres thematisierte Frau Florin nun die Anzeigen der Zeitung und erklärte den Lesern, warum sie sich gegen das Abdrucken dieser einen entschieden hatten. Ausschlaggebend war insbesondere, dass die Organisation sich „[g]egen den Strom von Meinungsdiktatur und Political Correctness“ aussprach. Bei näherer Betrachtung des Kongressprogramms wurde offensichtlich: gemeint war nicht die Diktatur im herkömmlichen Sinne. Gegenstand des Aspektes sollte wahrhaftig die im Staat verankerte Demokratie sein, wie sie z.B. in der deutschen Verfassung steht, unter der du und ich leben.
Dass sich am rechten Rand der Kirche einiges tut, damit sind Christiane Florin und ihre Kollegen vertraut, sowie die Begabung einiger Gläubiger „Demokratien mit ihren Kompromissen und Mehrheitsentscheidungen mal eben zu einer „Diktatur des Relativismus“ umzudeuten“, nachvollziehen können und – vor allen Dingen – so eine Meinung zu publizieren und repräsentieren, müssen sie deswegen aber nicht.

Ich verwende an dieser Stelle bewusst den Ausdruck „repräsentieren“, da dies für viele Leser – oder sollte man lieber sagen Nicht-Leser? – nichts anderes darstellt. Man könnte meinen, dass eine Zeitung und ihr Team nicht verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen, die sie abdrucken, gemacht werden, da diese für sie bloße Finanzierungsmittel darstellen. Und doch treffen immer mehr Leserbriefe ein, die Bezug darauf nehmen und sich bei der Redaktion beschweren.
So gab es sogar zum Nicht-Veröffentlichen besagter Anzeige geradezu einen „Shitstorm“, der die völlig überrumpelte Frau Florin erreichte. Schuld waren verschiedene Homepages und Blogs, welche negativ über das Ablehnen berichteten und somit die eigenen Leser und eigentliche Nicht-Leser der Zeit auf die Redaktion und ganz im Besonderen auf die Redaktionsleiterin hetzten.
Die Folge war eine Flut aus persönlichen und unprofessionellen Beleidigungen.
Doch die Redaktion war der Meinung, dass „sich [auch] Journalisten nicht alles gefallen lassen müssen“ und beschloss kurzerhand die Zuschriften, die sie erhalten hatten, unzensiert und unter Angabe des Verfassers zu veröffentlichen. Da sie diese auf dem Weg der Leserbriefe erhalten hatten und mit einem Großteil der Urheber auch noch einmal Rücksprache hielten, welche zum Teil mehr als stolz darauf waren, wie sie ihre Einstellung kundgetan hatten, verletzten sie damit keine Persönlichkeitsrechte und das einzige Ergebnis lag in bereits erwähnter noch größerer Aufmerksamkeit.
Doch im Gegensatz zu den anfänglichen ausschließlich negativen Reaktionen, durfte Christiane Florin sich diesmal besonders über eine riesige Fülle an zustimmenden, mitfühlenden und Beifall-klatschenden Antworten erfreuen, diesmal von den Originallesern der Zeitung signiert.

Und wer zuvor noch an der verwerflichen Verwendung und Auslegung des Begriffs „Meinungsdiktatur“ zweifelte, soll sich einmal die Reaktionen der Fürsprecher durchlesen. Wie Christiane Florin ganz richtig feststellt: „Ein Wort, das solche Verteidiger hat, lehnen wir ab.“

 

 

 

 

Quellen

Christ & Welt – „Wir Meinungsdiktatoren“

Christ & Welt – „Wir Meinungsdiktatoren 2“

Christ & Welt – „Sie kotzen mich an“

Sueddeutsche.de

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Und der Theodor-Wolff-Preis 2015 geht an…

geschrieben von in Allgemeines, Printmedien, QualitätKommentare deaktiviert für Und der Theodor-Wolff-Preis 2015 geht an…

Es ist wieder soweit. Bis zum 16.02.2015 haben die Journalisten Deutschlands noch Zeit sich mit einem Artikel ihrer Wahl zu bewerben.

Seit 1962 nun ist es dem Journalisten vertraut – wer den Theodor-Wolff-Preis verliehen bekommt, wird eine große Ehre zuteil. Die Bedingungen: Der Beitrag des hauptberuflichen Journalisten muss im Vorjahr online oder gedruckt in einer deutschen Tages-. Sonntags- oder politischen Wochenzeitung veröffentlicht worden sein.
Honoriert wird hierbei aber nicht der bloße Text. Der Fokus der Jury, welche aus 9 anerkannten Chefredakteuren und Autoren aller Art besteht, liegt auf der Leistung, die Öffentlichkeit auch heute noch auf die journalistische Bedeutung und Verantwortung in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen.
Die Preise von jeweils 6000 Euro werden in der Regel an fünf Journalisten vergeben, dabei gibt es jeweils zwei in den Kategorien „Lokaljournalismus“ und „Reportage/Essay/Analyse“, sowie einen im Rahmen „Meinung/Leitartikel/Kommentar/Glosse“. Und alle paar Jahre wird zusätzlich ein verdientes „journalistisches Lebenswerk“ ausgezeichnet.

Erinnern soll die Verleihung an den langjährigen Chefredakteur des Berliner Tageblatts. Der jüdisch geborene Theodor Wolff begann seine Karriere mit einer kaufmännischen Lehre bei der Tageszeitung, ursprünglich von seinem Cousin Rudolf Mosse geleitet, und ließ ihr Ansehen in seiner Zeit dort beträchtlich wachsen. Durch seine Korrespondenz in Frankreich lernte er Parlamentarisierung und Demokratisierung schätzen und das Berliner Tagesblatt wurde in Deutschland für seine Fortschrittlichkeit und Liberalität bekannt. Außerdem gründete er die „Deutsche Demokratische Partei“ und sprach sich in der Politik regelmäßig öffentlich gegen die Ziele der damaligen NSDAP aus. 1933 floh er unter Lebensgefahr ins Ausland, wurde allerdings nicht viel später verhaftet und starb letztendlich in der Gewalt der Gestapo. Seine Werke wurden noch zu seinen Lebzeiten öffentlich verbrannt.

Seit 1973 wird der Preis von dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger gestiftet.
Im vergangenen Jahr waren die glücklichen Gewinner in der Kategorie „Lokaljournalismus“ Johannes Ehrmann vom Tagesspiegel mit seinem Bericht „Wilder, weiter, Wedding“ über einen Berliner Stadtteil und Benjamin Piel von der Elbe-Jeetzel-Zeitung, der mit „Bettys erstes Mal“ ein Projekt vorstellt, in dem behinderte Menschen an sexuelle Erfahrungen herangeführt werden.
In dem Gebiet „Reportage/Essay/Analyse“ durften Kai Strittmatter der Süddeutschen Zeitung mit seiner Auslandsreportage „Wolfskind“ aus der Sicht eines chinesischen Kindes über die Kulturrevolution und Kerstin Kohlenberg von der Zeit mit ihrem Artikel „Aufnahme läuft!“ über die anfänglichen finanziellen Schwierigkeiten einer Filmproduktion sich freuen.
Peter Unfried von der tageszeitung erhielt die Ehrung mit seinem Bericht „Auf der Suche nach Adorno“ über die Vorurteile des Bildungsbürgertums in der Kategorie „Meinung/Leitartikel/Kommentar/Glosse“.
Und schließlich wurde noch Rudolph Chimelli ebenfalls von der Süddeutschen Zeitung für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Nun geht es in eine neue Runde. Die Wahlurnen sind offen für jedermann. Auch ein Vorschlag durch einen Dritten, etwa den Verleger oder Chefredakteur, ist möglich. Also lasst die Spitzer warmlaufen, das Blatt bereit gelegt und ran an die Stifte, liebe Schreiberlinge!
Wir sind gespannt, wenn es im Mai wieder heißt…

„Und der Theodor-Wolff-Preis 2015 geht an…“

 

 

 

Quellen

Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger – Die Ausschreibung (07.01.2015)

Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger – Preisträger (07.01.2015)

Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger – Jury (07.01.2015)

Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger – Theodor Wolff (07.01.2015)

Süddeutsche Zeitung (07.01.2015)

Wikipedia (07.01.2015)

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Satire im Blitzlicht der Medien – Der Fall des Dieter N.

geschrieben von in Allgemeines, Medienkritik, PrintmedienKommentare deaktiviert für Satire im Blitzlicht der Medien – Der Fall des Dieter N.

„Wenn man nicht wüsste, dass der Koran Gottes Wort ist, könnte man meinen, ein Mann habe ihn geschrieben.“

Provokante Worte, gut verpackt in Humor – quasi das, was gute Satire ausmacht.

Am 24.10.2014 veröffentlichte die Neue Osnabrücker Zeitung als Erste, dass der Kabarettist Dieter Nuhr (54) für diese und ähnliche Aussagen aus seinen Programmen von dem in Osnabrück lebenden Muslimen Erhat Toka verklagt wird. Die Anklage lautet „Beschimpfung von Religionsgemeinschaften„.
Auf eine Stellungnahme von Herr Nuhr wird hierbei verzichtet. Allerdings nicht freiwillig, so der zuständige Redakteur Rainer Lahmann-Lammert. Er habe mehrfach bei der Agentur des Kabarettisten angefragt, ob die Möglichkeit eines Interviews bestehe und dabei von Anfang an die von Herrn Toka geplante Demonstration am 25.10.2014 vor Nuhrs Auftritt in Osnabrück nicht unerwähnt gelassen.
Ein Termin wird  auch trotz seiner Ankündigung, den Artikel bereits vor dem Samstag der Show herausgeben zu wollen, erst auf den folgenden Dienstag gelegt. Nuhrs Begründung dazu lautete, dass er kein Aufsehen hatte erregen wollen. Ziel der Radikalen Islamisten sei gewesen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zu ziehen, erzeugt durch die einprägsamen Schlagzeilen eines Skandals. Eine Äußerung seinerseits wäre damit pure „Werbung“ gewesen und genau das, was die Demonstranten sich erhofften. Er hatte angenommen, dass auch die Redaktion das berücksichtigen würde und war daher mehr als überrascht über das frühe Erscheinen des Artikels.

Doch im Prinzip hat nie wirklich jemand an die Verurteilung Nuhrs geglaubt. Sowohl in den Kreisen der Comedians, als auch unter den Persönlichkeiten der öffentlichen Medien, war man sich weit verbreitet einig, dass in diesem Fall nicht nur das Recht der freien Meinungsäußerung, das wir in Deutschland genießen, zum Tragen kommt, sondern viel mehr das der Kunstfreiheit, welches noch sehr viel tiefgreifender Kritik und Übertreibung zulässt.
Es ist die Aufgabe des Satirikers sich auf die Bühne zu stellen und durch Spott und Lächerlichkeit Missstände in unserer Gesellschaft anzuprangern und darauf aufmerksam zu machen. Nuhrs Kollege Lars Reichow meint dazu: „Wir Kabarattisten müssen mutig sein, wer soll es denn sonst machen?“

Tagtäglich wird die Bibel auf der Bühne genauso bloßgestellt wie der Koran und es kommt auch immer mal wieder vor, dass Beschwerden von Seiten des Vatikans eingehen, doch um dieses Ereignis mit Dieter Nuhr und dem Islam wird jetzt ein riesiger Hype  gemacht. Da fragt man sich doch, warum? Ist es nicht doch den sensationshungrigen Medien zuzuschreiben?
Laut Nuhr war „Tokas Ziel […] die Skandalisierung – und die Medien haben ihm den Gefallen getan.“ Wenn die ihre Story riechen, kann man „sich auf unsere Presse immer verlassen.
Die gute Nachricht ist, dass für dieses Mal aus genau dieser Aufmerksamkeit auch Vorteile gezogen werden konnten. Nuhr erhielt nicht nur unter seinen Kollegen, sondern auch millionenfach auf den Seiten seiner Social Network-Accounts von allen Seiten Unterstützung und Zustimmung.
Das Ermittlungsverfahren gegen Nuhr ist jetzt eingestellt und die stern-Leserin Cheeba McCheebs kommentiert: „Jeder der was gegen Nuhr zu sagen hat, darf das genau so machen wie Nuhr. Es ist fair, und wenn sich Nuhr über etwas lustig macht stirbt keiner„.

 

 

Quellen:

Neue Osnabrücker Zeitung

Frankfurter Allgemeine

Focus

Allgemeine Zeitung

Die Welt

Stern

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