In Seoul nahm sich im Oktober dieses Jahres Choi Jin Sil, 39, das Leben. Grund für den Selbstmord des TV-Lieblings (SPIEGEL: ?die Julia Roberts Südkoreas?) sollen Online-Attacken sein. In Forumskommentaren und Blog-Einträgen werden viele in der Öffentlichkeit stehende Personen traktiert, allein in den letzten zwei Jahren sind auf diese Weise eine Sängerin, zwei weitere Schauspielerinnen sowie eine übergewichtige Jugendliche, die in einer Abnehm-Show im Fernsehen aufgetreten war, in den freiwilligen Tod getrieben worden.
Südkorea preist sich selbst, das bestverkabelte Land der Welt zu sein, in dem fast alle Zugang zu einer schnellen Internet-Leitung haben. Nahezu jeder Online-Nutzer unterhält dort eine eigene Homepage. Diese Tatsache sollte einen offenen Online-Diskurs und Transparenz schaffen und der Wahrheitsfindung dienen. Stattdessen klagt ein führender Politiker: ?Das Internet bei uns hat das Niveau einer Klowand.?
Offline sind Koreaner ein sehr zurückhaltendes und diszipliniertes Volk. Online nehmen viele jedoch keinerlei Blatt vor den Mund. Durch die Anonymität des Internets geschützt mutieren Kinder, Hausfrauen und Büroangestellte zu Stalkern, Gerüchteverbreitern und Rufmördern. Aus Frust und Langeweile wird Cyber-Terror.
Haben die ?Rächer? ein Opfer gefunden, bleibt es nicht bei einem Tadel oder negativer Meinungsäußerung. Fotos werden veröffentlicht, die Adresse, Telefonnummer, der Name des Partners, der Arbeitgeber. Nachrichten wie ?Verpiss Dich?, ?Dreckschwein?, ?In der Hölle sollst Du brennen?, ?Wir bringen Dich um? verhöhnen die Opfer im Netz.
Südkoreanische Psychologen warnen: ?Gerüchte und üble Nachrede haben gerade im Internet eine vernichtende Wirkung. In der echten Welt verhallen die Worte, aber im Netz bleiben sie lange Zeit erhalten, einsehbar für Millionen. Viele Täter verwechseln die Welten. Die Gewalt, die sie aus Online-Spielen kennen, prägt ihr Verhalten im ganzen Internet. Ihnen ist nicht bewusst, dass sie nicht Programmen, sondern Menschen begegnen.?
Aus diesem Grund will die konservative Regierung jetzt ein ?Choi-Jin-Sil-Gesetz? verabschieden. Damit soll dem Internet-Lynchmob Einhalt geboten werden. Anonymität soll damit abgeschafft werden. Kommentare ohne Namen sollen von allen Seiten verschwinden, nur derjenige, der sich mit realem Namen anmeldet, darf dann einen Beitrag veröffentlichen. Beleidigungen und übler Nachrede drohen dann bis zu zwei Jahren Haft. Mehr als 900 Cyber-Polizisten sollen das Geschehen online bewachen. Wenn diese Verstöße feststellen, sollen sie sogar dann weiter ermitteln dürfen, wenn das Opfer der Attacken selbst keine Anzeige stellt. Die Folge ist: Was verletzend ist, das entscheidet die Staatsgewalt.
Kritiker sehen darin die Einführung einer Zensur. Freie Meinungsaüßerung wird beschränkt, Firmen, Organisationen oder Parteien können Anklage erheben, wenn sie sich zu Unrecht kritisiert fühlen. Wird zukünftig jemand im Gefängnis landen, der Kritik an der Regierung übt?
Quelle: SPIEGEL Nr. 45