?Journalismus? ? ein Relikt des 20. Jahrhunderts

Chris Anderson, Bestseller-Autor von ?The Long Tail?, spricht im SPIEGEL-Interview über die ?merkwürdige Übergangsphase? und die ?Umsonst-Wirtschaft?

Den Begriff ?Journalismus? und großen Fragen zu diesem kann Chris Anderson schon gar nicht mehr hören.
Für den Erfinder der Online-Bannerwerbung sind sie und der Beruf des Nachrichten- Recherchierens und -Verbreitens im klassischen Sinne ein auslaufendes Modell. ?Sie definieren das Verlagsgeschäft des 20. Jahrhunderts. Heute sind sie eine Bürde. Sie stehen uns im Weg, wie eine Kutsche ohne Pferd?, bringt es Anderson auf den Punkt.
Nachrichten in Hülle und Fülle liefert heute jeder billige Provider. Anderson sieht die Zukunft des „Ex-Onlinejournalisten“ im Aggregieren, Filtern und Einordnen von Nachrichten und im Aufbauen und Betreiben von Netzwerken und Communities.
Der SPIEGEL-Interviewer stichelt den für 50 000-Dollar-Honorare zu Vorträgen buchbaren Amerikaner bewußt mit den stadtbekannten Argumenten (mit erhobenem Zeigefinger) klassischer Medienvertreter gegen die twischternde Syndication-Gemeinde: ?Das Gezwitscher ist aber kein Ersatz für so schnell, umfssend so gründlich recherchierte Berichte, Reportagen und Analysen der Qualitätsmedien.?
Für Anderson befinden wir uns in einer dieser merkwürdigen Übergangsphasen der Medienevulotion. Einige versuchen sich immer noch an das Alte, was doch so lange so gut funktionierte, fest zu klammern. Dieses Wehren gegen Umdenken und Veränderung führt zu Borniertheit und ? was noch viel schlimmer ist ? zu Insolvenzen.
Dabei ist aus der Vergangenheit hinreichend abzulesen, dass bisher kein wesentliches Medium durch das Entstehen eines anderen verdrängt wird und wegstirbt, sondern sich lediglich verändern bzw. anpassen muss.
Viele Nachrichtenhäuser, die schon seit Jahren durch crossmediale Onlineangebote versucht haben sich anzupassen, verlieren aber langsam die Geduld, da sie trotz ihrer abermillionen Visits, Unique Users, Impressions etc. immer noch kein Geld mit dem Internetgeschäft verdienen, teilweise noch nicht mal kostendeckend arbeiten.
Der Herausgeber der Los Angeles Times, Russ Stanton, nannte das einmal ?die Paradoxie des Geldverdienens im Onlinejournalismus?.
Anderson, Herausgeber des ?WIRED?, hat zwar auch noch kein passendes Geschäftsmodell parat (?danach suchen wir noch?), sieht aber die entscheidende Hürde in der Effizienz von Onlinewerbung.
Solange die Tausenderraten für Printanzeigen 100 Dollar einbringen und für Onlineanzeigen nur 22 Dollar, wird es keinen ökonomischen Durchbruch geben. Und in dieser Übergangszeit muss man einfach mit der Umsonst-Wirtschaft mitspielen; dass heißt konsequent kostenlos anbieten und versuchen diesen Markt zu analysieren und zu verstehen, um irgendwann einen Weg zu finden. Fast Paradox, dass gerade der Print-SPIEGEL, dessen Auflage auch nur noch mit Bordexemplaren die Millionengrenze aufrecht erhalten halten kann (s. Bericht), so kritisch hinterfragt, wobei doch gerade dessen Onlineschwester zu den wenigen ökonomisch erfolgreichen Anbietern gehört.

Quellen: DER SPIEGEL 30/09

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