Kavka und die Hessenwahl

Ich hatte es gar nicht mitbekommen und war überrascht und irritiert zusammen. Markus Kavka kümmert sich beim ZDF im Netz um die heute stattfindende Landtagswahl in Hessen. Nun gibt es zwei Möglichkeiten diesen Beitrag hier zu verfassen. Erstens wäre es denkbar über den qualitativen Niedergang von MTV zu sinieren und zweitens wäre es möglich zu fragen, was eigentlich Markus Kavka zum Web2.0-Hessenwahl-Experten macht.

Ersteres nur ganz kurz: Dass Kavka bei MTV nicht mehr glücklich werden würde, war schon länger bekannt. Die MTV-News weg, die Rockzone weg, Kavka weg. (Bis auf wenige Ausnahmen bei TRL oder brand:neu.) Mit Kavka geht ein – für einen Musiksender mittlerweile wohl zu altes – Urgestein, der mich in meiner Jugend-Zeit, in der ich häufiger beim Musikfernsehen hängen geblieben bin, begleitet hat. Die jetzige Pubertätsgeneration und die zukünftigen müssen wohl mit Schnuffi-Klingeltonwerbung, haufenweise Dating- und anderen Unterhaltungsformaten, einen Teil Musik und ohne Kavka auskommen.

Nun aber weiter in meinem Vorhaben, den Bogen zur Hessenwahl und zum ZDF zu spannen. Was macht Markus Kavka nun beim ZDF? Er soll scheinbar Seriosität, Coolness und Jugendlichkeit in der Wahlberichterstattung zu einem Rundum-Sorglos-Zuschauernachwuchspaket verpacken. Da passt eine Web2.0-Berichterstattung natürlich perfekt ins Profil. So heißt es dann auch beim ZDF: „Er sieht eine Chance, über die neuen Medien vor allem bei Jüngeren mehr Interesse für Politik zu wecken […]“. Er sei davon überzeugt, dass das Internet und Sendungen, wie sie jetzt zur Hessenwahl ausgestrahlt werden und bereits zur US-Wahl erprobt wurden, der Politikverdrossenheit bei jungen Leuten entgegen wirken könnten.
So wird Kavka heute wohl vor allem eines tun: Mit flotten Moderationen im Hörsaal der Uni Gießen sein Studierendenteam bei Laune halten und nebenbei noch skypen und twittern. Ich bin gespannt, wie das bei der Zielgruppe – ich zähle mich und viele LeserInnen dieses Blogs jetzt mal dazu – ankommt. Vor allem bin ich gespannt, wie viel Fachwissen dort ausgetauscht wird und wie tief die Analyse der Web2.0-Potenzialausschöpfung seitens der politischen Parteien geht. Ach ja, damit nicht nur Coolness und Kommunikationsfragen nicht zu kurz kommen, sorgt der allen ZDF-Zuschauern wohlbekannte Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte für die Erläuterung der Wahlergebnisse.

Eine interessante Frage, die sich mir bei der Programmankündigung stellt, ist: Müssen aktive Blogger, Twitterer und Web2.0-Junkies überhaupt für Politik sensibilisiert werden? Oder ist der Personenkreis, der dort als Zielgruppe eines solchen Formats in Betracht kommt, schon überaus gut gebildet und politisch interessiert? Außerdem bin ich gespannt, wie dem Umstand Rechnung getragen wird, dass das Web im US-Wahlkampf – wie Klaus Kleber bei der Nacht im Netz demonstriert hat – einen anderen Stellenwert hat und hatte, als dies in deutschen Landtagswahlkämpfen der Fall ist.

Markus Kavka und sein Team werden hoffentlich eine Antwort geben. Mein Tipp also für heute Abend: http://wahlimweb.zdf.de/

Über das Gesehene können wir uns ja in den Kommentaren austauschen.

(via medienrauschen und spreeblick)

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3 Gedanken zu „Kavka und die Hessenwahl

  1. Sicherlich musste das ZDF bei dieser Programmankündigung die inzwischen allzu gebräuchliche Formel „Web2.0 + Politik = mehr Politikinteresse/-begeisterung bei Jüngeren“ einfach verwenden. Bei aller Vorsicht gegenüber Generalisierungen bezweifel ich jedoch auch stark, dass bereits aktive Blogger und Twitterer – was gewissermaßen ja die Nutzungsvoraussetzung für dieses Angebot darstellt – für den Themenkomplex Politik/Wahlkampf in irgendeiner Weise sensibilisiert oder gewonnen werden müssten.
    Interessant in diesem Kontext ist übrigens auch die Pressemitteilung der Justus-Liebig-Universität Gießen, dem Mitorganisator dieses Formats. Dort heißt es: „Sie [die Sendung, D.R.] ist aber mehr als nur eine punktuelle Ergänzung zum TV-Programm, sondern versucht der Internet-Gemeinde am Wahlabend ein eigenes Angebot zu machen, das den Gesetzen und Bedürfnissen des Webs folgt.“
    Letztlich also doch (nur) Zielgruppenfernsehen, das der Politikverdrossenheit gar nicht entgegenwirken kann/will?

  2. Nachtrag zu meinem gestrigen Kommentar: Wie es scheint ging die Rechnung – zumindest jene, des Zentrums für Medien und Interaktivität (ZMI) der Universität Gießen – auf, denn der Web2.0-Gemeinde scheint die Sendung bzw. das Format größtenteils gefallen zu haben. Einen Eindruck gibt es bei zweipunktnull.

  3. Habe das Ganze leider nicht mitverfolgt, da eben erst in deinem Blogeintrag gelesen. Muss aber sagen, dass es sich vom Konzept und Prinzip her vielversprechend anhört. Markus Kavka schätze ich auch so ein, dass er hier mit seiner ruhigen, unaufdringlichen doch unterhaltsamen Art auch eine junges Publikum wieder an die Politik heranführen könnte und dies ganz ohne plumpe Blödelattacken. Vielleicht birgt gerade eben die vergangene Wahl in die USA die Chance, junge Leute wieder verstärkt für Politik begeistern zu können, gerade in diesen Zeiten, wo politische Partiziaption um so wichtiger ist. Ob meine zugegebenermaßen naiv klingenden Hoffnungen erfüllt werden, werden wir ja in diesem Wahlmarathonjahr beobachten können

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