Ranickis Tanz aus der Reihe

geschrieben von bart2c01 in AllgemeinesKommentar schreiben

Ein wenig erinnerte der Auftritt von Marcel Reich-Ranicki an den Contenanceverlust eines ehemaligen Fußballbundestrainers nach der Negativnachberichterstattung über ein Qualifikationsspiel aus dem Jahre 2004.
Genau wie damals trat ein aufgestautes Bedürfnis zur Offenlegung einer Wahrheit über ein Medienereignis zu Tage. Die Brisanz: Im Falle des “Deutschen Fernsehpreises” bzw. deutschen Fernsehens basiert die Funktionsweise des Ereignisses bzw. Systems eigentlich darauf, dass man auf ein gegenseitiges Vertrauen bauen kann; nämlich auf das des Schutzes des eigenen Mediums. Reich-Ranicki passte gerade deswegen “nicht in die Reihe der Preisgekrönten”, weil er mit diesem “Interbankensystem” der deutschen Fernsehbranche brach. Neben reinen Print- und Netzjournalisten kann sich so viel Ehrlichkeit und Mut nur jemand leisten, der nicht (mehr) selber vom Feld ernten muss, welches er besäht.
Selbstverständlich muss auch Ranickis Rede unter den Umständen der Emotionalität und Gesinnung gesehen werden. Außerdem: Was Qualität und Niveau des Fernsehens sind, bleibt – um ehrlich zu bleiben – Ansichtssache. Nur weil ARTE Arte heißt und 3sat Dreisat und beide sich als Kultursender preisen, sind sie noch lange nicht unumstrittene Niveausender. Genauso wenig beweist die reine Quote irgend etwas (s. “Free Rainer“). Von Literatursendungen bis 9live: der Markt bietet immer das ganze Spektrum, da es für alles Zielgruppen bzw. Bedürfnisse gibt und geben wird. Letztendlich muss dieser Fernsehfreiheit nur eines zugetan werden: die berühmte Metaebene, nämlich echte Fernsehkritik im Fernsehen; keine reinen Sendungsparodien wie “Switch” oder “Kalkhofes Mattscheibe”, viel ernsthafter als die subjektiven Nachtritte á la “Schmidt und Pocher” und medienspezifischer als “Zapp”.
Das muss gar nicht dazu führen, dass jeder Sender seine eigene Fernsehkritik unterhält, um die Konkurrenz zu “beschießen”. Es würde auch ganz neutral genügen mit aufklärerischen Angeboten, wie Fernsehen gemacht wird, Formate produziert werden, die ökonomischen Motive aussehen etc.
Vielleicht führt Ranickis Donnerschlag dahingehend zu einem Art Startschuss eines fernsehkritischen Diskurses – geführt im Fernsehen.

2 Kommentare zu “Ranickis Tanz aus der Reihe”

  1. So Do Media: Filmblog - Medienblog » Blog Archive » Marcel Reich-Ranicki lehnt ab Video bei Youtube sagt:

    [...] Trierer Medienblog hat sich dem Thema jetzt auch [...]

  2. Johannes Pütz sagt:

    Die Hochkultur in Deutschland ist in Gefahr – zumindest versendet sich nur noch das zur besten Sendezeit was absolut breitenwirksam ist und die totale Quote bringt: “Deutschland sucht den Superstar”.

    Superlativen in der Preiskritik überschlagen sich. BILD schreibt von der besten Unterhaltungssendung, die in diesem Lande je gesendet wurde. Und die Gala des Deutschen Fernsehpreises bietet Möchtegern-Moderatoren wie Marco Schreyl auch noch die Plattform die intellektuelle Elite dieses Landes als “Schreiberlinge” ohne Publikum zu beschimpfen.

    Wer dem Ausschnitt von Reich-Ranickis Kritik YouTube sei Dank nochmal schaulauschen möchte, sieht das verdutzte Gesicht von Schreyl. Ihm fehlten da wohl die Worte.

    Reich-Ranicki hat recht. Das kann nicht oft genug gesagt werden. Die Analyse ist treffend und auf Arte laufen noch die letzten guten und anspruchsvollen Formate. Alleine die Konsequenzen werden uns die Programmdirektoren in den Sendeanstalten – egal ob öR oder privat – wieder einmal mehr schuldig bleiben, was zu befürchten war. Es erinnert ein wenig an die Finanzmarktkrise. Da werden schnell mal Milliarden – im Fernsehen Millionen – vom Bürger investiert und die Kontrolle von Qualität und doppelter Verantwortung der Sender bleibt auf der Strecke. Mit dem Vertrauen in eine gute Mischung aus Unterhaltung und Information im Medium Fernsehen wird es auf Dauer so gehen wie mit den jetztzeitigen Entwicklungen in der Bankenkrise.

    MRRs Kritiker-Kollege aus dem Literarischen Quartett Hellmuth Karasek knüpft einstweilen an Enzensbergers Nullmedium-Kritik an und bringt es auf den Punkt: »Das Fernsehen ist wie eine Teflon-Pfanne – jede Kritik prallt ab.«

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