Du bist Deutschland-Stammt das Motto der Kampagne ursprünglich aus dem 3. Reich?

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Seit dem 17.11. kursiert in der Blogossphäre und auf anderen Seiten, wie indymedia, ein Foto, auf dem ein riesiges Banner, umgeben von uniformierten Männern, mit Adolf Hitler Portrait zu sehen ist unter dem der Spruch steht »Denn du bist Deutschland«. Das Foto stammt, soweit die Recherche der Blogger bisher, wohl aus dem Buch: Stadtarchiv Ludwigshafen am Rhein (Hrsg.): Ludwigshafen – ein Jahrhundert in Bildern. Unsere Stadt im 20. Jahrhundert, Ludwigshafen am Rhein 1999. Es scheint dementsprechend keine Fälschung zu sein.

Der Leiter des Kampagnenbüros der aktuellen Werbekampagne Lars Cords distanziert sich im Kommentar auf dem Blog Spreeblick von Nationalsozialismus, Rassismus und neonazistischem Gedankengut. Distanzierung ist in dem Fall ja das Beste, was man machen kann! Aber kann man der Agentur nicht vorwerfen, schlampig recherchiert zu haben für eine Kampagne, die deutschlandweit die Leute aus einer Lethargie reißen, Eigenverantwortung entfachen und ein neues Nationalbewusstsein wecken wollte?

Ergänzung: Ich wollte mit diesem Posting keinesfalls die DU BIST DEUTSCHLAND-Kampagne in Verruf bringen und unterstelle den Verantwortlichen auch keineswegs unlautere Absichten. Ich wollte hier nur darauf hinweisen, dass man in Deutschland vorsichtig bei der Formulierung solcher Slogans sein sollte, wenn man nicht von bestimmten Leuten, zu denen ich mich selbst nicht zähle, in eine bestimmte Ecke gestellt werden will. Gerade wenn es sich um eine Kampagne handelt, die von allen größeren national agierenden Medien mitgetragen wird. Außerdem könnt Ihr ja selbst sehen, dass das Thema insgesamt kontrovers diskutiert wird (deswegen noch mal ein Link zu Spreeblick, hier schon über 380 Kommentare) . Ob nun der Nachrichtenwert eher hoch oder niedrig ist, sei nun einmal dahin gestellt. Ich habe die Meldung hier nur erwähnt, weil ich es interessant fand, dass der gleiche Slogan scheinbar schon einmal aufgetaucht und missbraucht worden ist.

Gerade weil ein Weblog ein Weblog und keine Tageszeitung ist, ist ja auch nicht der Nachrichtenwert ausschlaggebend, sondern wohl eher die Offenheit und die Möglichkeit der Diskussion. Gerade bei einem Thema wie dem Nationalbewusstsein der Deutschen kann man doch eine kontroverse Diskussion entfachen. Wahrscheinlich können die meisten Weblogs in Sachen Nachrichtenwert und Exklusivität eh nur einen lokalen oder sogar mikrolokalen Bereich bedienen, da den Autoren die Ressourcen professioneller Journalisten fehlen.

13 Kommentare zu “Du bist Deutschland-Stammt das Motto der Kampagne ursprünglich aus dem 3. Reich?”

  1. Wiebke sagt:

    Hm schwierig…aber die Kampage im 3. Reich scheint ja nicht so bedeutend gewesen zu sein oder? Außerdem SIND wir Deutschland, und rassistisch muss dass dann noch lange nicht sein, auch wenn Hitler es mal gesagt hat.
    Ich tue mich mit diesem „wir dürfen nicht stolz sein“ immer ein bisserl schwer, denn wir sollten stolz auf Deutschland sein. Und das ist überhaupt nicht rassistisch oder irgendwie rechtsradikal gemeint.
    So eine Agentur kann ja wohl nicht jedes kleine Hitler Bild anschauen…da hatte wohl jemand zu viel Zeit.

  2. Julian Schmitt sagt:

    Is tatsächlich schwierig!
    Jedoch denke ich, man sollte auch mal die guten Seiten betrachten! Meiner Meinung nach sollten die Menschen in Deutschland ganz dringend mal ihr Selbstmitleid aufgeben…..so schlimm is hier alles nämlich gar nicht!

    Und so eine Werbekampagne mit einem Haufen Promis ist mit Sicherheit der richtige Weg, alle Bevölkerungsgruppen zu erreichen und eventuell auch zu überzeugen!

  3. Stefan sagt:

    Eine interessante Fragestellung ist ja auch, inwieweit es gut ist, dass dieses Thema jetzt so hohe Wellen schlägt. Es ist ja denke ich klar, dass die Werbeagentur keine Assoziationen mit dem dritten Reich erreichen wollte. Könnte das dann nicht jetzt dazu führen, dass Blogger eher ein negatives Image angehängt bekommen, so nach dem Motto: Die suchen nur etwas, um damit die Kampagne in den Dreck zu ziehen? Wäre es weiterhin die Aufgabe der Werbeagentur gewesen zu recherchieren in welchen Zusammenhang ein ähnlicher Slogan schon einmal aufgetaucht ist?

  4. Britta Behrens sagt:

    Zu deiner Überschrift: Ich finde sie absolut unpassend, da du mit dieser Frage etwas suggerierst was absolut an den Haaren herbei gezogen ist.

    Stimme Julian und Wiebke völlig zu. Ich bin selbst stolz auf das Land und wir brauchen uns nicht verstecken. Dieser elende Pessimismus der auch u.a. über die Medien verbreitet und thematisiert wird, nervt.

    Zu Stefan: Ich denke nicht, dass Blogger ein negativ Image bekommen, da sie ordentliche Recherche betrieben haben und fundierte Fakten zu dem Bild lieferten. Einige Leute kritisierten von sich aus die Kampagne, aber durch das Bild wollte niemand „Du bist Deutschland“ diffamieren.

    Eine schlechte Recherche kann man der Agentur nicht vorwerfen. Das wäre ja wie die Nadel im Heuhaufen zu suchen. Gut an der Story finde ich, dass durch diese Art Netz-Journalismus Dinge ans Tageslicht kommen, die aufgrund der Selektion und Informationsflut der Medien untergehen, oder auf die Journalisten nicht stoßen. Jeder von uns kann als Blogger rasender Reporter werden. Sofern die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt ist und das Interesse weckt, breitet sich eine solche Nachricht aus wie ein Lauffeuer.

  5. Kaffeebert sagt:

    Ich denke absolut nicht, dass ich mit dieser Überschrift etwas suggeriere, was an den Haaren herbeigezogen ist. Die Überschrift reißt das Thema des Artikels als Frage (siehe Fragezeichen) an. Ich behaupte ja nicht in der Überschrift, dass die Kampagne absichtlich von der Werbeagentur instrumentalisiert wurde oder ähnliches!! Dass der Slogan aus dem 3. Reich stammt, ist durch das Foto bewiesen, denke ich.

  6. Stefan sagt:

    Auch wenn du deine Überschrift als Frage formulierst suggerierst du denke ich doch einen Zusammenhang zwischen der „Du bist Deutschland“-Kampagne und einem ähnlich verwendeten Spruch aus dem Dritten Reich. Ob man im Zusammenhang mit dem Bild von „einem Slogan aus dem 3. Reich“ sprechen kann weiß ich allerdings nicht.
    Generell ist mir dieses Thema viel zu groß gemacht worden. Die gute Absicht der Kampagne wird dadurch ins Gegenteil verkehrt.

  7. mediamirror.twoday.net sagt:

    Kampagnenjournalismus in Weblogs

    Eigentlich hatte ich nicht vor, mich zu der Sache mit der „Du bist Deutchland“-Kampagne zu

  8. Kaffeebert sagt:

    Ich will hier noch mal kurz erlätuern, warum man die Kampagne und den Slogan auch negativ bewerten kann: Wenn man in die Geschichte der politischen Ideen schaut, dann entdeckt man auch irgenwann Rousseau, bei dem jeder ein Teil des Staates ist, aber der Staat nur von einem Willen (Volkswillen) gelenkt wird. Rousseau wird von manchen Leuten, obwohl er eigentlich nur den typischen bürgerlichen Denken (engl. Vertragstheoretiker) widersprochen hat, mit seiner identitären Direktdemokratie als Vordenker eines totalitären Regimes dargestellt. Wenn ich dann auf einen Satz wie »Du bist Deutschland« stoße und an einen Staatskörper denke, der aus vielen Teilen (jeder von uns) aber nur einem Willen (liberales Wirtschaftssystem oder Marktdiktat) besteht, was passiert dann wohl? Ich habe eine negative Konnotation, wenn ich an eine solche Kampagne denke. Es geht zwar nicht um ein totalitäres Regime hier. Aber es geht darum, gegenüber dem deutschen Bürgern, die sich eigentlich meiner Meinung nach nicht mit Standortpatriotismus zufrieden geben sollten, sondern sich als EU-Bürger fühlen sollten, eine Politik der sozialen Kälte zu rechtfertigen. Diese Politik ist nur nötig (in dieser schnellen Umsetzung), weil unter sechzehn Jahren CDU Reformen verpennt worden sind, die im Prinzip schon Anfang der Achtzigerjahre notwendig waren. Das ist meine Meinung, aber als Demokrat akzeptiere ich auch jede andere Meinung. Wenn jemand eine solche Kampagne braucht um klar zu kommen, ist das ja auch OK.

  9. hein3301 sagt:

    Ich gestehe Dir Deine negative Konnotation in Bezug auf diese Kampagne selbstverständlich zu, nur Dein Rousseau-Vergleich hinkt einfach. Rousseaus Konzept ist es inhärent, dass man es als wegbereitend für einen totalitären Staat sehen kann ? Kritiker Rousseaus allerdings unterstellen Rousseau jedoch nicht die Intention, den totalitären Staat mit seiner Theorie zu propagieren. Deine zunächst geäußerte Kritik an der Kampagne ist jedoch nicht inhärent in der Kampagne festgemacht, sondern über einen Vergleich mit der Tatsache, dass auch im Dritten Reich dieser Satz als Propagandaparole gebraucht wurde.
    Gleichzeitig denke ich, dass Deine Ansicht von der Existenz nur eines Willens in der Bundesrepublik einer realistischen Grundlage entbehrt. Außerdem rechtfertigt doch diese Kampagne keine Politik der sozialen Kälte, da sie nicht von Politikern sondern als ?unparteiische und unpolitische? Initiative von Medienleuten initiiert wurde, welche wohl sicher nicht alle einer Indoktrination durch die Politik zum Opfer gefallen sind.

  10. Stefan sagt:

    Interessanter Kommentar, auch wenn ich inzwischen die Kommentare zu diesem Beitrag mehrmals lesen muss 🙂

  11. Kaffeebert sagt:

    Sorry, dass ich hier immer wieder interveniere, aber ich mach das, um meinen Standpunkt klarzumachen. An hein3301:Ich möchte hier ein Zitat anbringen, das sich auf Fehlinterpretationen Rousseaus durch z.B. die Jakobiner während der französischen Revolution oder auf Carl Schmitt mit seiner plebiszitären Führerdemokratie bezieht. Rousseau „machte durch die Lehre vom allgemeinen Willen die mysthische Identifizierung eines Führers mit seinem Volke möglich, die einer Bestätigung durch so irdissche Einrichtung wie zum Beispiel einer Wahlurne nicht bedarf.“ (Russel, Bertrand: Philosophie des Abendlandes, München 2004.) In Sachen Gemeinwille habe ich absichtlich ein bisschen polarisiert. Natürliche ist Deutschland ein pluralistisches Land! Ich denke nur, dass im Moment bzw. schon länger der wirtschaftliche Diskurs soweit in den Mittelpunkt gerückt wurde , dass andere Diskurse bzw. Debatten sich nur in gesellschaftlichen Randbereichen etablieren können. Ein Beispiel sind die jüngsten Aussagen der Kanzlerin zur Kulturpolitik: „Kultur als Investition […]“. Tschuldigung, dass ich dieses Zitat aus dem Zusammenhang reiße, aber allein den Begriff Kultur mit dem wirtschaftlichen Begriff Investition zu kuppeln ist schon diskussionswürdig. Ist nur das Kultur, was wirtschaftliche Gewinne einbringt?

  12. Kaffeebert sagt:

    Ich hab die Seitenzahl vergessen beim Zitat: S. 708.

  13. hein3301 sagt:

    Ich habe nicht bestritten, dass Rousseau Ansatzpunkte zu einer solchen Interpretation liefert – das ist mir durchaus klar. Werde mal bei Russel nachlesen und dann vielleicht nochmals kommentieren 😉
    Dein Hinweis auf die Wirtschaftslastigkeit unserer Debatten ist natürlich nachvollziehbar – ich fand nur wirklich Deine erste Aussage sehr dezidiert.

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