Ein Berufsstand schonungslos in der Kritik
geschrieben von Marcel Piest in Allgemeines, MedienkritikKommentar schreibenJournalisten sind Herdentiere. Journalisten übertreiben. Journalisten sind faul. Journalisten sind eitel. Journalisten sind vergesslich. Journalisten sind oberflächlich. Medien sind gierig. Zu diesen Ergebnissen kommt Jens Bergmann von “brand eins” nach einer schonungslosen Analyse des journalistischen Berufsstandes in seinem Beitrag “Schlimmer geht immer”. Seine Argumentation lässt sich folgendermaßen zusammenfassen:
Das Beispiel “Maddie” machte deutlich, dass Journalisten reflexartig agieren und dabei seien die Journalisten vollkommen aus ihrer eigentlichen Rolle als unabhängige Beobachter ausgeschert. Helfer bei der Suche, Ankläger, die auch die Eltern ins Visier nahmen, Empörte über die Titanic-Satire – So die Stationen der Verwandlung.
Warum müssen Journalisten übertreiben? Laut Bergmann ganz einfach: Es gibt einfach nicht genug Nachrichten. So werden Themen gepusht, skandalisiert und übertrieben: Vogelgrippe, Gammelfleisch und jedes Umweltproblem wird zur Katastrophe. In der politischen Berichterstattung aus Berlin löse eine “Nicht-Nachricht” die andere ab.
Und wenn es dann mal Nachrichten gibt, bedeute das noch lange nicht, dass auch darüber berichtet wird. Nachrichten müssen ins Raster des jeweiligen Mediums passen. Stories ohne Prominente und ohne gute Bilder zur Illustration hätten es beispielsweise all zu oft schwer. Interessengruppen hätten es hingegen einfacher. Sie liefern den Journalisten genügend Futter, das diese nur noch aufnehmen müssten. Journalisten sind faul. Politiker hätten das sehr gut verstanden, so dass ihre Inszenierungen öffentlichkeitswirksam sind, egal wie viel Substanz dort zu holen sei, so Bergmann.
Journalisten vergessen ihr “Geschwätz von gestern”. Die Regierung wird erst bejubelt und später verdammt. Vergesslichkeit sei eine Voraussetzung für ständige Aufgeregtheit, schreibt Bergmann. Vor allem aber die eigenen Fehler räumten die Medien nicht ein. Kein Geheimnis: Rügen des Deutschen Presserats bleiben folgenlos und werden nicht an die große Glocke gehangen.
Eine weitere Erkenntnis: Boulevardthemen sind in allen Redaktionen angekommen. Selbst die öffentlich-rechtlichen Programme haben sich darauf eingelassen. Beispiele lassen sich auch in diesem Weblog genug finden. “Das Geschäft mit den Emotionen ist leichter kalkulierbar und verspricht höhere Rendite.” Die Gehälter für Qualitätsjournalisten ließen sich einsparen und in teure Bildrechte an Promifotos investieren.
Gierige Medienunternehmen machen mit Schleichwerbung auf sich aufmerksam und verkaufen unter ihrer Marke u.a. Wein, Filme, Bücher. Das eigene Sortiment wird gern auch im redaktionellen Teil beworben. Trennung von werbung und Redaktion Fehlanzeige.
Ich finde, da ist erschreckend viel Wahres dran. Und vieles davon lässt sich darauf zurückführen, dass Medien ein Doppelleben führen. Der Auftrag, den sie für die Öffentlichkeit wahrnehmen, ist allzu häufig nicht mit ihrem Dasein als Wirtschaftsunternehmen zu vereinbaren. Immer schneller, immer neuer, immer aufregender – nicht immer bedeutet das auch mehr Qualität. Zudem führt uns diese Bestandsaufnahme vor Augen: Wir brauchen Medienkritik, heute vielleicht mehr denn je.
4 Kommentare zu “Ein Berufsstand schonungslos in der Kritik”
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2. February 2008 um 18:18
Auch ich denke, dass darin ein wahrer Kern steckt. Im Zuge der zunehmenden Kommerzialisierung der Medien werden immer neue Methoden zum Hervorrufen von Aufmerksamkeit gesucht. Dass der ursprüngliche Auftrag der Medien dabei auf der Strecke bleibt ist daher nicht verwunderlich.
3. February 2008 um 10:10
Es besteht aber meiner Meinung nach auch immer noch ein Unterschied zwischen den Journalisten, den “Medien”, Medienunternehmen und der Redaktion. Hier werden vier verschiedene Bereiche völlig ohne Kontext vermischt…
3. February 2008 um 10:54
Natürlich wird hier Wahres angesprochen, aber Vorsicht vor Generalisierungen! “Die Journalisten” und “Die Medien” gibt es nicht. Bemühungen vieler Einzelner, kritische, auch medienkritische Berichterstattung zu liefern, fallen dabei hinten runter. Und ob Bücher oder Filme anzubieten Schleichwerbung ist oder der Versuch, Leser zu generieren, sollte zumindest in Frage gestellt werden.
Wer “den Medien” unterstellt, zu unkritisch und zu oberflächlich zu sein, sollte nicht selbst die angeprangerten Fehler machen.
11. February 2008 um 08:23
Wenn man von der Gefahr von Verallgemeinerungen mal absieht, spricht der Beitrag aber ein wichtiges Thema an. Vor allem Boulevard-Medien haben emotionale Aufbauschung von Themen geradezu zur Strategie gemacht und kümmern sich kaum um Themen, die sich schlecht emotionalisieren / skandalisieren lassen – siehe das Paradebeispiel BILD. Themenkarrieren dort verlaufen immer wieder nach dem Muster Aufgreifen –> Aufbauschen und Leser aufregen –> Lösung präsentieren und Leser wieder beruhigen. Das sorgt dafür, dass Leser jeden Tag wieder kaufen, weil sie wissen wollen, wie’s weiter geht. Aus wirtschaftlicher Sicht sicherlich eine tolle Strategie…