Masse statt Klasse – Fressoffensive im deutschen Fernsehen

geschrieben von in Allgemeines, Fernsehen, MedienkritikKommentar schreiben

Kochen und Essen haben derzeit Konjunktur im deutschen Fernsehen. Kaum ein großer Sender, der nicht verschiedenste Akteure an die Teller und Herdplatten lassen würde. Amateure und B-Promis versuchen sich am Perfekten Dinner, die Koch-Elite gastiert einmal die Woche bei Kerner und Tim Mälzer lädt zur Kocharena. Eines ist all diesen Sendungen gemein: hier wird die Koch- und Küchenkultur großgeschrieben, zumindest ist das der Anspruch. Ein Anspruch, der gerne auch mal schnell abhanden kommen kann, wie Kabel1 und ProSieben in einzelnen Formaten eindrucksvoll unter Beweis stellen. Wenn sich im Rahmen von Abenteuer Alltag oder Wunderwelt Wissen mit „Essen“ beschäftigt wird, dann dominieren vor allem drei Buchstaben: XXL. Aufgesucht werden dabei Restaurants mit immer größeren, geradezu monströs anmutende Portionen. Hamburger im Umfang von Autoreifen, Knödel in Fußballgröße, Menschen die sich mit übergroßem Besteck durch diese Riesenportionen quälen und die Message, das ganze sei schmackhaft, erstrebenswert und das Nonplusultra. Jeder einzelne dieser Beiträge zeichnet immer ein und dasselbe Bild.
Mir stellt sich angesichts alldem die Frage nach dem Warum. Sollen die Zuschauer etwa gemästet werden? Gemästet um den kalten Winter zu überstehen? Ich weiß es nicht. Mit erschließt sich der Sinn dieses XXL-Hypes nicht. Auch deshalb nicht, weil das Bundeskabinett angeleitet von der Erkenntnis, wir Deutschen seien zu dick, erst im Mai diesen Jahres einen Fünf-Punkte-Plan mit dem Titel „Fit statt Fett“ verabschiedete. Zu jener Zeit setzten sich ProSieben und Co. auch noch ganz anders mit dem Thema „Essen“ auseinander. Damals besuchte ein Mann names Stefan Frädrich übergewichtige Familien, räumte kurzer Hand den Kühlschrank aus und verordnete Vollwertkost. Angesichts des gegenwärtigen XXL-FastFood-Booms könnte Herr Frädrich bald wieder einiges zu tun haben. Oh, siehe da, eine neue Staffel seiner Sendung befindet sich gerade in der Produktionsphase

3 Kommentare zu “Masse statt Klasse – Fressoffensive im deutschen Fernsehen”

  1. veit2c01 sagt:

    Zum Thema passend ein kleiner Programmtipp: „Döner, Pizza, Sauerkraut“ ist eine Dokumentation, die der „deutschen Faszination für Restaurants aller Herren Länder“ nachgeht.
    Auch hier der Anspruch, dass Küchenkultur groß geschrieben wird.
    Das Besondere an der Dokumentation ist, dass es sich um eine VJ-Dokumentation handelt und man annimmt, dass dadurch ein besserer Einblick in die Lebens- und Essenswelten der gezeigten Personen gegeben werden kann.
    Zu sehen ist die Sendung noch in der ZDF-Mediathek (über http://www.zdf.de).

  2. Miathies sagt:

    Nun zugegeben, ich zähle zu jenen Fernsehschauenden, die gerne einmal eine Kochsendung parallel zum Zeitungslesen laufen lassen. Es ist so herrlich ungezwungen, dieses Tamtam bei der Essensproduktion zu verfolgen. Man kann sich locker mit etwas anderem beschäftigen und dennoch ist es nicht ausgeschlossen, dass man den ein oder anderen Küchentipp für sich mit nimmt.

    Auf faz.net bin ich auf einen Artikel zum Thema gestoßen. Jakob Strobel y Serra bietet hier interessante und unterhaltsame Interpretationsansätze zum Phänomen Kochsendungen an.

    Als besonders bemerkenswert habe ich diesen Aspekt empfunden:
    Die Etablierung von Kochsendungen im TV kann als Akt des anarchistischen Aufbegehrens gegen die Kantsche Vernunfttyrannei, gegen den materiellen Utilitarismus unseres Leben gewertet werden, so Strobel y Serra. Beim Kochen werde Schönes geschaffen und im nächsten Schritt gleich wieder vernichtet. Strobel y Serra wertet dies als die direkte Verwandlung von Geld in Genuss, als ?Luxus des Carpe Diems?. Ein metaphorisch voller Bauch wird beim Zuschauer auf der anderen Seite der Mattscheibe geschaffen. Das ist es, was den Reiz des Sehens dieses Formats ausmacht: ein Stück Luxus, ein bisschen genießen, die Imago wie die Prominenz einmal ganz ungezwungen und ohne auf den Geldbeutel zu schauen gourmethaft gespeist zu haben.

    Toll wie leicht man Menschen glücklich machen kann, nicht wahr?

    Quelle: Faz.net: Strobel y Serra, Jakob (17.12.2007):Kochen im Fernsehen.Wir haben noch viel mehr Appetit. Download: 23.12.2007.16:48 Uhr.URL: http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429
    A182360/Doc~E5CB1A5DD7DA14DBDABD63E325F
    5714F2~ATpl~Ecommon~Scontent.html?rss_
    aktuell.

  3. 008708571 sagt:

    Ich würde auch vorschlagen, dass man neben den Sendungen, wo es um die XXL Portionen geht, auch Sendungen über die hungernde Menschen zeigen sollte. Es ist schon schrecklich anzusehen wie die Menschen diese riesigen Portionen Essen in sich reinstopfen, aber was noch schlimmer ist, ist dass die Meisten bei diesen ?Esswettbewerben?, es nicht einmal schaffen die Hälfte ihrer Portionen aufzuessen. Somit wird eine riesige Menge an Nahrungsmitteln einfach weggeworfen.

    Man soll sich vielleicht auch mal an die Christliche Religion erinnern. Laut derer zählt die ?Völlerei? (Fresssucht, Unmäßigkeit usw.) zu den sieben Todsünden und das Wort Gottes sollte man sich zu Herzen nehmen.

Design übersetzt und angepasst von Christian Moeris, Christian Lehberger & Linda Manuel. Basierend auf dem Theme GlossyBlue von N.Design Studio.
Bild Radioskala: © Jürgen Acker / PIXELIO