Kinderleichter Journalismus

geschrieben von Marcel Piest in Allgemeines, MedienkritikKommentar schreiben

Nachrichten zu schreiben, ist nicht gerade der einfachste Job. Vor allem mit der Verständlichkeit kann es schnell problematisch werden. Viele verschiedene Faktoren müssen beim Schreiben der Nachricht bedacht werden: Welches Vorwissen darf beim Rezipienten vorausgesetzt werden? Welches sprachliche Niveau ist angemessen? Was ist der Kern der Information und wie viel Platz kann/soll/darf/muss in der Zeitung oder im Programm gefüllt werden? Das sind nur einige Fragen, die eine Rolle spielen.

In der Praxisliteratur heißt es bei Walther von La Roche* zur Sicherung der Verständlichkeit unter anderem: “Bringen Sie nur, was Sie selbst verstanden haben”, “Berichten Sie anschaulich und genau”, “Erklären Sie Begriffe”, “Zeigen Sie Zusammenhänge auf”, “Suchen Sie nach dem treffenden Wort”, “Verwenden Sie das richtige Wort” und “Vermeiden Sie Behördendeutsch”. Das alles sind Forderungen, die auch ich mir von meiner Zeitung Tag für Tag wünsche.

Sicherlich sind die hier aufgeführten Vorgaben für die Praxis nicht bei allen Themen einfach umsetzbar. Vor allem bei sehr komplexen Themen bleibt meiner Meinung nach die Verständlichkeit oft auf der Strecke. Dies betrifft nicht nur Nachrichten, sondern auch umfassendere Beiträge z.B. über die Föderalismusreform, die Finanzmärkte oder aber auch über die Rechtssetzung der Europäischen Union. Das sind Themen, bei denen die Leistung der Journalisten meiner Meinung nach darin besteht, sie so aufzubereiten, dass Komplexität soweit reduziert wird, dass die Inhalte für eine deutliche Mehrheit der LeserInnen (abseits vom Fachpublikum) zugänglich sind, ohne dabei zu starke Informationsverluste in der Sache zu produzieren.

Beeindruckend finde ich in diesem Zusammenhang, wieviel Mühe und Verständlichkeit in Nachrichten für Kinder stecken. Ob nun beim Trierischen Volksfreund mit den “Kindernachrichten” als Beispiel für eine regionale Tageszeitung oder beim Klassiker “Logo”, dort wird Komplexitätsreduktion groß geschrieben. Ein sehr schönes aktuelles Beispiel ist mir vor wenigen Tagen im Radio zu Ohren gekommen. Es handelt sich dabei um die Serie “Tim fragt Tom” bei SWR3. Tagesthemensprecher Tom Buhrow erklärt dort z.B. den Mindestlohn, den Datenschutz, den Leitzins, den Begriff OECD-Staaten oder aber auch die UNO kindgerecht. Fremdwörter werden gemieden, Behördendeutsch wird erklärt und Beispiele illustrieren jeden Gedankenschritt.

Ich gebe hier offen zu, auch ich höre dort gern rein und lese auch ab und zu Kindernachrichten. Da bin ich übrigens laut Volksfreund-Redaktion nicht der einzige. Und weil wir bald Weihnachten haben, will ich in diesem Zusammenhang noch was auf meinen Wunschzettel schreiben: Ich wünsche mir bei dem ein oder anderen Artikel im Politik- oder Wirtschaftsteil meiner abonnierten überregionalen Zeitung ein bisschen mehr von “Tim fragt Tom”. Wenn Zeitungen neue Leser erreichen wollen, dann dürfen sie nicht nur für Akademiker schreiben.

*vgl. Von La Roche, Walther, 2004: Einführung in den praktischen Journalismus, 16., völlig neu bearbeitete Auflage, S. 100-118.

4 Kommentare zu “Kinderleichter Journalismus”

  1. Christian Lehberger sagt:

    Es sei hier erwähnt, dass – so zumindest meine Kenntnisse – der Großteil der Kindernachrichten des Trierischen Volksfreund von der dpa geliefert wird und von der Redaktion nur ausgewählt wird.

  2. Marcel Piest sagt:

    Dann ging das Lob natürlich an die Redakteure der dpa. ;)

  3. Anna Lena Aldag sagt:

    Kann dir nur zustimmen. Komplizierte Sachverhalte einfach darzustellen ist in meinen Augen so ziemlich die schwierigste Aufgabe, die ein Journalist hat. Dass das viele nicht hinkriegen, zeigen ja immer wieder Studien zur Verständlichkeit von Nachrichten, zum Beispiel auch beim Thema Entwicklungsländer und Entwicklungshilfe: http://www.dfid.gov.uk/pubs/files/makingsense.pdf

    Und ich geb gerne zu: Logo, die gute alte “Sendung mit der Maus” und Co. haben mir auch schon Einiges besser erklärt als meine Lehrer. ;)

  4. Frauke Scholl sagt:

    Eine wahrlich wünschenswerte Forderung: Einfache und klare Information, die auch Kinder verstehen können.
    Ich finde es sehr lohenswert, sich auch mal mittels der Kinderseiten von Medien zu informieren. Ich gehöre auch zu den Kinderseiten-Lesern. Und auch zu den Kinderseiten-Surfern. Denn die ARD und ihre Anstalten zum Beispiel bieten im Internet auch (zwar noch ausbaufähige, aber) tolle Kindernachrichten an. Eine Seite der Tagesschau trägt Beiträge aus den Kindersendungen der verschiedenen ARD-Anstalten zusammen. Für alle, die unter anderem endlich mal wissen wollen, wie eine Haushaltsdebatte im Bundestag funktioniert und worüber eigentlich debattiert wird..

    http://www.tagesschau.de/kinder/

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