Neben FDH, Paleo oder Low Carb jetzt auch „SDS“ – Schlank durch Schokolade?

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Laut dieser neuen Wunderdiät soll uns Schokolade beim Abnehmen helfen. Das klingt ja zu schön um wahr zu sein. Ist das denn überhaupt möglich? Eine berechtigte Frage, die jedem von uns direkt durch den Kopf gehen sollte. Aber wieso groß darüber nachdenken, schließlich resultiert das Ergebnis aus einer wissenschaftlichen Studie, also muss es ja stimmen. Diesen Gedankengang verfolgten auch die Journalisten einiger Boulevardblätter, Diäten sind außerdem Topseller. So zum Beispiel die Bild auf der Titelseite:

BILD SDS

Und auch Focus Online zog mit diesen Worten und einem eigenen Videobeitrag nach:

FOCUS SDS

Natürlich bissen auch Frauenzeitschriften, wie zum Beispiel die Brigitte an – ein gefundenes Fressen sozusagen. Sogar in Großbritannien, Australien, USA, Indien, Russland und Nigeria erschien die Meldung in den Medien.

Dumm nur, dass die Studie ein Fake ist. Alles Blödsinn, alles Inszenierung. Dahinter stecken zwei Journalisten, Diana Löbl und Peter Onneken, mit folgender Motivation: Kann man einfach eine Diät erfinden, eine wissenschaftliche Studie dazu durchführen, die Ergebnisse manipulieren und wissenschaftlich publizieren? Und schaffen es die Ergebnisse dann auch in die klassischen Medien?

Hat augenscheinlich geklappt und sogar gar nicht so viel Aufwand gekostet. Alle Fragen sind mit „ja“ zu beantworten. Mit einem völlig sinnfreien Design und 15 Probanden haben die beiden Journalisten ihre „Studie“ durchgeführt. Die Entwicklung und den Verlauf haben die beiden in der Arte-Doku „Schlank durch Schokolade. Eine Wissenschaftslüge geht um die Welt“ festgehalten. Die Doku wurde Anfang Juni bei Arte ausgestrahlt.

Zum einen wird in der Doku die Wissenschaft an sich kritisiert und zum anderen natürlich die Sorgfalt und Gründlichkeit der Journalisten. Neben einer fragwürdigen Wissenschaft spielen Journalisten eine entscheidende Rolle. Peter Onneken bescheinigt seinen Kollegen: „Das Business stinkt, und wir Journalisten machen mit.“ Außerdem beschwert er sich, dass niemand die Echtheit des Instituts oder die dünne Auswahl an Probanden geprüft habe. Die Pressemitteilung, in der sie quasi ein Märchen erzählt haben, sei einfach blind übernommen worden.

Woran liegt es? Haben Journalisten und Rezipienten einfach ein grundlegendes Vertrauen in die Wissenschaft? Sind gekürzte Redaktionsetats für schlampige Recherche und mangelnde Gegenkontrolle von Informationen verantwortlich? Oder wird einfach nur nach dem Motto „wenn die Geschichte zu gut ist, dann bloß nicht recherchieren“ gehandelt? Die Glaubwürdigkeit und die Qualität des Journalismus ist ein Dauerbrenner. Nach dieser etwas unangenehmen Geschichte kann man dennoch auch ein wenig Entwarnung geben, denn neben Bild, Focus Online und anderen Boulevardblättchen veröffentlichte wenigstens keiner der sogenannten Qualitätsmedien die Schokolüge. Ganz so düster sieht es also im heutigen Journalismus nicht aus.

Im Fokus der Doku steht natürlich ebenso das Geschäft mit dem Abnehmen. Und weil die Verbraucher der Wissenschaft grundlegend erstmal Vertrauen und Glauben schenken, werben Abnehm-Programme, wie zum Beispiel „Weight Watchers“ mit immer neuen Studien um ihre Kunden. Die Doku legt allerdings offen, dass die Studien eher selten und nur unter ganz bestimmten Bedingungen aussagekräftig sind. Sie messen oftmals nur Korrelationen und keine Ursache-Wirkungs-Beziehungen, sind sehr einfach zu manipulieren und zu publizieren, wie der Zuschauer am Beispiel der Schokolüge selbst erfährt. Eine veröffentlichte Studie in Wissenschaftsenglisch steigert die Glaubwürdigkeit und Seriosität. Jedoch muss das nicht der Realität entsprechen.

Ein weiterer erstaunlicher Aspekt der Doku, neben der nichtdurchdachten Verbreitung der Boulevardmedien sowie der Einfachheit der Manipulation von wissenschaftlichen Studien, ist die Entwicklung der S3-Leitlinien (zur Vorbeugung und Therapie von Fettleibigkeit) der DAG, der Deutschen Adipositas-Gesellschaft, die sich laut Doku der bestverfügbaren wissenschaftlichen Beweislage verpflichten sollten. Die Ersteller sollten unabhängig sein, was allerdings meistens nicht der Fall ist. Sie sind oftmals genau in diesem Tätigkeitsfeld aktiv und propagieren demnach ihre eigenen Methoden. Vier der sechs Wissenschaftler, die diese „Leitlinien“ entworfen haben, stehen laut Doku in direktem oder indirektem Kontakt zu den einzelnen Programmen. Wissenschaftler und Professor Hans Hauner gibt unverblümt zu: „Eine Art Geschmäckle ist schon dabei“. Solange man es aber offenlege und die Möglichkeiten aufzeige, sei es vertretbar, laut Hauner. Der Leser könne dann ja selbst entscheiden, ob er es akzeptiert oder nicht. Na dann!

Blind vertrauen sollte man einigen wissenschaftlichen Studien also erstmal nicht. Vor allem dann nicht, wenn man Journalist ist und über eine Veröffentlichung nachdenkt. Da lohnt es sich einen genaueren Blick drauf zu werfen und zumindest mal die Echtheit bzw. die Existenz des durchführenden Instituts zu überprüfen.

Ansonsten eine interessante, auf modern gemachte Doku, die entscheidende Fakten in Sachen wissenschaftlicher Studien enthält und einige überraschende Wahrheiten aufzeigt. Mit etwas mehr als 50 Minuten vielleicht ein bisschen zu lang für das Thema, aber dennoch eine gute Idee und Strategie zu zeigen, wie einfach eine Manipulation von Wissenschaft und Medien stattfinden kann.

Die Doku gibt’s hier zum Anschauen: http://www.arte.tv/guide/de/052711-000/schlank-durch-schokolade

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