Terror im Schatten des Terrors

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Gerade in einer Zeit der zunehmenden Digitalisierung und der damit einhergehenden Individualisierung des Medien- und Informationskonsums, entsteht leicht das Gefühl, man wüsste über alles bescheid. Dass einem jede nennenswerte Information vorliegt, alles, was man wissen muss, einem auf irgendwelchen Wegen zugetragen wird. Doch dabei entsteht ein informationeller Tunnelblick und die in der Medienforschung „Gatekeeping“ genannte Funktion des Journalismus verselbstständigt sich, da nur gelesen und rezipiert wird, was dem Konsumenten nahegelegt wird, und nur über das berichtet wird, was den Leser/Zuschauer/Hörer augenscheinlich interessiert. Das Medium schafft erst den Bedarf, nach dem es sich richten möchte. Während die linearen Medien – wie das Fernsehen oder der Rundfunk – dieses Problem weniger betrifft, so sorgt gerade der non-lineare, modulare Aufbau des Internets und der vertretenen Nachrichtenmedien für eine starke Aufmerksamkeitslenkung der Rezipienten.

Während einem dies normalerweise weniger auffällt, da selten mehrere wichtige Ereignisse zeitlich so beieinander liegen, dass sie sich selbst überlagern, so konnte man in dieser Woche dieses Phänomen besonders gut beobachten. Während die Anschläge auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ noch über das Wochenende hinaus starke mediale Resonanz erzeugt, die sich – da die Hauptereignisse längst ausführlich dokumentiert wurden – nunmehr mit den Trauerkundgebungen und – märschen, Hintergründen und gesamtgesellschaftlichen Prognosen auseinandersetzen, noch unterstützt von der Brandstiftung im Verlagsgebäude der Hamburger Morgenpost; so gehen die Anschläge der islamistischen „Boko Haram„-Gruppierung im Norden Nigerias beinahe unter.

Für den flüchtigen Leser unsichtbar

Auf keiner Startseite der großen Zeitungen – von der Süddeutschen bis zur BILD – findet sich heute ein Hinweis darauf, erst durch gezielte Suche oder Stöbern in den einzelnen Ressorts trifft man auf diese Meldungen – einen Aufwand, den sich sicher nur wenige Rezipienten aus purem Interesse machen. Auf der Startseite der Huffington Post finden sich noch am Sonntag Abend über 25 (!) Artikel, die einen direkten oder indirekten Bezug zu dem Attentat auf Charlie Hebdo vorweisen; seien es Mitteilungen unmittelbar aus Frankreich oder Beschreibungen, Reaktionen, Kolumnen, Kommentare zum Attentat selbst und zu seiner Rezeption in sämtlichen politischen Strömungen, Ländern und Gesellschaftsschichten. Wer sich hingegen für Afrika interessieren mag, bekommt einen Reisebericht nach Botswana präsentiert. Nur vom Betrachten der Startseite – und gerade wenn diese derart umfangreich gestaltet ist, bleibt sie auch das Einzige, was der Rezipient sich zur Themenauswahl zu Gemüte führt – bleibt der Leser im Unklaren darüber, dass eben erwähnte Terrormiliz diesen Donnerstag die nigerische Stadt Baga quasi dem Erdboden gleichgemacht hat; bis zu 2000 Tote werden befürchtet. Dass sich gestern am Nachmittag wohl ein 10-jähriges Mädchen im Auftrag der Terroristen auf einem Marktplatz in die Luft sprengte und zwanzig Menschen in den Tod riss. Dass der Terror also – in letzter Konsequenz – auch in Afrika immer mehr Fuß fasst.

Wer die entsprechenden Suchbegriffe bei Google und Konsorten eingibt, kriegt schnell eine Reihe von Artikeln angeboten, von den meisten Tageszeitungen, die aber keinerlei Hinweise auf ihrer Startseite haben. Obwohl also der Nachrichtenwert bewiesen ist, obwohl hier Recherchen durchgeführt und Texte geschrieben wurden, trotz alledem bleibt der gemeine Leser im Unklaren. ZEIT online beispielsweise dokumentiert die Vorfälle; aber um darauf zu stoßen muss unten auf der Startseite vom Politikressort aus die Rubrik Außenpolitik gewählt und viel gescrollt werden.

Ein deutsches Phänomen? Und warum?

Jetzt mag man sich sicher fragen, warum die deutschen Medien (internationale Informationsportale scheinen hier insgesamt mehr Informationen zu geben: siehe hier oder hier) ein derartiges Thema so zurückstellen. Liegt es daran, dass der gemeine Leser kaum Identifikationspotential mit einem der ärmsten Länder dieser Erde hat? Dass man „ja schon weiß“, dass die Menschen in Afrika „arm dran“ sind? Liegt es an der räumlichen Distanz? Oder sind die Anschläge auf ein französisches Magazin einfach so viel wichtiger für den deutschen Leser?

Man kann sicher darüber debattieren und wird vielleicht irgendwann zu dem Fazit kommen, das der Anschlag in Frankreich durch seine Symbolwirkung mehr Aufmerksamkeit verdient, den Terror nach Europa trägt und eine fundamentale Freiheit der westlichen Welt bedroht. Vielleicht kommt man aber auch zu dem Fazit, dass der Terror in Nigeria, getragen von einer antiaufklärerischen, extremistischen Gruppierung, die sich dort gerade erst entwickelnden Freiheiten um ein vielfaches mehr bedroht als er es in einer derartig gefestigten Wertegemeinschaft wie Frankreich könnte.

Um im langen Bogen zum Anfang zurückzukommen: die meistgelesenen Themen auf der Zeit Online Seite betreffen – sicherlich nicht Nigeria. Und wo kein Interesse der Leser, da auch kein Interesse an verstärkter Berichterstattung, oder Aufmerksamkeitsgenerierung. Es gibt kein Interesse seitens der Leser – und deswegen keine Berichterstattung, die dieses Interesse erst wecken könnte.

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Ein Kommentar zu “Terror im Schatten des Terrors”

  1. [Trierer Medienblog] Terror im Schatten des Terrors | netzlesen.de sagt:

    […] http://weblog.medienwissenschaft.de/archives/17935 […]

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