Sprache im Netz: Wie uns Onlinezeitungen zum Klick verführen wollen

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Schon seit jeher verfolgen Journalisten vorrangig ein Ziel: Ihre Texte sollen gelesen werden. Publizität ist neben Aktualität, Universalität und Periodizität ein wesentliches Kriterium des Mediums Zeitung. Der Lohn für tiefgründige Recherche, originelle Formulierung und spannende Texte ist die Aufmerksamkeit der Leser.

So sollte es zumindest sein. Denn seit der Etablierung von Online-Medien hat sich eines verändert: Der Erfolg einzelner Beiträge innerhalb eines Angebots ist quantifizierbar geworden. Konnte man im analogen Zeitalter anhand von Verkaufszahlen, Abonnements und der Auflage die Größe der Leserschaft einer Zeitung bestimmen, ist es in der digitalen Epoche längst möglich, anhand der Klickzahlen einzelner Artikel Rückschlüsse auf sie zu ziehen. Somit werden diese Klickzahlen zur Maßeinheit im Netz – und im Kampf um diese hat sich auch die Sprache verändert. Als Beispiele hierfür lassen sich insbesondere zwei Webportale nennen, die im Gegensatz zu den zahlreichen Onlineangeboten der etablierten Printmedien von Anfang an nur im Netz zuhause waren: Die „Huffington Post“ und „Heftig.co“.

Schaut man sich die Startseiten dieser beiden Websites an, so fällt eines ins Auge: Eine zentrale Rolle spielen hier Überschriften und Bilder; längere Texte oder zumindest Vorspanne für Artikel sind von stark untergeordneter Bedeutung. Bei „Heftig.co“ fehlen diese gar komplett – die Startseite besteht fast ausschließlich nur aus Bildern und Überschriften. Diese sind zugleich Hyperlinks, die von der jeweiligen Startseite als Absprungstelle auf portal-interne Seiten mit dem eigentlichen Inhalt verlinken.

Dabei fällt nicht nur die auffällige optische Gestaltung dieser Links ins Auge (wie etwa die große, bunte Schrift bei der „Huffington Post“), sondern auch die sprachliche Gestaltung. Die Seiten gehen mit einem Stil vor, der Überschrift und Cliffhanger verbindet. Exemplarisch zu nennen sind etwa die Überschriften „Tierschützer befreien Elefanten nach 50 Jahren Gefangenschaft. Dann passiert etwas Magisches“ oder „9 Monate. 98 Männer. Das habe ich gelernt“ bei der Huffington Post. Während die „Huffington Post“ auch noch teilweise längere, einführende Texte auf ihrem Portal anbietet, geht „Heftig.co“ bei all seinen Links nach diesem Muster vor. Beispiele hierfür sind: „Was macht man, wenn die Liebe nachlässt? Ich wollte es selbst nicht glauben, aber die Lösung ist denkbar einfach!“, „Es ist nur eine Minute. Aber diese Rede von Jim Carrey kann dein Leben verändern. Für immer!“ oder „Etwas bewegte sich im Brunnen. Als er es erkannte, stockte ihm der Atem.“ Die genannten exemplarischen Überschriften stehen alle ohne weitere Informationen und nur begleitet von einem Bild auf der Startseite.

Das Ziel dieses Vorgehens ist offenkundig: Die Leser sollen neugierig gemacht und dazu gebracht werden, die Links zu den einzelnen Beiträgen anzuklicken – ohne dass vorher dargestellt werden muss, welcher konkrete Inhalt in diesen enthalten ist. Aufmerksamkeit als Lohn für tiefgründige Recherche, originelle Formulierung und spannende Texte wirkt vor diesem Hintergrund geradezu anachronistisch.

 

Quellen:

  • Bucher, Hans-Jürgen, 1999: Die Zeitung als Hypertext. Verstehensprobleme und Gestaltungsprinzipien für Online-Zeitungen. In: Lobin, Henning (Hrsg.): Text im digitalen Medium: Linguistische Aspekte von Textdesign, Texttechnologie und Hypertext-Engineering. S. 9-32. Opladen: Westdt. Verlag.
  • Neuberger, Christoph, 2003: Online – die Zukunft der Zeitung? Das Engagement deutscher Tageszeitungen im Internet. 2. Auflage. Wiesbaden: Westdt. Verlag.
  • http://www.huffingtonpost.de/, Zugriff am 08.07.2014, 11:00 Uhr
  • http://heftig.co/, Zugriff am 08.07.2014, 11:00 Uhr

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