Web 2.0 und elektronisches Publizieren für die Wissenschaft
geschrieben von Andreas Breitbach in Allgemeines, Internet, Kommunikationsformen, Medienwandel, Online-MagazineKommentar schreibenAls Linux-Nutzer und entsprechend von nahezu allem, was irgendwie Open-Source-haltig ist, angesprochener Mensch, kann ich jetzt mal zu einem meiner Lieblingsthemen bloggen: Open Access. Oder wie die Trierer Uni auch in 50 Jahren noch Artikel aus wissenschaftlichen Fachzeitschriften/von wissenschaftlichen Autoritäten trotz der imposanten Preise beziehen kann.
“Wir stehen vor einer Revolution in der wissenschaftlichen Kommunikation. Die heutigen Geschäftsmodelle sind nicht haltbar und werden von einer Ära der wissenschaftlichen Mash-ups abgelöst werden”, sagt Tony Hey über das Modell des Open Access. Er ist Doktor der Physik und derzeit bei Microsoft Research verantwortlich für den Bereich Technical Computing.
Das Kernproblem, welches Open Access angreift, ist folgendes: Wissenschafltiche Forschung setzt Veröffentlichungen voraus, um diese allerdings lesen zu können, muss man zuerst das Abonnement einer wissenschaftlichen Zeitschrift zahlen. Die Verlage zahlen aber weder Honorare an Autoren oder Rezensenten, sondern sind nur mit dem Redigieren, Kommentieren und Veröffentlichen beschäftigt, vergleichsweise wenig aufwendigen Arbeiten. Die operative Marge von entsprechenden Verlagen liegt teils um die 15%, die Abos sind buchstäblich “schweineteuer”, zb. für die in der Abteilung der Medienwissenschaft in der UB bezogene Zeitschrift ?Media, Culture & Society? um die 1000?.
Barbara Cohen, ehemalige Redakteurin bei Nature Genetics, vergleicht das Entstehen einer wissenschaftlichen Arbeit mit einer Geburt: “Es dauert eine Weile, ist äußerst schmerzhaft, und man freut sich, wenn das Baby endlich auf der Welt ist. Mit einem entscheidenden Unterschied: Bei Fachartikeln gehört das Kind der Hebamme. Die Verlage bestimmen, welche Besuchsrechte die Eltern haben, und man muss dafür auch noch bezahlen.” Sie arbeitet nun bei der Public Library of Science (PLoS). Sobald dort ein Artikel durch den Peer-Review-Prozess(Kontrolllesen durch Fachkollegen) “durch” ist, wird er online veröffentlicht. Für den Abruf entstehen keinerlei Gebühren. Derzeit gibt es welweit 2600 Zeitschriften, die nach diesem Verfahren operieren, dies sidn ein Viertel mehr als 2005.
Die Entwicklung begann Mitte der 90er Jahre, angestossen von der Entwicklung des Internet und der offenen Gestlatung des Human Genome Project. Um das Jahr 2000 wurden erste Systeme für das Deponieren und die Suche nach Forschungsarbeiten via Computer entwickelt. Bislang sind allerdings erst 10 bis 15 % aller Forschungsarbeiten offen zugänglich, Grund für die fehlenden 85 bis 90 % sind fehlende Kenntnisse der Wissenschaftler über die neuen Wege und ihre Rechte. Ein Weg, den Wissenschaftlern die Arbeit abzunehmen, wäre die Archivierung durch die betreffenden Institutionen(Uni, Forschungsanstalt, etc.); dies setzt jedoch zumeist eine zwingende Archivierung durch ebenjene Institutionen voraus, und diese ist in verschiedenen Ländern und an verschiedenen Hochschulen nicht vorgeschrieben.
Die Wende folgte dann 2000 mit der Budapest Open Access Initiative, einer Veranstaltung des Open Society Institute des Multimillardärs George Soros. Seitdem können die Autoren veröffentlichte Aufsätze bei den teilnehmenden Verlagen zumindest selbst frei zugänglich machen, indem sie entsprechende Gebühren an die Verlage zahlen. Auch in Arbeit sind eine Kommentarfunktion und ein Dienst für Zusammenfassungen, die ein anderes Umgehen mit wissenschaftlicher Literatur erlauben würden. Auch der Zugriff auf die Basisdaten für wissenschaftliche Veröffentlichungen soll möglich werden, manche Fachbereiche arbeiten schon mit Formen der Online-Veröffentlichung wie Blogs, Wikis oder Labor-Logbüchern, um Beobachtungen, die für eine ganze Veröffentlichung nicht ausreichen, den Kollegen mitzuteilen.
In Europa und den USA gibt es entsprechende Initiativen durch die politischen Institutionen, nur Deutschland entwickelt sich (mal wieder) etwas anders: Die Novelle des Urheberrechts, die vergangenen Donnerstag im Bundestag verabscheidet wurde, sieht vor, dass elektronische Publikationen, die von einer Hochschule lizenziert wurden, nur noch in deren Räumlichkeiten eingesehen werden können. Elektronische Kopien sollen untersagt werden, wenn ein Verlag ebensolche anbietet. Zudem darf das Nutzungsrecht an einem Artikel nicht an den Autor zurückfallen. Der bislang schon praktizierte Versand von Zeitschriftenartikeln als Bitmap-PDF(die nicht-durchsuchbare Form, weil der Text nur als Bild abgelegt wird und nicht als Text) ist weiterhin erlaubt, eine komfortablere Nutzung durch eine Durchsuchbarkeit solcher PDFs offenbar nicht.
Quellen: Mash-Ups für Professoren,
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