Zu behindert für’s TV? – Wie Berührungsängste&Ästhetikansprüche die Berichterstattung über Menschen mit Behinderung beeinflussen.

Die Paralympics in London 2012 waren in der Geschichte des Behindertensports, auch aus medialer Perspektive, die größten  aller bisherigen Paralympischen Spiele. ARD und ZDF berichteten ganze 65 Stundenaus London, vier Jahre zuvor bei den Paralympics in Peking waren es noch halb so viele. Wie bei den Olympischen Spielen auch, können natürlich nicht alle Themenbereiche voll übertragen werden, vieles wird gekürzt oder außer Acht gelassen.

Besonderer Beliebtheit erfreuen sich der Rollstuhlbasketball und die paralympische Leichtathletik. Carbon Prothesen und das schnelle Spiel der trainierten Rollstuhlbasketballer wecken das Interesse,beeindrucken die Zuschauer und finden daher viel Platz in der medialen Berichterstattung. Atheleten mit schwerer körperlicher oder geistiger Behinderung werden dagegen nur selten gezeigt, sie entsprechen häufig nicht den Ästhetikansprüchen der Zuschauer. Im „Journalist“ Artikel „Bitte nicht zu behindert“, wird der Medienwissenschaftler Christoph Bertling von der Sporthochschule Köln zitiert: „Es gibt kaum Bilder,die eine starke Behinderung zeigen. Das ist eine journalistische Selektion. Aber wir müssen bedenken, was das für eine Auswirkung auf das Bild von Behinderten in der Gesellschaft hat.“

Mit der bestmöglichen Berichterstattung über Menschen mit Behinderung beschäftigt sich auch die Website leidmedien.de. Sie möchte etwas gegen einseitige, fantasielose oder gar erniedrigende Berichterstattung über Menschen mit Behinderungen tun. Medien vermitteln häufig das Bild der „armen Behinderten“ die „trotz“ ihrer körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung „mutig ihr Leben meistern“. Leidmedien.de möchte dieses Bild ändern. Eine solche Berichterstattung habe nichts mit dem Alltag der Behinderten zu tun, denn diese täten schließlich Dinge nicht „trotz“ ihrer Behinderung, sondern einfach mit ihr, es gäbe kein Grund sie auf ihr „Leiden“  und ihre Defizite zu reduzieren, so die Website.

Die Angst vor der Reaktion des Publikums beeinflusst die mediale Berichterstattung enorm. Welche Bilder können gezeigt werden, was könnte Angst, Unbehagen oder gar Abwendung hervorrufen? Da der Behindertensport in Deutschland nur wenig Beachtung findet, fehlen vielen Menschen die Berührungspunkte mit behinderten Menschen. Die Offenheit mit der die Athelten bei den Paralympics dann mit ihrer jeweiligen Beeinträchtigung umgehen,schockiert dann Viele; das Aussehen schwerbehinderter Menschen wiederspricht den sonst im Sport vorherrschenden Ästhetikansprüchen.

Dass der häufig missachtete Behindertensport auf einmal in vermehrter Form in den Medien stattfindet, ist ein erster Schritt zu einer ausgewogenen Berichterstattung, die behinderten Menschen auch die Chance gibt ihre Stärken und Talente in den Medien zu präsentieren und andere Menschen mit Behinderungen zu ermutigen, sowie die  bestehenden Berührungsängste abzubauen.
Es bleibt jedoch abzuwarten, ob der Behindertensport je die gleiche mediale Präsenz wie „normale“ Sportevents erreicht.

Quellen:

Maaßen, Hendrik & Steimer, Miriam: „Bitte nicht zu behindert“ in: Journalist (10, 2012) S.70-75

Website Leidmedien.de : http://leidmedien.de/ aufgerufen am 18.11.12

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2 Gedanken zu „Zu behindert für’s TV? – Wie Berührungsängste&Ästhetikansprüche die Berichterstattung über Menschen mit Behinderung beeinflussen.

  1. Ob Ereignisse wie die Paralympics je dieselbe mediale Präsenz erreichen wie – wie du sagst – „normale Sportevents“, wage ich auch zu bezweifeln. Es scheint sich fast so zu verhalten wie Frauenfußball zu Männerfußball. (Auch wenn dieses Beispiel (meist) keine Menschen mit Behinderungen einschließt, so scheint es doch in einem ähnlichen Verhältnis zu stehen.)

    Des Weiteren ist mir vor einigen Wochen im Kino aufgefallen, dass es neue Werbung gibt, die wohl dazu aufrufen will, die UN-Behindertenrechtskonvention umzusetzen unter dem Motto „einfach machen“, was ich sehr schön fand, denn soweit ich mich erinnern kann, war das das erste Mal, dass ich bewusst eine Werbung, die sich für Behinderte einsetzt, wahrgenommen habe.
    Vielleicht ist das ja ein Schritt in die richtige Richtung, auch wenn ich es schade finde, dass überhaupt sowas wie Werbung notwendig ist, denn eigentlich sollte die Integration von Menschen mit Behinderungen in unseren Alltag, naja, alltäglich sein.

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