In gut einer Woche ist es soweit: Musiker aus ganz Europa werden beim 57. Eurovision-Song -Contest ihr Können unter Beweis stellen. Die wichtigste Musikveranstaltung in Europa wird in diesem Jahr in Aserbaidschans Hauptstadt Baku ausgetragen, da im Vorjahr das aserbaidschanische Duo Ell und Nikki den Contest-Titel in Deutschland erringen konnte.
Allerdings blicken viele Menschen der Musikshow äußerst kritisch entgegen. Aus Aserbaidschan hört man, dass die Regierung bzw. das Regime immer wieder massiv gegen die Menschenrechte verstößt. Gegen den Willen der Reporterin Chadidscha Ismailowa von Radio Free Europe, habe man ein Sexvideo von ihr veröffentlicht, da diese wohlmöglich gegen das Regime wetterte. Außerdem drangen Polizisten in die Wohnung der prominenten Menschrechtsaktivisten Leyla Yunus ein, ohne jedoch einen Durchsuchungsbefehl zu haben. „Willkürjustiz und Haft für Andersdenkende“ heißt es in einem Artikel auf der Onlineseite der Zeitschrift „focus“.
Die aserbaidschanische Regierung lässt sich von der Kritik kaum beeindrucken. Stattdessen reagiert sie im Staatsfernsehen mit sogenannten Schmutzkampagnen, in denen andere Orte auf der Welt extrem schlecht dargestellt werden. Wegen der Vielzahl an Kritiken aus deutschen Medien wurde Frankfurt als Ort dargestellt, „der von gewalttätigen Drogensüchtigen, Prostituierten und armen Zeltbewohnern bevölkert wird“.
Der Eurovision-Song-Contest soll vom Regime zur „Schönfärberei“ missbraucht werden. Die Regierung sehe darin eine Möglichkeit sich als „modernes, westlich orientiertes Land zu präsentieren.“ Getreu nach dem Motto „Mehr Schein als Sein“. Die Regierung hoffe, mit einer gewaltigen Show und der hohen Aufmerksamkeit europäischer Medien als demokratisches Land zu erscheinen. Die Direktorin des politischen Forschungszentrums Baku (“Center for National and International Studies”), Leyla Alieva, äußerte sich gegenüber Journalisten folgendermaßen: „Die Regierung hat Fassaden gebaut. Der Eurovision Song Contest ist Teil dieser Fassade, die den Eindruck erwecken soll, dass wir ein europäisches Land sind. Europäisch zu sein, bedeutet für sie: europäische Lieder singen, europäische Geschäfte haben. Wenn Sie nach Baku kommen, wird ihnen die Stadt sehr europäisch vorkommen.”
Mit der hohen Aufmerksamkeit der europäischen Medien, so heißt es, soll dies erreicht werden. Ja, die Medien werden einen großen Einfluss darauf haben, wie uns die politische Lage in Aserbaidschan vermittelt wird. Markus Löning, Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung, fordert die Teilnehmer des ESC auf, sich kritisch zu der Lage zu äußern und damit eine Inszenierung des aserbaidschanischen Regimes zu verhindern.
Sollte die Veranstaltung überhaupt in diesem Land stattfinden? Ich denke, es ist die richtige Entscheidung den Contest dort zu belassen. Wenn die Medien vor und nach dem ESC ausführliche Hintergrundberichte über die politischen und rechtlichen Bedingungen in diesem Land ausstrahlen und wie Markus Löning fordert, sich die Beteiligten kritisch äußern, wird die Regierung Aserbaidschans eventuell mehr unter Druck gesetzt, um im Land etwas zu ändern.
Niggemeier, Stefan (2012): Kritik am Eurovision Song Contest, http://www.spiegel.de/kultur/musik/human-rights-watch-kritisiert-grand-prix-land-aserbaidschan-a-828199.html, Aufrufdatum: 18.05.2012, 14.30 Uhr.
Jub/ dpa (2012): „Hier wirst du wie ein verrücktes Tier behandelt“, http://www.focus.de/kultur/musik/tid-25840/eurovision-song-contest-2012-in-baku-hier-wirst-du-wie-ein-verruecktes-tier-behandelt_aid_754341.html, Aufrufdatum: 18.05.2012, 15.00 Uhr.



